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»Wut-Thema Sprache«

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Von: Daniel Beise

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Der Rechtsextremist Attila Hildmann, der sich in die Türkei abgesetzt hat, verkörpert die »Neue Rechte«. Unter anderem wegen Aufrufen zum Mord an Juden gibt es einen Haftbefehl gegen ihn. Am Dienstag verlor er die letzte große Bühne für seine Hassbotschaften: Sein Telegram-Kanal ist weitgehend blockiert. © DPA Deutsche Presseagentur

Sprache ist nicht statisch.. Sie wandelt sich stets und immer. Doch man muss auf der Hut sein, wer sie warum und wie formt. Das war eine Erkenntnis bei der Vorstellung des neuen Buches »Sprachkampf: Wie die Neue Rechte die deutsche Sprache instrumentalisiert« von Prof. Henning Lobin, der vor 20 Jahren das Zentrum für Medien und Interaktivität an der Gießener Uni mitgegründet hat.

Da Sie unsere Sprache zerstören, müssen wir Ihnen den Kampf ansagen.« Solche und schlimmere verhöhnende und beleidigende Mails bekommt Prof. Henning Lobin regelmäßig. Der renommierte Sprachwissenschaftler war von 1999 bis 2018 Professor an der Justus-Liebig-Universität, baute dort seit 2001 das interdisziplinäre Forschungszentrum für Medien und Interaktivität (ZMI) mit auf und leitet nun seit 2018 das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache in Mannheim, wo er zudem Germanistische Linguistik lehrt.

» Sprachkampf: Wie die Neue Rechte die deutsche Sprache instrumentalisiert«, lautet der Titel seinen neues Buches, das er Mittwochabend online mit Prof. Katrin Lehnen, geschäftsführende Direktorin des ZMI, und Dr. Jutta Hergenhan, wissenschaftliche Geschäftsführerin, vorgestellt hat. Erschienen ist es im Dudenverlag.

S prache - was ist das eigentlich? Sie ist vor allem unser hochkomplexes Instrument zur Kommunikation - aber auch zur Einflussnahme oder Manipulation. Und sie entwickelt sich stets weiter - seit der Mensch begann sich zu unterhalten.

So erkennt auch die AfD in ihrem Grundsatzprogramm an, sie wolle die «jahrhundertelang gewachsene deutsche Sprache bewahren«. Warum soll sie nun aufhören zu wachsen? Mal davon abgesehen, dass es schlicht unmöglich ist, die Entwicklung einer Sprache mit Gesetzen oder womit auch immer aufhalten zu wollen. Allenfalls kann man sich an diesem Prozess beteiligen.

Überall dort, wo die AfD in Landtage gewählt wurde, sei sie unmittelbar mit sprachpolitischen Anträgen aktiv geworden, erläutert Linguist Lobin eine Passage seines Buches. Vor allem ging es darum, Deutsch als Kultur- und Wissenschaftssprache gesetzlich zu verankern. Gegenüber allen anderen Parteien hätten die Rechtspopulisten am meisten sprachpolitische Positionen in ihren Programmen. Doch eine Sache fehle immer, die dafür allen anderen Parteien auflisten: Sprachbildung.

Dass Parteien wie auch zum Beispiel die österreichische FPÖ zudem gegen geschlechtergerechte Sprache sind, vergessen sie schnell, wenn es um den eigenen Wahlerfolg geht und sie Leute mit »Bürgerinnen und Bürgern« ansprechen, fügt der Autor an.

Radikalisiert

Was ist die Essenz seines Werks? Lobin beschreibt Sprachkämpfe, die beispielsweise der »Allgemeine Deutsche Sprachverein« im 19. Jahrhundert gegen Fremdwörter führte. Ähnlich wie heute sein Nachfolger »Verein Deutsche Sprache« (VDS) gegen Anglizismen, Gendersternchen oder politische Korrektheit Sturm läuft. »Sprachlichen Respekt« würde Lobin Letzteres eher nennen, merkt er an. Texte von VDS-Vertretern würden sich wie in Wut geschrieben lesen, wenn dort von oder »Gender-Terroristen« oder einer »rot-grünen Medienmafia« die Rede ist.

Überhaupt habe sich der Verein radikalisiert - wie auch insgesamt der Diskurs über Sprache, weshalb er es als »Wut-Thema« bezeichnet. Es sei international dasselbe Phänomen: Die Neue Rechte, worunter auch Neonazis fallen, versuche Elemente ihrer nationalidentitären Politik über die Sprache zu transportieren; sie diene quasi als »trojanisches Pferd der Neuen Rechten«, sagt Lobin. Dass Ordnungsrufe im Bundestag wegen der AfD aktuell auf Rekordniveau sind, zeige zudem, wie sie die Debatte vergiften und die Grenze des Sagbaren verschieben wollten. Dabei bauschen sie eine angebliche »links-grüne Bewegung« enorm auf. Denn die sei in Wahrheit relativ schwach, wenig homogen und nicht so organisiert wie die Rechten, meint der Autor.

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