Im Zeichen der Liebe

  • Manfred Merz
    vonManfred Merz
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Impulsiv, schwelgerisch und fordernd: Romantische Musik aus Deutschland und Italien hat im Stadttheater Tradition. Dirigent Eraldo Salmieri setzt beim Sinfoniekonzert auf große Namen. Das Orchester spielt motiviert auf.

Der italienische Dirigent ist in Österreich geboren, der deutsche Komponist in Venedig gestorben und im Orchester spielt ausgerechnet der Schotte das Englischhorn – im Musentempel am Berliner Platz führt am Dienstagabend wieder einmal multikultureller Feingeist das Zepter. Gastdirigent Eraldo Salmieri hat beim Sinfoniekonzert im Stadttheater mit Wagner, Verdi und Bellini drei Großmeister im Angebot und mit Fasching nichts am Hut. Komponist Nino Rota mausert sich zur Überraschung des Abends.

Opernspezialist Salmieri agiert am Pult gewohnt impulsiv. Er gibt dem Philharmonischen Orchester Gießen ein forsches Tempo vor, fordert die Musiker, stachelt sie an, ermuntert aber auch zum Schwelgen, um dann urplötzlich zackige Vorgaben für einen punktgenauen Sound zu machen. Die Geiger lässt er mal butterweich und streichzart aufspielen, um im nächsten Moment ein imposantes Fortissimo zu verlangen, das ohne Crescendo herausgeschossen wird.

Den Höhepunkt des Abends bilden die sinfonischen Ausschnitte aus Richard Wagners letzter Oper »Parsifal«, die er kurz vor seinem Tod 1883 in Venedig als Abschiedswerk hinterlässt. Breit, langsam, ja gelassen zelebriert Salmieri die Orchesterpassagen dieses Bühnenweihfestspiels. Er lotet die menschliche Tiefe aus, streift Klingsors Reich, lässt Amfortas leiden, immer auf der Spur des reinen Toren Parsifal.

Die hierzulande fast nie gespielte sinfonische Suite »Il Gattopardo« des Italieners Nino Rota erweist sich als stimmungsvolle Filmmusik und veritabler Schlusspunkt des Konzerts. »Der Leopard« hat seine Krallen geschärft. Claudia Cardinale, Burt Lancaster und Alain Delon waren in dem Film aus dem Jahr 1963 die Stars, am Dienstag sind es die Musiker, die jede Stimmungsschwankung in der Partitur minutiös aufgreifen und mit ihren Soli begeistern. Jiri Burian verleiht seiner Geige Flügel, Anna Deyhle liebt den Klang ihrer Klarinette, Gottfried Köll ist ein Meister an der Oboe, Carol Brown wie immer eine strahlende Querflötistin und der Schotte Peter Sanders hat das Englischhorn im Griff. Ausführlicher Applaus vom Publikum ist allen gewiss.

Im ersten Teil des Konzerts setzt Salmieri auf drei Ouvertüren. Auch wenn die Komponistennamen Großes verheißen, bleibt es doch ein oberflächliches Klanggewitter, das auf der Bühne ausbricht. Vincenzo Bellinis Ouvertüre zu seiner Oper »Norma« brandet auf, mit Verve, liebkost kurz die sensitiven Motive, um sich danach ebenso schnell wieder aus dem Staub zu machen. Giuseppe Verdis Oper »I vespri siciliani« gilt womöglich deshalb nicht als sein größter Wurf, weil der Altmeister in Paris zum ersten Mal einen französischen Text in Klänge kleiden musste. Fünf Stunden sollte das Werk dauern, was Verdi mit einem »Puh!« quittierte. Und dann war auch noch der letzte Akt so gar nicht nach des Meisters Dramaturgenherz gestrickt. Gut möglich, dass er die Ouvertüre zu seiner sizilianischen Vesper nur als Pausenbrot verstand, weil er sie kurzerhand von einer seiner anderen Opern auslieh, was trotz allgegenwärtiger Klangschönheit ein Geschmäckle aufweist.

Wagners zweite Zutat an diesem Abend ist die Ouvertüre zu seinem Frühwerk »Das Liebesverbot«. Was im Titel nach Jugendsünde klingt, hört sich auch so an. Aufbrausende Jahrmarktsmusik nach Art einer Opéra Comique steht im leitmotivischen Wechsel mit ernsten Wagnerschen Klängen. Ein Techtelmechtel der besonderen Art. Das motiviert aufspielende Orchester gibt unter Salmieri dennoch alles im Zeichen der Liebe.

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