Zehn Jahre Rauchverbot

Zehn Jahre rauchfrei: Dieses Fazit ziehen Gießens Gastronomen

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
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Man aß ein Menü, vom Nebentisch wehte Rauch herüber. Unvorstellbar! Seit zehn Jahren sind Gießens Gaststätten qualmfrei. Die meisten Wirte sind zufrieden – dank einer Nachbesserung.

Das Schlimmste waren die Pfeifen- und Zigarrenraucher." Peter Haas erinnert sich mit Schaudern. "Sagen konnte man ja kaum etwas. Man hat versucht, die Leute so zu setzen, dass sich möglichst wenige andere Gäste gestört fühlten", erzählt der Seniorchef des Gießener Schlosskellers. Während man ein edles Menü zu sich nimmt, wird am Nebentisch gequalmt: Das kann sich heute kaum noch jemand vorstellen. Zehn Jahre nach Einführung des Rauchverbots in Gaststätten äußern sich die meisten Wirte bei einer kleinen GAZ-Rundfrage zufrieden. Etliche Kneipenbetreiber berichten allerdings von Umsatzrückgängen: Gäste hielten sich nicht mehr so lange bei ihnen auf wie früher.

Gäste brechen früher auf

Damals wie heute sind sich alle einig: Die Zigaretten aus Speiserestaurants zu verbannen, war sinnvoll. "Schade, dass das Verbot nicht schon früher kam", findet Peter Haas. Es von sich aus zu verhängen, wagte kaum ein Gastronom – auch er nicht. Den Trend zum früheren Aufbruch beobachtet indes auch er: "Mittags haben es die Leute sowieso eiliger. Aber auch abends bleiben sie nicht mehr so lange sitzen."

Ob das nur am Rauchverbot liegt? Stefan Herzog ist skeptisch. Eine gewisse Ruhelosigkeit sei ja ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, dazu passe auch das "Gaststätten-Hopping". In den Augen des Kreisvorsitzenden des Hotel- und Gaststättenverbands hat sich die Regelung "etabliert", jedenfalls seit per Gerichtsentscheid eine Nachbesserung erzwungen wurde. Ein Dreivierteljahr nach dem Verbot durften kleinere "Einraumkneipen" nun doch zum Raucherlokal werden. Zu essen gibt es dort höchstens Kleinigkeiten, Jugendliche unter 18 Jahre haben keinen Zutritt.

"Jeder findet seine Klientel. Wir haben eine ganze Reihe solcher Raucherkneipen", so Herzog. Größere Gaststätten konnten einen abgetrennten Raucherraum einrichten. Den hätten etliche inzwischen wieder abgeschafft, etwa das Ihring’s in der Ludwigstraße. "Die Leute rauchen eher draußen." Das gelte auch für Mitarbeiter, die für ihre Zigarette nun eine Pause einlegen müssen. Das könne gelegentlich zu Konflikten führen, räumt Herzog ein.

So war es früher überall: Wer die "Kleine Kneipe" am Marktplatz betritt, steht unmittelbar in einer Mischung aus Qualm und Biergeruch. "Es war total blöd", erinnert sich Christel Noe, die am Zapfhahn steht, an die ersten Monate, in denen die Gäste häufig vor der Tür standen oder gleich wegblieben. Groß war die Erleichterung über die Raucherlokal-Regelung. "Ich muss doch meinen Nikotinspiegel hochhalten", sagt ein 50-Jähriger am Tresen. Dort sitzen manchmal auch Nichtraucher, aber sie fühlten sich nicht belästigt: "Sie wissen ja, wohin sie gehen."

Sucht besiegt dank Verbot?

Die Gesundheit der Bedienungen stand im Vordergrund der Nichtraucherschutzgesetze. "Früher hatten unsere Servicekräfte häufig Kopfschmerzen", berichtet Carola Bahnsen, Inhaberin des Café Geißner. "Von unseren 27 Mitarbeitern sind nur zwei selbst Raucher." Das Café richtete zunächst einen Raucherraum ein, "aber der war meistens leer". Stattdessen wurden zwei Tische draußen als "Raucherlounge" eingerichtet. "Ob wir das beibehalten, steht noch nicht fest. Schließlich werden die Gebühren für Außenbestuhlung fast verdoppelt", sagt Carola Bahnsen.

Selbst bei kühlen Temperaturen sitzen mittlerweile etliche Gäste draußen, mitunter eingemummelt in Fleecedecken. Dieser Trend habe wohl unter anderem mit dem Rauchverbot zu tun, sagt Claudia Peter, Betriebsleiterin von Mr. Jones. Dort kann man freilich auch im Winter qualmen, ohne zu frieren: Es gibt nach wie vor einen Raucherraum, "und er wird auch genutzt".

Weil ihre Angestellten nicht mehr nebenbei während der Arbeit an der Zigarette ziehen können, "haben einige mit dem Rauchen aufgehört", weiß Claudia Peter. Auch für den einen oder anderen Gast war die neue Unbequemlichkeit wohl ein Faktor, der half, von der Sucht loszukommen oder ihr erst gar nicht zu erliegen. Die Raucherquote in Deutschland ist jedenfalls seit 2007 deutlich gesunken, gerade bei Jugendlichen.

Flirt-Hilfe

Jetzt riecht man die Körper

"Vor allem in der Disco musste man sich richtig umgewöhnen", erinnert sich ein Gießener an die Rauchverbot-Einführung vor zehn Jahren. Statt Rauch nahm man plötzlich Schweiß oder Parfüm anderer Gäste wahr. Was für manche eher störend wirkt, hat indes auch Vorteile, meint der Geruchsforscher Hanns Hatt aus Bochum. Bei Flirt und Partnerwahl könne man frühzeitig merken, ob man den anderen "riechen kann", erklärt der Professor für Zellphysiologie an der Ruhruniversität Bochum, der zu seinem Fachgebiet auch mehrere Bücher verfasst hat.

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