Der bekannte Wirt Oliver Becker hat im Sommer 2020 die Gaststätte im Rödgener Bürgerhaus übernommen. "Noch’n Gedicht" ist der neue Name.
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Der bekannte Wirt Oliver Becker hat im Sommer 2020 die Gaststätte im Rödgener Bürgerhaus übernommen. »Noch’n Gedicht« ist der neue Name.

Mensch, Gießen

Wirt Becker aus Gießen: Mit acht schon am Zapfhahn

  • Daniel Beise
    VonDaniel Beise
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»In Wieseck gibt’s nur wenige, die mich nicht kennen«, sagt er. Oliver Becker ist ein Wirt, wie er im Buche steht: Populär. Kumpelhaft. Tüchtig. »In Sachen Wirtshaus habe ich alles erlebt«, sagt Becker.

Ich habe mal einen Mann kennengelernt. Er kam eine Zeit lang regelmäßig in die Kneipe und hat zwei, drei Bier getrunken. Irgendwann habe ich mich zu ihm gesetzt. Er hatte eine Ausstrahlung, eine Aura - das war sensationell. Er hat mich in seinen Bann gezogen«, erzählt Oliver Becker von einer Begegnung während seiner Zeit als Gastwirt im Wiesecker Sportheim. »Je mehr man in der Öffentlichkeit steht, desto mehr sehnt man sich nach Einsamkeit«, habe der Gast gesagt. Zunächst hatte Becker Zweifel, doch dann merkte er: Da ist was dran. »Wenn ich den ganzen Tag mit vielen Leuten zu tun habe, bin ich froh, abends abschalten zu können.«

Der Gast war Clown in einem Wanderzirkus, damals aber bereits im Ruhestand. Ab und an hat er auf der Terrasse des Sportheims Trompete gespielt. Auch andere Gäste habe er damit begeistert. Nach einem halben Jahr erfuhr Becker, dass der Mann verstorben war.

Ein Wirt wie er im Buche steht: Oliver Becker aus Gießen

Solche Begegnungen, die in Erinnerung bleiben, zeichnen ein Leben als Gastwirt aus. Besonders, wenn man so umgänglich und unkompliziert wie Becker auf auf die Leute zugeht. Man fühlt sich bei ihm aufgehoben.

Der Schritt aber ins Leben als Gastronom hatte keinen schönen Hintergrund. 1988 erlitt sein Vater einen Schlaganfall. »Er konnte nichts mehr machen und ich stand vor der Wahl: Mach ich noch mein Studium fertig? Oder helfe ich meinem Vater in seiner Kneipe in Aschaffenburg?« Er musste nicht lange überlegen. Auf, dem Vater helfen.

»Das war eine ganz wichtige Weichenstellung in meinem Leben«, betont er. Denn er stand zudem vor der Entscheidung: »Sitze ich irgendwo im Büro, lebe vor mich hin, hab meine 40-Stunden-Woche und nach 50 Jahren hat niemand gemerkt, dass ich gelebt habe? Oder stürze ich mich ins Gewühl Gasstätte? Ich habe mich dann für den leichteren Weg entschieden«, meint er ironisch. »Sechs-Tage- und 70-Stunden-Woche.« Bereut aber hat er den Schritt nie. Klar habe es Rückschläge gegeben, »aber das war schon alles richtig so«.

„Zum kühlen Grund“: Oliver Becker kannte die Wirtschaft aus den 80er Jahren

Ein finanzieller Rückschlag war das Rauchverbot, das 2008 kam. »Das hat richtig Löcher gehauen. Das war auf einmal ein Minus von 30 000 Euro im Jahr«, verrät er. Vor allem die großen Feiern wie 50. und 60. Geburtstage hätten plötzlich gefehlt. Erst die Entscheidung, den Raucherraum abzuschaffen und das Lokal komplett rauchfrei zu machen, »hat tatsächlich wieder zu einer Umsatzsteigerung geführt«. Zudem hätten sich die Raucher nach und nach arrangiert.

Zu den finanziellen Sorgen türmten sich gesundheitliche. »Ich würde sagen, ich stand damals an der Vorstufe zum Burnout. Viele Stunden habe ich gearbeitet - und ich war unzufrieden. Ich hatte die Schnauze voll. Und ich hatte auch was anderes in Aussicht.«

Sein Partner aus dem Gießener Brauhaus und sein Getränkeverleger seien aus allen Wolken gefallen: »Wie kannst du denn aufhören?!« Zwei Angebote lehnte er ab. Beim »kühlen Grund« in Rödgen sagte er: »Festhalten. Ich bin morgen da. Sprich mit dem Besitzer. Das war eine Entscheidung innerhalb von Sekunden. Ich hau‘ dann noch mal einen raus«, habe ich gedacht. Die Wirtschaft kannte er noch aus den 80er Jahren. Und die Leute kamen und kamen. Warum, wisse er gar nicht. Auch nicht, woher seine Bekanntheit und Beliebtheit kommen. »Vielleicht sind es die Schnitzel, vielleicht auch die kleinen Unzulänglichkeiten im Leben«, sagt er und lacht.

„Mensch Gießen“: Oliver Beckers erstes Lokal war der »Kaiserhof« in Wieseck

Zu der Zeit hatte Becker schon über 20 Jahre Erfahrung als Chef eines Lokals. Sein erstes war der »Kaiserhof« in der Kirchstraße in Wieseck. »Das war wirklich legendär!«, betont der 59-Jährige. »Am ersten Montag im August haben wir oft Frühschoppen gemacht. Um neun Uhr kamen die ersten Leute, um 12 hat sich die Bude auseinander gedrückt. Manchmal habe ich nur am Vormittag um die 60 Rippchen verkauft«, erzählt er und lacht herzhaft.

