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Yan-Tobias Ramb hat auch schwere Zeiten durchlebt. Sie haben ihn aber persönlich weitergerbacht.

Porträt »Mensch, Gießen«

Yan-Tobias Ramb: Von Schafen, Gin und Kaufmanns-Genen

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
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Yan-Tobias Ramb hat mit der Agentur one medialis die Außenwirkung etlicher Firmen geprägt. Außerdem hat er den Gießen Gin kreiert. Ramb bezeichnet sich als Unternehmer aus Leidenschaft. Doch Leidenschaften können auch fatale Folgen haben.

Die alten Brauereihöfe im Leihgesterner Weg wirken unscheinbar. Nicht viele Passanten dürften dem ehemaligen Industriegelände, auf dem einst Bier gebraut und später im Namen der Firma Poppe Kautschuk produziert worden ist, mehr als einen Blick schenken. Doch so schlicht der Komplex von außen wirkt, so beeindruckend sind die Räume innen. Zwischen den vielen modernen Büros mit ihren meterhohen Decken finden sich ein großer Billardtisch, eine Gin-Bar und vieles mehr. Die stylische Einrichtung ist Yan-Tobias Ramb und seinem Team zu verdanken. Der 47-Jährige hat one medialis vor 26 Jahren mit drei Freunden gegründet - und von einer kleinen Werbe-Agentur zu einem großen Marketing-Unternehmen entwickelt.

Erfolgreiche Geschäftsleute haben oft den Ruf, knallhart zu sein und auf dem Weg nach oben keine Rücksicht auf Verluste zu nehmen. Ramb erweckt diesen Eindruck nicht. Er ist höflich und eloquent, es scheint, als sei er eher harmoniebedürftig als konfrontativ. Womöglich hat das etwas mit seinem Elternhaus zu tun. »Ich bin in Leihgestern aufgewachsen und hatte eine sehr schöne Kindheit«, sagt Ramb, der als eines von fünf Kindern die Eltern gehörig auf Trab hielt. Während der Vater als Professor der Volkswirtschaft sein Geld verdiente, kümmerte sich die Mutter, die einer Kaufmannsfamilie entstammt, um die Kinder. Ramb selbst war der dritte Sohn und somit das Kind in der Mitte. Trotzdem habe er nie das Gefühl gehabt, zu kurz zu kommen. Das ist umso bemerkenswerter, da Rambs ältester Bruder körperlich und geistig behindert war. »Er war somit irgendwie auch mein kleiner Bruder. Das hat mir viel Verständnis dafür gegeben, was es bedeutet, mit einer Behinderung zu leben«, sagt Ramb und fügt hinzu: »Meine Eltern haben Außergewöhnliches geleistet.«

Nach dem Abitur an der Liebigschule studierte Ramb in Marburg Rechtswissenschaften. Doch offenbar waren die Kaufmanns-Gene der Mutter stärker als die akademischen des Vaters. Nach knapp zwei Jahren schmiss Ramb das Studium. »Mir ging das zu langsam, ich wollte loslegen.« Und so gründete der damals 21-Jährige zusammen mit drei Freunden eine Werbeagentur. Die Medialis Marketing GmbH, der Vorläufer der one medialis, war geboren.

Heute ist die Firma ein großer Player auf dem Markt. Die Logos des FC Gießen und der 46ers stammen aus ihrer Feder, für viele Werbe-Auftritte, wie den der Bäckereikette Künkel, ist das Team ebenfalls zuständig. Etliche weitere Unternehmen, darunter auch viele überregionale, gehören zum Kundenstamm der Agentur, die sich seit einigen Jahren vor allem auf Inbound-Marketing konzentriert. Bei dieser Methode wird weniger stark auf klassische Werbung wie Anzeigen und Flyer gesetzt. Stattdessen sollen potenzielle Kunden ihren Weg zum Unternehmen zum richtigen Zeitpunkt selbst finden, etwa durch Social Media und Suchmaschinenoptimierung.

Vor 26 Jahren, als Ramb die Firma gründete, war diese Erfolgsgeschichte nicht absehbar. »Wir haben natürlich auch Fehler gemacht«, sagt der Gießener. Offenbar aber auch vieles richtig. Ramb selbst genügte die Werbeagentur jedoch nicht. »Ich war schon immer sehr umtriebig und wollte etwas bewegen.« Und so gründete er nicht nur einige Parallelfirmen, er übernahm auch mit anderen Partnern einen Softwareladen. Und als wäre das noch nicht genug, betrieb er zusammen mit Freunden für einige Jahre den ehemaligen Biergarten Kastanie in der Bahnhofstraße. »Ich konnte eben nie die Füße stillhalten«, sagt Ramb. Doch dafür musste er Tribut zollen.

