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Halten bei der Präsentation des neuen Künstlerbuches den gebotenen Abstand: Ingken Günther (vorne) sowie Stephanie Jackson und Dr. Stefan Neubacher vom Kulturamt. FOTO: GL

Worte sind Gestalt und Inhalt

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Der Gießener Künstlerin Ingke Günther ist der neueste Band der Künstlerbuchreihe des Kulturamts gewidmet. Dass der ausgerechnet zu einer Zeit erscheint, in der Künstler ihre Arbeiten nur schwer angemessen zeigen können, ist ein "Trostpflaster" - für die Künstlerin, aber auch für alle, die Kunst als unverzichtbaren Teil des Lebens wertschätzen.

Ingke Günther kennt man in Gießen in den letzten Jahren vor allem als Vertreterin der Gießener Kulturarbeit. Stadtlabor, Gießkannenmuseum, ein Archiv mit gestickten Schimpfwörtern - all das stand und steht auf ihrer Agenda. Und gefällt durch eine gewisse Leichtigkeit in der Ausführung. Doch es gibt eben auch die andere Seite von Günthers künstlerischer Arbeit. Hier thematisiert sie grundlegende künstlerische Fragen wie die, was ein Bild ausmacht und wie Begriffe in Form von Schrift zum Bildgegenstand werden können.

Und genau diesen Aspekt würdigt das neue Buch der "Gießener Kunstreihe" des Kulturamts, das nun als achtes der Reihe in 500er-Auflage vorliegt und für Günther in diesen Corona bedingt schwierigen Zeiten ein willkommenes "Trostpflaster" sei, wie sie bei der gemeinsamen Präsentation des Bandes mit Kulturamtsleiter Dr. Stefan Neubacher und seiner Mitarbeiterin Stephanie Jackson betonte.

Das orange Bändchen - Werbemedium für die Künstlerin und die Stadt gleichermaßen - zeigt als Bildbeispiele zahlreiche in verschieden große Rechtecke gesetzte Worte und Wortkombinationen. "Ich versuche immer neue Bildlösungen für die Worte zu finden", erläutert Günther ihre Arbeit, die meist in Serien erfolgt. Nicht alles ist lesbar, manches entziffert man auch wegen der wie ineinander verharkt wirkenden Schreibschrift erst auf den zweiten Blick. Anderes ist gespiegelt abgebildet und bleibt verrätselt. Der Text- und Lesefluss gerät immer wieder ins Stocken.

"Wer Zeichen setzt, hinterlässt Spuren"

Sie habe sich ganz gezielt für herbere, sperrigere Arbeiten entschieden, um einen Gegensatz zu ihren anderen Aktivitäten zu bilden, erläutert Günther. Ihre Werkauswahl erscheint in konzentrierter, fast ausschließlich auf Schwarz und Weiss reduzierter Version. "Wer Zeichen setzt, hinterlässt Spuren", erkennt man auf einer Zeichnung, die Günther mithilfe einer Schablone, an der sie mit dem Schreibwerkzeug entlang fährt, umgesetzt hat. Das passt, denn das Dargestellte ist Bild und Text zugleich: "Die Texte spannen sich in ihre Rahmen, versuchen Leerräume zu überbrücken oder quetschen sich, kippen, um hinein zu passen", beschreibt es Künstlerkollegin Jette Flügge im Vorwort. Dass sich die Einzelbilder in der Realität zu einer auf den jeweiligen Raum bezogenen Wandinstallation zusammenfügen, ist im Band zumindest mittelbar auch zu erkennen.

Ähnliche Arbeiten aus Wortbildern hatte Ingke Günther auch für eine Ausstellung im Literaturhaus Halle geplant, die in diesen Tagen eröffnet werden sollte, aber Corona bedingt verschoben werden musste. Ob sich angesichts fehlender Ausstellungsmöglichkeiten nicht auch eine Präsentation im digitalen Medium anbieten würde, wollte Kulturamtsleiter Dr. Stefan Neubacher von Günther vor diesem Hintergrund wissen. Das sei für sie schwierig, lautete ihre Antwort, wenngleich sie als Lehrbeauftragte für Kunstpraxis am JLU-Institut für Kunstpädagogik aktuell natürlich auch digitale Medien für ihren Unterricht nutze. Aber: "Das Bildnerische transportiert sich schwer über dieses Medium. Ich brauche auch die Resonanz des Publikums. Beziehung und Begegnung." Online sei nur ein fader Ersatz. Auch Raumbezüge seien so schwer zu vermitteln.

Umso froher ist die Künstlerin, mit dem neuen Künstlerbuch auch etwas ganz konkret in der Hand zu haben, das sie in der aktuellen Situation, und natürlich auch später, "aus der Stille des Ateliers in die Welt schicken kann".

Die kostenfrei ausliegenden Bände der "Gießener Kunstreihe" sind ein gelungenes Beispiel für Künstlerförderung durch die Stadt Gießen. Es handele sich um eine "sehr professionell und mit einer stringenten Handschrift gemachte Reihe, die hoffentlich noch viele Folgen hat", freut sich der Kulturamtsleiter.

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