Der »Kaiserhof« war ein gewachsenes Lokal. »Eine Kneipe von 1800 Dickmilch«, wie er sagt. Das sei wichtig, In ein neu Gebautes bekäme man nie »dieses Ambiente« rein. »Da kann man machen, was man will.« Die tiefen Decken, die schiefen Balken, die kleinen Fensterchen, die alten Stühle, das Holz - »das hat die Atmosphäre ausgemacht«.

Die 90er Jahre waren eine »tolle Zeit, eine andere Zeit«, erinnert er sich. »Das Leben war entschleunigter. Um halb fünf kamen die Leute nach Feierabend zum ›Dämmerschobbe‹. Heute heißt das ›After-Work-Party‹. Da lach‘ ich mich kaputt.« Den richtigen »Dämmerschobbe« gebe es heute so nicht mehr. »Die haben damals ihre Tasche in die Ecke gefeuert, drei, vier Bier getrunken, geschwätzt, was am Tag passiert und was auch nicht passiert war, und um halb acht waren sie auch wieder verschwunden. Dann stand das Essen aufm Tisch.« Man fühlt sich in der Zeit zurückversetzt, während der Gastwirt so erzählt. Man würde gerne mit anstoßen.

Oliver Becker: Schon mit drei beim Opa im Wirtshaus

Auch war es eine Zeit, in der Wieseck noch dörflicher geprägt und abgeschirmter von der Stadt war. »Hier kannte jeder jeden. Die Leute haben sich im Pulk auf der Straße, am Fenster, beim Metzger oder Bäcker unterhalten. Das sieht man heute kaum noch.« Um die 80er Jahre habe es hier noch rund 30 Lokale gegeben. Umso mehr Gießen und Wieseck aber verschmolzen, desto mehr sei der Dorfcharakter verloren gegangen.

Als Zehnjähriger pirschte er manchmal über die sauren Wiesen um den Stadtteil; eine Sumpflandschaft, wo heute Neubaugebiete sind. »Ich bin da mal eingesackt bis zum Oberkörper. Hätte mich mein Kumpel nicht rausgezogen, würde ich heute noch da stecken«, scherzt Becker.

Auch damals flitzte er schon durch Küche und Theke. Als Zwerg, als Dreijähriger, hat er beim Opa im Wirtshaus »Waldfrieden« leere Gläser eingesammelt, mit acht Jahren bereits beim Vater im »Dürren Eck« stehend auf einem umgedrehten Kasten Bier gezapft. Man neigt fast zu sagen, er kam mit der Hand am Zapfhahn zur Welt. Aber Scherz beiseite.

Seit Sommer 2020: Oliver Becker führt die Gaststätte im Rödgener Bürgerhaus

Natürlich hat er noch anderes im Leben gemacht, außer ein Lokal zu schmeißen - mit allem, was gleichwohl dazugehört: kochen, zapfen, unterhalten, managen, haushalten, planen, investieren, einkaufen, sauber machen und wieder von vorne.

Der gebürtige Wiesecker ist auch hier zur Schule gegangen: auf die Weiße Schule, die Friedrich-Ebert-Schule, für das Fachabi auf die Theodor-Litt-Schule und schließlich zum Studium in Energie- und Wärmetechnik an die Fachhochschule.

Im Sommer 2020 hat er die Gaststätte im Rödgener Bürgerhaus übernommen, die zuletzt mit verschiedenen Pächtern nicht so rosig lief. Die Entscheidung sei ihm nicht leicht gefallen, viele hätten ihn dazu ermuntert und den Wunsch geäußert, dass ein Lokal im Ort erhalten bleibt. Über die Jahre ist dort viel weggebrochen. Einzelhandel, Gastronomie. Weswegen sich auch 2019 der Verein »Lebendiges Rödgen« gegründet hat. Zur Wiederbelebung.

Wirt der Gaststätte im Rödgener Bürgerhaus: Oliver Becker kennt viele Geschichten

»Tafeln und schwafeln« lautet das Motto des neuen Restaurants »Noch’n Gedicht« im Bürgerhaus. »Wenn ich nicht diese Bekanntheit hätte, wäre das sicher nicht so schnell so gut angenommen worden«, sagt er. Und das trotz Krise. Dass er derzeit älteren Leuten im Ort auch bürgerlich Gekochtes nach Hause bringt, trägt sicher zu seiner Beliebtheit bei.

Über das leidige Thema Corona möchte er aber gar nicht wirklich sprechen. Es laufe schon okay. Auch dank seiner Frau Jeanette, die sich vor allem um das Interieur und die Facebook-Werbung kümmert. »Und sie versorgt mich mit Vitaminen«, sagt er.

Fünf Jahre läuft sein Vetrag dort. Was danach kommt? »Ach - das lassen wir mal lieber weg«, sagt er grinsend. Aber er habe etwas im Hinterkopf. »Da gart schon was. Ich fühle mich ja nicht so, dass ich irgendwo im Eckchen sitze und warte, bis es so weit ist.«

Vielleicht schreibt er ja noch ein paar historische Kneipen-Anekdoten auf. Aber das bleibt Kaffeesatzleserei. »Ich könnte noch viele Geschichten erzählen. Aber einige gehören sicher eher nicht in die Zeitung«, scherzt er zum Abschied.

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