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SPD zaubert Becher aus dem Hut

  • Burkhard Möller
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Sie hat lange mit sich gerungen, nun steht es fest: Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz hört mit Ablauf ihrer zweiten Amtszeit im Dezember auf und wird bei der Direktwahl, die wohl mit der Bundestagswahl am 26. September stattfindet, nicht mehr antreten. Als Kandidat für die OB-Wahl hat die SPD den Landtagsabgeordneten Frank-Tilo Becher präsentiert.

Eigentlich war es wie immer mit der Oberbürgermeisterin, als die Pressevertreter am Dienstagvormittag das Kerkradezimmer der Kongresshalle betraten. Die Rathauschefin lachte hinter ihrer FFP2-Maske und schien bester Laune zu sein. Von Wehmut und Abschied keine Spur, aber genau den kündigte die 63-Jährige wenige Minuten nach Beginn der Pressekonferenz des SPD-Stadtverbands an. »Diese Entscheidung ist mir nicht leichtgefallen: Ich werde bei der nächsten Oberbürgermeisterinnenwahl nicht mehr antreten«, sagte Grabe-Bolz und beendete damit die seit zwei Jahren wabernden Spekulationen um eine dritte Amtszeit.

Grabe-Bolz, die seit 1993 ehren- und hauptamtlich Stadtpolitik betreibt, hatte aus persönlichen und familiären Gründen lange mit der Entscheidung gerungen, denn am Ende einer dritten Amtszeit wäre sie 70 Jahre alt. Sie habe sich gefragt, ob sie die momentan noch vorhandene »Frische und Energie« für die volle, sechsjährige Amtszeit garantieren könne und diese Frage mit Nein beantwortet. »Ich bin nicht amtsmüde, aber ich möchte auch wieder mehr Zeit haben für Familie, Freunde und Hobbys wie das Radfahren«, fügte die frühere Vorsitzende der SPD-Stadtfraktion hinzu und verwies unter anderem auf ihre beiden Enkel.

Wie sie sagte, sei ihre Entscheidung, die sie dem Vorsitzenden-Tandem Christopher Nübel und Nina Heidt-Sommer mitgeteilt habe, nach den Herbstferien gefallen. Danach sei der SPD-Unterbezirksvorsitzende und Landtagsabgeordnete Frank-Tilo gefragt worden, ob er die Kandidatur bei der OB-Wahl annehmen würde. »Sein Ja hat es mir leichter gemacht. Frank-Tilo Becher ist ein Mensch mit Charakter und Haltung. Die werden mehr denn je gebraucht, um die Gesellschaft zusammenzuhalten«, sagte die scheidende OB.

Der 57-jährige frühere evangelische Dekan von Gießen war am Montagabend vom Vorstand des SPD-Stadtverbands als Kandidat für die OB-Wahl vorgeschlagen worden. Eine noch nicht terminierte Mitgliederversammlung muss diesen Vorschlag bestätigen, erklärte Parteichef Nübel und betonte: »Dass Frank-Tilo Becher Direktwahlen gewinnen kann, hat er 2018 bei der Landtagswahl gezeigt.«

Becher bezeichnete sich selbst als »leidenschaftlichen Gießener«, der die Stadt seit seinem Herzug vor fast 30 Jahren »verstehen gelernt« habe. An Gießen schätze er die Mischung aus Urbanität und Überschaubarkeit. Becher: »Wenn ich mir als Oberbürgermeister eine Stadt backen dürfte, wären ganz viele Zutaten aus Gießen dabei.«

SPD-Co-Vorsitzende Heidt-Sommer berichtete, dass die per Video abgehaltene Vorstandssitzung am Montagabend angesichts der Ankündigung der OB »emotional und intensiv« verlaufen sei. Niedergeschlagen sei die Partei aber nicht. Im Gegenteil gebe es eine »hohe Motivation und Optimismus«, den Chefsessel im Rathaus mit Becher für die SPD zu verteidigen.

Grabe-Bolz hatte im Dezember vor elf Jahren als erste Frau in Gießen das OB-Amt übernommen, nachdem sie Anfang Juni 2009 die Direktwahl gewonnen hatte. Ihre zweite Amtszeit endet am kommenden 13. Dezember.

Für die CDU wird wohl ihr Stellvertreter und Bürgermeister Peter Neidel bei der OB-Direktwahl antreten. Seine Nominierung steht aber noch aus. Aus anderen Parteien gibt es bislang keine Signale, ob sie Kandidaten für die OB-Wahl aufstellen werden. Diese Entscheidungen werden auch vom Ausgang der Kommunalwahl am 14. März abhängen.

Weitere Stimmen zum Rückzug und Stationen von Oberbürgermeisterin Grabe-Bolz auf Seite 18.

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