Wort zum Sonntag

Wünsche und Wirklichkeit

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Bleiben Sie gesund: Schnell hat sich dieser Wunsch als Abschiedsgruß in der Ausnahmesituation - der jetzt sogenannten "neuen Normalität" - gesellschaftlich etabliert. Die Sorge, mitten im normalen Alltag plötzlich krank zu werden, ist in den Mittelpunkt des öffentlichen Lebens gerückt.

Die Alltagsmasken holen eine berufsspezifische Wirklichkeit aus Isolationszimmern und Operationssälen in den öffentlichen Raum. Gleichzeitig verweisen sie auf Menschen, die im Klinikum völlig aus ihrem Alltag, dem bis dahin ganz normalen Leben, herausgerissen sind und auch auf Menschen, die vielleicht nie mehr in ihren alten Alltag zurückkehren werden. Im Klinikum prallen Wunsch und Wirklichkeit häufig hart aufeinander. Das Leben wird in seiner Brüchigkeit erfahrbar, wo mir einer seine Wunde zeigt und sich wünscht, wieder auf die Beine zu kommen, wo eine auf Besuch wartet und auf ein gutes Wort gegen die Angst, die die Kehle zuschnürt. Oft genug fehlen mir die Worte. Ich habe kein Rezept gegen die Angst. Dann sitze ich da und höre zu - mehr nicht, weil auch ich nicht weiter weiß und wünschte, ich könnte irgendetwas tun. Und mitten in dieser Ohnmacht verändert sich plötzlich die Wirklichkeit: "Wissen Sie, wenn Sie da sind, habe ich das Gefühl, dass Gott mich sieht." So formulierte es neulich jemand. Gott zeigt Gesicht, nimmt unsere Ohnmacht in den Blick, lässt sein Angesicht leuchten und taucht die gebrochene Wirklichkeit ins Licht seiner heilsamen Gegenwart. So entfaltet sich Segen im Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit, ist Brücke zwischen beidem und lässt Heil erfahren mitten im brüchigen und gebrochenen Leben. So wünsche ich Ihnen: Möge Gott sein Angesicht leuchten lassen über Ihnen, wo immer Ihr Weg Sie hinführt.

Pfarrerin Susanne Gessner

Klinikseelsorge, UKGM Gießen

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