Vor dem Bolero können die Gießener neuerdings auch draußen im Trockenen sitzen. 	FOTO: SCHEPP
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Vor dem Bolero können die Gießener neuerdings auch draußen im Trockenen sitzen. FOTO: SCHEPP

Corona-Folgen

Zelte und Heizstrahler: Wirte in Gießen rüsten sich für den Winter im Freien

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Der Sommer hat viele Gastronomen durch die Pandemie gerettet. Einige Wirte in Gießen versuchen, den Betrieb draußen auch über den Herbst aufrecht zu erhalten.

Gießen - Das Thermometer schafft es nicht in den zweistelligen Bereich, ein unangenehmer Wind bläst - und trotzdem sitzen die Gäste vor dem Bolero in Gießen im Freien. Mehr oder weniger zumindest. Denn Betreiber Klaus Isenberg hat zwei Drittel seines Außenbereichs wind- und wetterfest gemacht. »Das sind Sonnenschirme, die mit Seitenwänden bestückt worden sind«, sagt der Gastwirt. Infrarotstrahler sollen zudem gegen die Kälte helfen. Eigentlich sind solche Außenanlagen verboten. Doch in Zeiten von Corona macht das Rathaus Ausnahmen.

»Wir sehen die Not der Gastronomen und wollen sie unterstützen«, sagte Bürgermeister und Ordnungsdezernent Peter Neidel bereits vor fünf Wochen, als die ersten Restaurantbetreiber den Wunsch nach einem Wetterschutz im Außenbereich äußerten. Diesbezügliche Anträge wolle man wohlwollend prüfend, versicherte Neidel seinerzeit.

Stadt Gießen erlaubt Gastronomie Außenbetrieb weiterhin

Das ist in der Zwischenzeit geschehen. »Die Stadt Gießen steht zu dem Angebot, dass die Gastwirte auf ihren bereits vorher auf öffentlichen Straßen genehmigten Außenbewirtschaftungsfreiflächen Schirme mit Seitenwänden aufstellen dürfen, wenn sie dies beantragen«, teilt der Bürgermeister nun mit. Diesbezüglich hätten auch mehrere Lokalbetreiber beim Ordnungsamt nachgefragt. Einen offiziellen Antrag hätten bisher sechs Gastronomen gestellt - drei Vorhaben seien bereits genehmigt worden.

Eines davon betrifft Giancarlo Biscardi. Auch er will seinen Gästen ein trockenes Verweilen im Außenbereich ermöglichen. Sein Restaurant Gianoli in der Plockstraße in Gießen soll ebenfalls mit an den Seiten geschlossenen Sonnenschirmen und Infarotheizungen ausgestattet werden. »Die Genehmigung ist durch, am 4. November soll es soweit sein«, sagt Biscardi. Eigentlich hätte er schon viel früher umrüsten wollen, betont der Gastronom, es sei aber sehr schwer gewesen, das Material zu bekommen. »Zeltstoffe sind das Klopapier des Oktobers«, sagt Biscardi mit Blick auf die Mangelware zu Beginn der Corona-Pandemie.

Gießen: Gastronomie verliert durch Corona-Regeln Sitzplatzkapazität

Der Grund für die Investitionen ist klar: Durch die Beschränkungen und Abstandsregelungen im Zuge der Hygienevorschriften sind in der Gastronomie viele Plätze in den Innenbereichen weggefallen. »Bei mir fehlt gut die Hälfte der Sitzplatzkapazitäten«, sagt Bolero-Chef Isenberg. »Und da man bei uns draußen schön sitzen kann, haben wir uns für diese Variante entschieden.« Eine gute Wahl, wie der Lokalbetreiber betont. »Von den Gästen wird die Möglichkeit, draußen zu sitzen, relativ gut angenommen.«

Wie wichtig zusätzlich Plätze im Freien sein können, zeigt auch die neue Verfügung des Landkreises, die am Samstag in Kraft getreten ist. Demnach müssen den Gästen mindestens drei Quadratmeter der zugänglichen Fläche des Gastraumes zur Verfügung stehen.

Gastronomie in Gießen: Winterfeste Außenbereiche sind kostspielig

Womöglich werden daher weitere Gastronomen eine Umrüstung ihrer Außenbereiche beantragen. Bisher waren es lediglich sechs. Bürgermeister Neidel glaubt, den Grund dafür zu kennen: »Das mag daran liegen, dass diese bei näherer Prüfung festgestellt haben, dass die Anschaffung von solchen Schirmen mit Seitenwänden, die Heizung dieser Räumlichkeiten und auch die Bewirtschaftung mit Personal so hohe Kosten erzeugt, dass sich das Modell nicht rechnet.« Obendrein dürften die Gäste bei nasskalter Witterung einen Platz in der Gaststätte einem beheizten Schirm mit Seitenwänden vorziehen, glaubt der Bürgermeister.

Trotz gutem Sommer hohe Verluste in der Gastronomie

Laut dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) Hessen konnte der gute Sommer die Verluste der hessischen Gaststätten nicht ausgleichen. Laut Hessens Dehoga-Chef Julius Wagner hat die Branche im Vergleich zum Vorjahr mindestens 20 bis 30 Prozent Minus gemacht. Die Lage sei nach wie vor sehr angespannt.

Gastronomen in Gießen denken über Trennscheiben als Alternative nach

Laut Neidel überlegen daher viele Lokalbetreiber, die Gästezahlen mit Hilfe von deutlich günstigeren Trennvorrichtungen zu erhöhen. Denn gemäß der aktuellen Verordnungen muss durch den Einsatz von Plexiglasscheiben und Co. kein Mindestabstand von 1,50 Metern zwischen den Tischen eingehalten werden.

So macht es auch Maurice Zach-Zach in seinem Hawwerkasten. Ursprünglich habe er mit der Gedanken gespielt, eine Holzhütte aufzustellen. Er hätte aber schnell signalisiert bekommen, dass dies nicht möglich sei. »Schirme mit Seitenwänden wollte ich aber nicht anschaffen«, sagt Zach-Zach. »Die Investition war mir schlichtweg zu teuer.« Manche machen den Außenbereich wetterfest, andere setzen Trennwände ein, um die Gäste zusammenzubringen: Es gibt unterschiedliche Wege, die durch den Winter führen. (Christoph Hoffmann)

Sperrstunde für Gastronomie im Kreis Gießen gekippt: Die Sperrstunde, die aufgrund weiter stark steigender Corona-Fallzahlen täglich von 23.00 Uhr bis 6.00 Uhr gelten sollte, hat ein Gericht für rechtswidrig erklärt.

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