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Dorothee Haberland sieht in den "dramatisch gestiegenen Baukosten" eine große Herausforderung. FOTO: SCHEPP

Neue Chefin

Wohnbau Gießen: Augenmerk liegt auf Sparen

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Die neue Wohnbau-Chefin in Gießen, Dorothee Haberland ist seit Anfang des Jahres im Amt. Haberland hat schon konkrete Ideen, was sie umsetzen will.

Erfurt hat einige kultur- und bauhistorische Kostbarkeiten zu bieten. Zum Beispiel die romantische Altstadt mit ihrem mittelalterlichem Flair. Gießen im Vergleich dazu? Nun ja. "Ich bin ja nicht zum Sightseeing gekommen", sagt Dorothee Haberland. Die 51-Jährige, die ihr ganzes Leben lang in der thüringischen Landeshauptstadt gelebt hat, will in Gießen vor allem arbeiten. Als neue Wohnbau-Chefin ist sie verantwortlich für knapp 15 000 Mieter und somit fast jeden sechsten Gießener. "Ich empfinde das als eine spannende Aufgabe. Es ist sehr reizvoll, die Stadt mitzugestalten", betont Haberland. Dafür musste sie ihr neues Aufgabengebiet aber erst einmal kennenlernen.

Mieterservice bald auf freien Markt?

Ihr Vorgänger Reinhard Thies, der Ende des Jahres nach sechs Jahren in den Ruhestand gegangen ist, hat Haberland drei Monate lang eingearbeitet. "Das war sehr wichtig. Ich kannte schließlich weder das Unternehmen noch die Stadt und die historischen Zusammenhänge." Inzwischen fühle sie sich aber gut involviert. Sie habe an Runden Tischen teilgenommen, mit dem Unternehmensmieterrat gesprochen und Bewohner besucht, zum Beispiel in der Gummiinsel - auch wenn sie dafür manchmal noch auf das Navigationsgerät angewiesen sei. In welche Richtung sie das Unternehmen führen will, das weiß Haberland hingegen sehr genau.

"Die größte Herausforderung wird sein, Sanierungen und Neubauten in Balance mit sozialverträglichen Mieten zu bringen", sagt Haberland. Eine Schwierigkeit dabei seien die "dramatisch" gestiegenen Baukosten. "Die haben natürlich direkten Einfluss auf die Mieten."

Die neue Wohnbau-Chefin will daher vor allem Kosten einsparen. Zum Beispiel durch standardisierte Bauweisen und serielles Bauen. "Das Unternehmen kann aber auch effizienter aufgestellt werden, zum Beispiel durch Digitalisierung und Prozessoptimierung", sagt Haberland. Die neue Chefin betont, dass die Kosteneinsparung zunächst ihr Hauptaugenmerk sein werde.

Vermutlich will sie sich deswegen auch als einen der ersten Schritte intensiv mit dem Mieterservice befassen. Schließlich weist der Geschäftsbericht von 2018 für die Tochtergesellschaft einen Fehlbetrag von satten 673 000 Euro aus. Haberlands Vorgänger Thies hat daher schon im vergangenen Jahr angefangen, den Mieterservice umzugestalten. Vor allem mit Blick auf die Mitarbeiterzahl wurde der Handwerks- und Hausmeisterdienst verkleinert.

"Bei diesem Optimierungsprozess habe ich schon aktiv mitgewirkt", betont Haberland und fügt an, dass dieser Vorgang längst noch nicht abgeschlossen sei. "Wir untersuchen derzeit, wie der Mieterservice wirtschaftlicher aufgestellt werden könnte. Mir ist wichtig, dass das Unternehmen aus sich heraus wirtschaftlich arbeiten kann." Dabei müsse man auch über den Tellerrand blicken und offen für neue Ideen sein. "Wir überlegen zum Beispiel, ob der Mieterservice nicht nur für die Wohnbau, sondern auch für andere Auftraggeber arbeiten könnte", sagt Haberland. Dies sei aber nur ein erstes Gedankenspiel.

Die Gründung des Mieterservice vor 20 Jahren gefiel übrigens nicht jedem. Kritiker sahen darin eine unliebsame Konkurrenz für die heimischen Handwerksbetriebe. Ob das in der heutigen Zeit, in der die Auslastung von Malern, Mauern und Co. ein Rekordhoch erreicht hat und Kunden mitunter viele Wochen auf einen Termin warten müssen, auch noch gilt, wird sich zeigen.

Vermutlich hätte auch Thies die Umstrukturierung der Wohnbau weiter vorangetrieben, wenn er nicht altersbedingt nach nur einer Amtszeit aufgehört hätte. Haberland sagt daher auch klar, dass sie sich ein längeres Engagement wünscht. "Die Immobilienbranche ist ein langfristiges Geschäft. Ich fände es schön, wenn ich Dinge, die ich beginnen werde, auch zu Ende bringen oder zumindest auf einen guten Stand bringen kann. Dafür sind sechs Jahre eine zu kurze Zeit."

Ziel: Mehr als eine Amtszeit

Die internen Querelen um das Führungskonzept aus 2019 schrecken die neue Wohnbau-Chefin bei ihrer Planung nicht ab. "Wo Menschen aufeinandertreffen, kommt es nun mal zu Konflikten", sagt sie. Viel wichtiger sei ihr, dass die Mitarbeiter für einen Neustart bereit seien. "Sie haben mir signalisiert, dass sie sich auf mich freuen. Daher will ich gar nicht nach hinten gucken, sondern meinen Kopf freihaben für die Zukunft."

Die wird sich in den nächsten Jahren in Gießen abspielen. Einer Stadt, die vielleicht nicht so schön ist wie Erfurt, dafür aber mit anderen Attributen werben kann. Haberland sagt, dass sie von den Menschen hier sehr freundlich empfangen worden sei. "Letzte Woche hat mir zudem jemand gesagt: Gießen ist vielleicht nicht schön, dafür aber ehrlich. Ich finde, das passt."

Dorothee Haberland hat Bauingenieurwesen studiert. Sie arbeitete anschließend in einem Planungsbüro, bei der Deutschen Bahn (DB) und bei der Erfurter Wohnungsbau-Genossenschaft, die ähnlich wie die Wohnbau Gießen gut 7000 Wohnungen verwaltet. Seit 2011 war sie für eine andere Wohnungsgesellschaft tätig, anfangs als Bereichsleiterin Technische Dienstleistungen, später als Prokuristin und Leiterin des Kundenservices. Seit ihrem Umzug wohnt Haberland mit ihrem Ehemann im Kreis Gießen.

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