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Kai Laumann freut sich über die Baufortschritte, unter anderem über die neuen Doppelglasfenster mit den historischen Beschlägen. FOTOS: SCHEPP

Stadtentwicklung

Wund(er)heilung an Alter Post in Gießen

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Auf Gießens prominentester Baustelle geht es trotz der Corona-Krise weiter voran. Die Wund(er)heilung der Alten Post wird Schritt für Schritt sichtbar.

Die Sonne scheint, es ist trocken und nicht zu heiß. Solche Bedingungen wünscht sich jeder Bauherr. Ob beim "Campus der Zukunft" an der Rathenaustraße, im US-Depot oder an der Alten Post. Wäre da nicht das Coronavirus. Auf der Baustelle in der Bahnhofstraße ist Investor Kai Laumann auch so jeden Tag unterwegs, aber jetzt schaut er noch genauer hin, ob alle Auflagen eingehalten werden. "Habt ihr die Toilette schon aufgestellt?", ruft er einem Arbeiter zu. "Ja" schallt es zurück. Aber eigentlich will der Retter der Alten Post nicht über das Virus reden, sondern positive Botschaft verbreiten: Die Wund(er)heilung der Post aus Kaisers Zeiten macht große Fortschritte, und die Umsetzung der Nutzungspläne liegt weiterhin im Zeitplan.

Sichtbar wurde das in den letzten Wochen nicht nur mit Blick auf das Telegrafenamt und den Neubau daneben, sondern auch bei der Alten Post. Das Gerüst ist inzwischen fast komplett weg am nördlichen Flügel und gibt die Sicht auf die bereits sanierten Fassadenteile frei. "Es fehlen nur noch Teile des Sockels, die unteren 2,50 Meter", erläutert Kai Laumann beim Baustellen-Rundgang. Oberhalb der unteren Fensterreihen zeigen sich die restaurierten Ornamente, ganz oben sind die teilweise abgebrochenen Giebel in engster Abstimmung mit den Denkmalschutzbehörden wieder aufgebaut worden. Die Trümmerteile waren von den Voreigentümern im Obergeschoss gelagert worden.

Laumann weist auf ein interessantes Detail am Südflügel hin, dessen Giebelgemäuer stellenweise mit einer schwarzen Schicht überzogen ist. "Das stammt von den Dampfloks. Früher führten die Gleise näher an der Post vorbei." Aus Gründen der Authentizität hätten sich die Denkmalschutzbehörden dagegen ausgesprochen, die Steine mit Sandstrahl zu säubern.

Auch drinnen lasst manches Detail nur erahnen, mit welchem Aufwand und welcher Akribie hier gearbeitet wurde und wird. Eine der Art-Deco-Eisensäulen erwies sich als instabil; sie wurde abgestützt und erhielt einen Kern aus Stahl. Die alten Beschläge an den Doppelglas-Fenstern sehen aus wie neu. Im früheren Telegrafenamt wurden über 650 Fensterflügel restauriert, in der Alten Post sind es weitere 185. Auch an den Außenflächen wird mit Hochdruck gearbeitet, die Gestaltung der Grünflächen sei mit der Stadt mittlerweile abgestimmt.

Fast 30 Kilometer Kabel verlegt

Während im Telegrafenamt und dem danebenliegenden Neubau, die im Frühsommer an den Hauptmieter Klarna übergeben werden sollen, die Arbeiten sehr weit gediehen sind und teilweise schon die Teppichböden liegen, ist in der Alten Post noch einiges zu tun. Aber auch hier hält Laumann an seinem Ziel fest, die bereits vermarkteten Flächen im Herbst zu übergeben. Im Erd- und Untergeschoss ist eine gastronomische Nutzung mit großen Außenbewirtschaftsungsflächen auf der Südseite und im Innenhof vorgesehen, die Loftbüros hat sich der Münchner Medizin-Dienstleister Wartezimmer TV gesichert. Im ersten und zweiten Obergeschoss sind in den vier Meter hohen, repräsentativen Räumen noch 1600 Quadratmeter Mietfläche frei, über deren Vermietung Laumann mit einigen Interessenten verhandelt, aber auch "für neue Impulse" offen ist.

Wie die Tradition mit der Moderne verbunden wird, zeigt sich in einem kleinen Technikraum im Telegrafenamt, von dessen Decke dicke Kabelbündel hängen. 20 Kilometer Netzwerkkabel, fünf Kilometer für Strom und weitere vier für Alarm und Sicherheit werden in dem Komplex verlegt sein, wenn die Nutzer einziehen werden.

Auch in der früheren Schalterhalle des Telegrafenamts und deren Eingangsbereich wird die Verbindung von Alt und Neu deutlich. Klarna schafft hier eine Dining Hall (Kantine), deren Wand die Gießener Graffiti-Künstler 3Steps gestalten sollen, und einen zwei Stockwerke hohen Versammlungsbereich.

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