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Die neue Sammlungsbeauftragte Alissa A. Theiß und Volker Wissemann sind angetan von dem Pottwalzahn.

Schätze der Uni Gießen

Zahn mit Seemannsgarn

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In den Sammlungen der Gießener Uni schlummern viele Schätze. Dazu gehört auch der Zahn eines Pottwals, den ein Seemann vor vielen, vielen Jahren künstlerisch verziert hat.

Vielleicht lehnte Roland am Großmast, schaute auf die raue See und dachte an seine Verlobte. Oder aber, er wollte die Erinnerung an die Dirne vom letzten Landgang am Leben halten. Vielleicht war Roland aber auch einfach nur danach, das Segelschiff, mit dem er Walen hinterherjagte, für die Nachwelt zu erhalten. Die Geschichte bleibt unklar. Roland kann man nicht mehr fragen, er ist schon viele Jahre tot. Das Kunstwerk jedoch, das er damals erschaffen hat, ist erhalten geblieben. Und jetzt liegt es in den Händen von Botaniker Volker Wissemann, Professor an der Justus-Liebig-Universität und Leiter des Botanischen Gartens sowie der Hermann-Hoffmann-Akademie. Das Kunstwerk ist ein verzierter Pottwalzahn. Das Stück Seemannsgeschichte soll bei einem Walsymposium gezeigt werden, das die JLU demnächst veranstaltet.

"Wir haben den Zahn durch den Nachlass einer verstorbenen Professorin erhalten", erzählt Wissemann. Viel mehr wissen er und Alissa A. Theiß, die neue Sammlungsbeauftragte der JLU, aber auch nicht über die Herkunft des Stücks. Dafür bietet der Zahn selbst einige Informationen. Eine Seite zeigt ein Segelschiff auf dem Meer, darüber ist der Schriftzug "Alessandra" zu lesen. "Ich habe bereits recherchiert, ich bin aber auf kein Schiff gestoßen, das so hieß", sagt Wissemann. Vielleicht liegt es daran, dass der Name nicht dem Schiff, sondern einer Dame gehörte. Denn auf der Rückseite des Zahns ist eine nackte Frau zu sehen, die einen Delfin umklammert. Offenbar die Galionsfigur eines Schiffes. Wissemann muss schmunzeln: "Was einen Seebären, der monatelang auf einem Schiff hockt, eben so umtreibt." Der Zahn offenbart noch einen dritten Hinweis, nämlich eine Signatur. "Roland, 88" ist darauf zu lesen. Ob 1788 oder 1888, ist unklar. Denn sowohl im 18. als auch im 19. Jahrhundert war das sogenannte Scrimshaw eine beliebte Freizeitbeschäftigung von Seeleuten.

"Die Zähne waren Abfallprodukte. Die Seeleute haben sie dann abgeschliffen und poliert, mit spitzem Werkzeug Motive hineingeritzt und anschließend Farbe darüber geschmiert", erklärt Wissemann. Es gebe noch deutlich anspruchsvollere Stücke als das Gießener, sagt der Professor und fügt an, dass Sammler bis zu 50 000 Euro für solch einen Zahn zahlen würden. Denn die Kunstwerke seien nicht nur selten, sondern auch nur mit hohen bürokratischen Aufwand zu bekommen. Seit dem Washingtoner Artenschutzübereinkommen aus dem Jahr 1975 ist der Handel mit Elfenbein nämlich verboten. Lediglich Besitz und Verkauf älterer Stücke sind erlaubt, allerdings nur, wenn eine vollumfängliche Dokumentation vorhanden ist.

Weiterer Wal wird präpariert

Dass Wissemann den Zahn in der Hermann-Hoffmann-Akademie präsentiert, hat seinen Grund. Schließlich hängt hier das Walskelett, das in Gießen aufwändig präpariert worden ist. Das hat sich herumgesprochen. Die Gießener Veterinärmediziner sind aktuell wieder dabei, einen Wal zu präparieren, dieses Mal als Auftragsarbeit. "Wir wollen uns auf diesem Gebiet ein wenig positionieren", sagt Wissemann und fügt an, dass aus diesem Grund auch das Fachsymposium veranstaltet werden soll. Denn auch wenn Gießen mitten im Binnenland liege, gebe es an der JLU eine Konzentration von Forschern, die sich der Meeresbiologie widme.

Dazu gehört auch Wissemann. Er will auf dem Symposium zudem zeigen, welche weiteren Themen durch den Gießener Wal angesprochen werden können. Zum Beispiel Literatur (Moby Dick), Religion (Jona und der Wal), Mode (Walbarten dienten früher als Formgeber für Korsetts). Im Grunde das gesellschaftliche Leben. Denn aus Waltran wurde früher Öl, Farbe, Seife, Salbe, Suppe, Speisefett, Lederpflegemittel und vieles mehr produziert. Mit den Zähnen konnte die Industrie nichts anfangen - zur Freude von Männern wie Roland. So konnten sie in einsamen Stunden ihre Gedanken in Elfenbein verewigen. Heute werden ihre Werke ausgestellt. Wenn Alessandra das wüsste.

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