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Zarte Mädchen und dicke Kannen

  • Karola Schepp
    VonKarola Schepp
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Im Gießkannenmuseum läuft die Inventarisierung der druckgrafischen Sammlung. Als externe Expertin kümmert sich Eva Bös um deren wissenschaftliche Erfassung und ermöglicht einen Blick hinter die Kulissen des Museums, das in diesem Jahr zehnjähriges Bestehen feiert.

Je zarter das Mädchen, desto voluminöser die Gießkanne. Diesen Eindruck könnte man gewinnen, wenn man Zeichnungen aus dem 19. Jahrhundert sieht, die in Magazinen wie der »Illustrierten Zeitung« oder der »Gartenlaube« für Gartenliebhaber abgebildet sind. Eine Vielzahl solcher Zeichnungen, Drucke oder entsprechender alter Werbeanzeigen hat das Gießkannenmuseum in seinem Bestand. Und damit das alles wissenschaftlich erfasst werden kann, arbeitet in diesen Tagen die Papierrestauratorin und Germanistin Eva Bös im Museum in der Sonnenstraße - dank einer finanziellen Förderung des Hessischen Museumsverbandes.

Druckgrafiken und moderne Kunst

Bei einem Blick hinter die Kulissen des Museums machen die Frankfurter Expertin Eva Bös und Ingke Günther vom Gießkannenmuseum deutlich, dass hinter jedem Teil der Sammlung eine Geschichte steckt, die es zu erforschen, katalogisieren und in die Datenbank einzupflegen gilt. Denn der Alltagsgegegenstand Gießkanne eröffnet einen Kosmos von Informationen - zum Stellenwert der Gartenarbeit, zur künstlerischen Auseinandersetzung mit der Natur oder zur ganz praktischen Handhabung der Gartengeräte.

Dass das Gießkannenmuseum nicht nur über einen umfangreichen Schatz von dreidimensionalen Gießgefäßen verfügt, sondern auch über rund 100 Druckgrafiken, auf denen die Gießkanne mal mehr oder weniger deutlich eine Rolle spielt, verdankt das Museum zum großen Teil dem Sammler Ekkehard Komp, bekannt als Autor des Gießen-Buches »Gruß aus’m Lotz«. Der hatte bei Auflösung seines Antiquariats diversen Museen Objekte aus seiner Sammlung angeboten. Und beim Gießkannenmuseum lag nahe, dass sich bei seiner Offerte »zum Freundschaftspreis«, so Günther, alles um die Gießkanne drehen sollte.

Die Drucke zeigen zierliche Mädchen beim Bewässern von Beeten mit im echten Leben von ihnen wohl kaum zu stemmenden Gießkannen, aber auch Lexikoneinträge zu Gartengeräten oder Werbeanzeigen für Zinkmodelle. Das älteste Stück ist nach bisherigen Erkenntnissen ein Holzschnitt von 1690 auf handgeschöpftem Büttenpapier. Dass ausgerechnet darauf eine mit Bleistift geschriebene Notiz steht, ist natürlich umso ärgerlicher. »Aber das gehört zur Blattgeschichte«, betont Eva Bös und rät davon ab, die zarte Schrift zu entfernen. Auch eine wohl 1853 veröffentlichte Reproduktion eines Kupferstiches von 1781 gehört zu den kleinen Schätzen. »Das Einzelne ist nicht unbedingt wertvoll, aber das Konvolut«, betont Günther. »Und manchmal ist es wie in einem Suchbild«, freut sich die Museumleiterin beim Blick auf die auf dem Tisch ausgebreiteten Grafiken. Denn die Gießkanne als Auswahlkriterium ist, auch auf den künstlerischen Arbeiten, nicht immer sofort zu entdecken. In Henri Hohenemsers Buntstiftzeichnung »Kakteenmann« etwa. Aber es geht auch anders: etwa in der Grafik von Jette Flügge, auf der Gießkannen an einem Gestell hängen, oder in den von Andreas Eickenroth gefertigten Vorabskizzen zu seinen »Gießbert«-Comics. Auch diese zeitgenössischen Arbeiten erfasst Bös wissenschaftlich und kümmert sich um das professionelle Aufbewahren in speziellen Mappen, damit die Werke keinen Schaden nehmen können.

Viel aus Sammlung von Ekkehard Komp

»Wenn man nicht weiß, was da ist, dann ist das Museum eine tote Institution«, betont Eva Bös und macht sich daran, jedes einzelne Blatt wissenschaftlich zu erfassen: Maße, Material, das recherchierte Alter, Erscheinungsort, Verfasser, eine kurze Beschreibung des Bildmotivs, all das trägt sie in eine Inventarliste ein und pflegt es in eine Tabelle als Basis für eine digitale Datenbank ein.

»Es ist wichtig, dass man weiß, was wir im Gießkannenmuseum haben«, ergänzt Ingke Günther. Sie glaube nicht, »dass deutschlandweit ein anderes Museum eine solche Sammlung mit Gießkannen-Darstellungen vorweisen kann«. Einiges davon wird als Reproduktionen im Museum ausgestellt oder auf der Homepage des Museums gezeigt werden. »Und wer weiß, wo die Grafiken noch einmal auftauchen.« Bei Interesse anderer Museen etwa, kann das Gießkannemuseum künftig dank der Arbeit von Eva Bös schnell das Passende heraus-suchen.

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