Seebrücke-Aktivistin Vera Bonica fordert die sofortige Evakuierung von Moria. FOTO: CSK
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Seebrücke-Aktivistin Vera Bonica fordert die sofortige Evakuierung von Moria. FOTO: CSK

"Die Zeit der Betroffenheitsreden ist vorbei"

  • vonChristian Schneebeck
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Gießen(csk). Am Ende stehen etliche leere Stühle vor dem Rathaus und im Foyer. Spontan haben Demonstranten sie vom Kirchenplatz dorthin getragen - als stilles Zeichen des Protestes. "Wir haben Platz" hat die Flüchtlings-Hilfsorganisation "Seebrücke" ihren bundesweiten Aktionstag am Samstag überschrieben. Es geht um die Evakuierung des Flüchtlingslagers Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Die mitgebrachten Stühle versinnbildlichen auch in Gießen, wo gut 250 Menschen zu der Demonstration gekommen sind, das Motto. Außerdem dienen sie dazu, Bilder von Kindern aus Moria zu zeigen. "Die Zeit der Betroffenheitsreden ist vorbei", setzt Vera Bonica anfangs den Ton für die halbstündige Kundgebung. "Jetzt sind Taten gefragt!" Politiker kämen deshalb nicht zu Wort, erklärt sie. Gleichwohl ist in der Folge natürlich ständig von Politik die Rede. Als Hauptredner kritisiert Luca Steinbeck (Seebrücke) die Bundesregierung denkbar scharf. Dass Innenminister Horst Seehofer nun 100 bis 150 unbegleitete Minderjährige aus dem Lager aufnehmen und weitere 250 in der EU verteilen wolle, sei "lächerlich". Vielmehr müssten alle 13000 Menschen aus Moria geholt werden. "13000 ist keine große Zahl für unser reiches Land", sagt Bonica.

Immer wieder verdeutlichen die Aktivisten, dass die Zustände auf Lesbos längst unerträglich seien. Im Frühjahr, so Bonica, habe man unter den Augen der Weltöffentlichkeit noch "am Abgrund einer humanitären Katastrophe" gestanden. "Seit Dienstagnacht sind wir einen Schritt weiter." Mehrere Brände hatten das Lager vergangene Woche fast vollständig zerstört. Am Donnerstag boten daraufhin die Oberbürgermeister zehn deutscher Städte - unter ihnen Gießens OB Dietlind Grabe-Bolz - mit einem offenen Brief an Seehofer und Bundeskanzlerin Angela Merkel an, Geflüchtete aus Moria aufzunehmen. Man müsse handeln, statt auf eine gesamteuropäische Lösung zu warten, heißt es in dem Brief.

Von den Demonstranten erhält diese Initiative viel Applaus. Allerdings betont Steinbeck, dass Gießen durchaus mehr als die angebotenen bis zu 40 Plätze für Kinder und Jugendliche bereitstellen könne. Geflüchteten zu helfen sei "eine moralische und rechtliche Verpflichtung" und der oft bemühte Verweis auf die EU nur das Wegschieben von Verantwortung. Dass mit der Aufnahme ein "Pull-Effekt" entstehe, also weitere Menschen zur Flucht motiviert werden könnten, bezeichnet Steinbeck als "zynisch" und "sachlich falsch". Hierzulande Corona-Abstände einzuhalten und von der Pandemie gefährdete Menschen in Moria "eng auf eng" hausen zu lassen, nennt er "rassistisch".

Nach den beiden Reden treten weitere Teilnehmer an das offene Mikrofon. Musik oder irgendeiner anderen Form von "Happening" erteilt Bonica eine schroffe Absage. "Uns ist heute nicht danach zumute", sagt sie. Wenig später schnappen sich zig Demonstranten dann ihre Stühle und ziehen los in Richtung Rathaus.

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