Kampfkunst

Yehouda Avikzar: Rabbi, Surfer und Kravist

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Yehouda Avikzar ist Surfer und Rabbi. Wofür er aber auf der ganzen Welt bewundert wird, ist seine Stellung im Krav Maga. Der 43-Jährige aus Netanya hat jetzt erstmals Gießen besucht.

Wer sich den weltweit renommiertesten Vertreter einer Kampfkunst vorstellt, denkt vermutlich an einen Bär von einem Mann. Groß und muskulös, das Format eines Wandschranks. Tatsächlich betritt solch ein Exemplar die Redaktionsräume dieser Zeitung. Doch der lächelnde Riese ist nur ein Begleiter. Auch der Mann an seiner Seite ist nicht der Gesuchte, sondern Tayfur Imprahem, Geschäftsführer des heimischen Krav Maga Centers. Der dritte – und kleinste – im Bunde ist der Mann, dem die Aufmerksamkeit gilt. Gestatten: Yehouda Avikzar. 43-jähriger Israeli aus Netanya. Der weltweit bekannteste Kravist ist für ein Seminar nach Gießen gekommen.

Avikzar ist eine Ikone der Selbstverteidigungstechnik Krav Maga. Das liegt zum einen an seinen eigenen Leistungen. "Ich habe mit 14 Jahren meinen Schwarzen Gürtel gemacht. Damit war ich der Jüngste auf der ganzen Welt", sagt er. Nur wenige Monate später habe er seinen Trainerschein gemacht, seitdem unterrichte er nicht nur Zivilisten jeden Alters, sondern auch die israelische Armee, Polizei und andere Sicherheitskräfte. Sein Standing hat er aber auch seinem Vater zu verdanken. Denn Eli Avikzar gilt als Vater des modernen Krav Maga.

Surfen gibt Seelenfrieden

Yehouda Avikzar ist also in die Fußstapfen seines Vaters getreten. "Ich hatte gar keine andere Wahl", sagt er lächelnd, "mein Vater hat mich schon als Vierjährigen mit zum Training genommen." Heute leitet er in Netanya selbst eine Krav-Maga-Schule. So vielseitig die Trainingsinhalte sind, so facettenreich ist Avikzars Leben abseits der Sporthalle. "Ich surfe seit meinem 13. Lebensjahr", sagt der 43-Jährige. "Es gibt mir Seelenfrieden. Wenn wir in Israel Wellen haben, stehe ich frühmorgens am Meer und freue mich wie ein kleines Kind." Mehr als Hobby ist hingegen sein Glaube. Avikzar ist orthodoxer Jude und Rabbiner. Kampfsport und Religion? Passt wunderbar, findet Avikzar. "Eine Botschaft der Thora lautet, mit Menschen in Frieden zu leben. Beim Krav Maga geht es darum, Techniken zu erlernen, um Gewalt zu vermeiden. Es geht also auch um Frieden. Genau wie in der Thora." Wie passend, dass der hebräische Begriff "Schalom", vor allem als Synonym für Frieden genutzt, wörtlich "Unversehrtheit" bedeutet.

Avikzar ist in Netanya ein gefragter Mann, als Lehrer tritt er aber auch auf dem gesamten Globus auf. Er war schon in Frankreich, Spanien und Portugal, Marokko, Mexiko oder Brasilien. Nun ist er zum ersten Mal in Deutschland. Sehr zur Freude von Tayfur Imprahem. "Für unsere Schule ist das eine Riesensache." Über 600 Interessierte hätten sich um eine Kursteilnahme bemüht, wegen der begrenzten Hallengröße seien aber nur 50 in den Genuss des Trainings gekommen. Für Imprahem ist der Besuch von Avikzar aber nicht nur aus sportlicher Sicht bedeutend. Wie er selbst seien viele seiner Schüler muslimisch erzogen worden. "Manche haben in ihrem Leben noch nie einen Juden gesehen. Wenn sie dann mit Yehouda Avikzar trainieren, kann das etwas bewegen." In Zeiten, in denen Antisemitismus wieder auf dem Vormarsch sei, sei es ein besonderes Zeichen, wenn ein orthodoxer Jude gemeinsam mit Muslimen trainiere. "Vielleicht reißt das ja die ein oder andere Barriere in den Köpfen ein", sagt Imprahem.

Besuch soll keine Eintagsfliege bleiben

Avikzar sieht das genauso. Er betont zwar, dass Religion in seinem Unterricht kein Thema sei. Er sagt aber auch: "Wenn man zusammen etwas macht, das Freude bereitet, öffnen sich die Herzen. Wenn man mit einer anderen Person Spaß hat, ändert das vielleicht die Art des Denkens."

Neue Denkweisen könnte Avikzar auch in Zukunft anstoßen. Denn wie Imprahem betont, soll es nicht bei diesem einmaligen Kontakt bleiben. Ihm schwebt vor, den 43-Jährigen in das Partnerschaftsprogramm von Gießen und Netanya einzugliedern. Er habe darüber auch schon mit Marion Balser vom Partnerschaftsverein gesprochen, sagt Imprahem. "Sie war von der Idee angetan."

Doch jetzt steht erst einmal das Training in Gießen an. Avikzar freut sich drauf. Das betont er. "Krav Maga ist ein Geschenk Gottes. Wenn man etwas hat, das einem hilft, ist man verpflichtet, es weiterzugeben." Glaube und Selbstverteidigung kommen also auch in Gießen zusammen. Nur mit dem Surfen dürfte es in der Stadt an der Lahn schwierig werden.

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