Am morgigen Freitag gibt es wieder Zeugnisse. Die Landesregierung will es zukünftig Schulen ermöglichen, ihre Schüler anstatt mit Zensuren mit schriftlichen Beurteilungen zu bewerten. FOTO: DPA
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Am morgigen Freitag gibt es wieder Zeugnisse. Die Landesregierung will es zukünftig Schulen ermöglichen, ihre Schüler anstatt mit Zensuren mit schriftlichen Beurteilungen zu bewerten. FOTO: DPA

Schulzeugnisse

Wortzeugnisse statt Noten auch in Gießen?

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Die Landesregierung will 30 Schulen pro Jahr erlauben, den Schülern keine Noten, sondern Wortzeugnisse auszustellen. Auch in Gießen wird über das Für und Wider diskutiert.

Nichts mehr mit "Geschichte: Sehr gut. Mathematik: Mangelhaft": Die schwarz-grüne Landesregierung will bis Ende der Legislaturperiode 30 hessischen Schulen pro Jahr ermöglichen, die Leistung von Schülern mit schriftlichen Beurteilungen anstatt Noten in Zeugnissen zu bewerten. Die Bewerbungsfrist für die erste Tranche läuft bis Mitte April; im nächsten Schuljahr soll es losgehen. Die Frage der Bewertung ist eine von mehreren Möglichkeiten, die einer pädagogisch selbstständigen Schule offen stehen.

Wie das hessische Kultusministerium auf Anfrage dieser Zeitung mitteilt, betrifft dies nur Jahrgänge, in denen es nicht um einen Abschluss oder den Wechsel zu einer anderen Schule geht. Auch in Gießen wird über das Thema diskutiert - wie bei einem Treffen des Hessischen Philologenverbands am Mittwoch im Bürgerhaus Kleinlinden. Die Diskussion hat zwar nicht die Menge an "Pfeffer", den einige Teilnehmer bei ihren Beiträgen ankündigen. Aber man spürt, dass es sich um ein emotionales Thema handelt. Prof. David Di Fuccia von der Uni Kassel glaubt, Zensuren seien gar nicht das Grundübel. Sie seien vielmehr ein Symptom dafür, dass der schulische Leistungsunterschied mit der sozialen Herkunft in Verbindung gebracht wird.

Ob Note oder Leistungsgutachten: Es müsse darum gehen, Schülern deutlich zu machen, dass eine Note nichts an dem Wert einer Person ändere, sagte Di Fuccia. Dem stimmt Manuela Roth, Referatsleiterin im Hessischen Kultusministerium, zu. Sie sagt, es hänge in beiden Fällen an dem, der die Bewertung vornimmt - also der Lehrkraft. Mit dem Angebot wolle es die Landesregierung Schulen ermöglichen, diesen Weg (weiter) zu gehen - wenn alle Beteiligten dem zustimmen.

Vielerorts arbeiten Schulen bereits ohne Zensuren - zum Beispiel die Korczak-Schule im Osten Gießens, und das bereits seit 1995. Schulleiterin Julia Wicke sagt, dass die Ausweitung dieses Modells auf weiterführende Einrichtungen der richtige Schritt sei. "Wo es um das einzelne Kind geht, hilft eine schriftliche Beurteilung mehr als eine Note." Weder handele es sich bei den Wortzeugnissen um Willkür, noch bedeute eine fehlende Note, dass die Leistungen der Kinder und Jugendlichen nicht bewertet werden, betont sie.

Von der ersten bis zur dritten Klasse gibt es an der Korczak-Schule kompetenzorientierte Zeugnisse - und das nur am Ende des Schuljahres. Zum Halbjahr findet stattdessen ein für Eltern verbindliches Gespräch zum Leistungsstand der Kinder statt. Auch im ersten Halbjahr der Vier werden die schriftlichen Arbeiten nicht benotet, dafür ab dem zweiten. Am Ende der Vier gibt es Zeugnisnoten - mit ergänzenden Rückmeldungen in allen Fächern.

An der Korczak-Schule sind die Lehrer vor sechs Jahren dazu übergegangen, die Leistungen ihrer Schüler anhand eines Kompetenzrasters zu bewerten und nicht mehr in Fließtexten. In Mathe werden im ersten Schuljahr zum Beispiel 20 Kompetenzen in vier Stufen bewertet: unter anderem mündliche Beteiligung, der Umgang mit Größen, die Fähigkeit, zu subtrahieren.

Die Vorteile liegen für Wicke auf der Hand: Der Wettbewerbscharakter unter Schülern - aber auch unter Eltern - entfalle. Stattdessen sei es möglich, sich auf die eigene Entwicklung zu fokussieren. Auch werde man den Leistungen der Kinder mehr gerecht, als es eine Zahl ausdrücken könnte. Natürlich bedeute es Mehrarbeit für die Lehrer, betont Wicke, aber der Verzicht auf Noten sei bewusst Bestandteil des pädagogischen Konzepts der Einrichtung.

Pädagogisch selbstständige Schulen (siehe Kasten) gibt es in Gießen vier: die Liebigschule, die Herderschule das Landgraf-Ludwig-Gymnasium sowie die Ricarda-Huch-Schule. An der Liebigschule reagiert die Schulgemeinde eher abwartend auf das Angebot, auf Noten zu verzichten, sagt deren Leiter Dirk Hölscher. Zum einen seien Eltern Noten gewöhnt, könnten sie besser einordnen. Zum anderen gebe es in Klassenarbeiten neben der Zensur auch Kommentare zur Leistung des Schülers. Hinzu komme: "Wir stehen im regelmäßigen Austausch mit den Eltern", sagt Hölscher. In diesen Gesprächen würde über den Leistungsstand der Kinder und Jugendlichen länger und differenzierter gesprochen, als es "Bausteine" in Wortzeugnissen ermöglichen würden.

Dass hessische Schulen generell selbstständiger werden können, begrüßt Hölscher. Zwar würden diese im Gegensatz zu anderen Einrichtungen alle vier Jahre begutachtet. "Es heißt mehr Begründung und Verantwortung", betont er. "Aber damit einher gehen auch viele Vorteile."

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