Ramb überlegt, ob er das Folgende tatsächlich erzählen soll, schlussendlich macht er es aber: »Ich bin mit Anlauf in einen Burnout reingerutscht.

Es ist das Jahr 2004, Ramb ist gerade 30 Jahre alt. Als er aus einem Urlaub in Asien zurückkommt, erkennt er sich nicht wieder. »Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren und war stark verunsichert.« Die Situation habe sich verschlimmert, an Arbeit sei nicht zu denken gewesen. Ramb nahm sich daher eine Auszeit und reiste nach Irland. Allein, ohne Handy, um den Kopf freizubekommen. Keine Termine, dafür wandern, Fahrradfahren und abends ein Pint im Pub. Ramb ging es besser, aber immer noch nicht gut. »Als ich zurückgekommen bin, habe ich mir daher professionelle Hilfe gesucht.« Eine wegweisende Entscheidung, wie sich herausstellen sollte. »Ich habe dann erzählt, dass ich vielleicht einfach nach Irland gehen und Schafe züchten könnte.« Eine gute Idee, habe sein Gesprächspartner darauf geantwortet - und dann etwas gesagt, das Ramb noch heute als eine der bedeutendsten Erkenntnisse seines Lebens bezeichnet. »Er sagte mir, dass ich nach einem Jahr eine zweite Herde anschaffen würde, und nach dem dritten Jahr die vierte oder fünfte. Ich könne überall hingehen, aber nicht vor mir selbst verreisen.« Diese Erkenntnis habe dazu geführt, dass er seither achtsamer mit seinem Leben umgehe, sagt Ramb. »Diese Art ist Teil meiner selbst. Ich musste lernen, sie zu beherrschen und damit umzugehen.«

Das ist auch der Grund, warum Ramb diese Episode trotz anfänglicher Zweifel erzählt: Sie hat ihn positiv verändert. Außerdem hat sie dazu beigetragen, dass er die Liebe seines Lebens fand. In seiner »Aufwachphase«, wie Ramb es bezeichnet, sei er seiner Anna begegnet. Heute sind die beiden glücklich verheiratet und Eltern zweier Mädchen.

Doch auch wenn der Gießener inzwischen achtsamer mit sich umgeht, bedeutet das nicht, dass er seine Leidenschaft für Unternehmungen verloren hat. Man merkt dem 47-Jährigen an, dass er seinen Job aus voller Überzeugung macht. Das gleiche gilt für sein »Hobby-Projekt«, mit dem er seiner Heimatstadt ein kleines Kulturgut beschert hat.

Es ist der Jahreswechsel 2016. Ramb und sein Freund Michael Karber stehen zusammen und trinken Gin. »Da haben wir uns gesagt: Wir müssen einen eigenen Gin auf den Markt bringen.« Oft ist es so, dass sich Ideen, die nachts um halb drei entstehen, am nächsten Morgen nicht mehr so gut anfühlen. Doch dieses Mal war es anders. Die beiden hielten an ihrem Vorhaben fest, besuchten Destillier-Seminare und entwickelten eine eigene Rezeptur. In Schlitz fanden sie eine Destillerie, die 1500 Flaschen des Gießen Dry Gin abfüllte. »Wir hatten das Ziel, innerhalb eines Jahres alle Flaschen zu verkaufen«, sagt Ramb. Die Realität sah anders aus: Nach zwei Wochen waren alle Flaschen weg.

Einen guten Gin trinkt Ramb auch heute noch gerne mal mit Freunden. Ohnehin ist dem kommunikativen Menschen gute Gesellschaft sehr wichtig. Fahrradfahren ebenfalls, weshalb er sich seit Jahren aus tiefster Überzeugung bei der Tour der Hoffnung engagiert. Und trotzdem schlägt das Herz des Vollblutunternehmers am stärksten für seine Ehefrau und die Kinder. »Die Familie ist das Beste in meinem Leben«, sagt Ramb und fügt nach einer kurzen Pause hinzu. »Das kommt dem Sinn des Lebens schon sehr nah.«

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