"Das wird ein richtiger Ziegel"

  • Norbert Schmidt
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Als der in Staufenberg aufgewachsene, in Gießen gereifte und jenseits seiner jungen Jahre in Frankfurt und Uzès/Südfrankreich beheimatete Schriftsteller Peter Kurzeck im November 2013 starb, hinterließ er ein überwältigendes Werk an vielfach mit Preisen bedachter Erinnerungsliteratur. Diese nimmt ihre Leser detailverliebt mit ins vergangene Jahrhundert, in ein außergewöhnliches, vor allem für die 1950er bis 1980er Jahre präzise erzähltes Leben.

Als der in Staufenberg aufgewachsene, in Gießen gereifte und jenseits seiner jungen Jahre in Frankfurt und Uzès/Südfrankreich beheimatete Schriftsteller Peter Kurzeck im November 2013 starb, hinterließ er ein überwältigendes Werk an vielfach mit Preisen bedachter Erinnerungsliteratur. Diese nimmt ihre Leser detailverliebt mit ins vergangene Jahrhundert, in ein außergewöhnliches, vor allem für die 1950er bis 1980er Jahre präzise erzähltes Leben.

Kurzeck war bei seinem Tod erst 70 gewesen, war mitten aus der Arbeit an seinem epochalen, auf zwölf Bände ausgelegten Zyklus gerissen worden. Immerhin gab es den Nachlass, ein Konvolut an Manuskripten, Notizen und Kalendereinträgen. Für seine langjährigen Lektoren Rudi Deuble (Verlag Stroemfeld/Roter Stern) und Alexander Losse eine Herausforderung. 2015 war daraus das Romanfragment "Bis er kommt" geworden. Und "spätestens bis zur Buchmesse 2018" soll der siebte Band des "Alten Jahrhunderts" erscheinen, der Titel lautet "Der vorige Sommer und der Sommer davor".

Am Mittwoch gaben Deuble, der mit Kurzeck 25 Jahre befreundet war, und Literaturwissenschaftler Losse Einblick in ihre Sisyphosarbeit: 80 Besucher hatten Interesse an dieser Veranstaltung der Peter-Kurzeck-Gesellschaft Staufenberg und des Literarischen Zentrums Gießen, erfreuten sich in den KiZ-Ausstellungsräumen der Kongresshalle an Anekdoten ebenso wie an exemplarisch vorgetragenen Textauszügen sowie einzelnen Anmerkungen aus Kurzecks Zettelkasten.

PKG-Vorsitzender Marcel Baumgartner versprach eingangs, man werde im Herbst "einen richtigen Ziegel" präsentiert bekommen: "Der vorige Sommer und der Sommer davor" werde das, nach "Vorabend" (1015 Seiten!), zweitumfangreichste Buch Kurzecks, knapp 500 Seiten stark. Es enthalte neben dem Manuskript, soweit vom Autor fertiggestellt, auch rund 120 Seiten Notizen sowie ein ausführliches Nachwort von Deuble und Losse.

Die beim editorischen Puzzeln emotional sichtlich geforderten Herausgeber unterstrichen, wie sehr Kurzecks Erzählungen "eine Einladung zur Selbstbeobachtung" seien. "Man beginnt, mit dem Text in einen Dialog zu treten. Im Gegensatz zu Marcel Proust ("Suche nach der verlorenen Zeit") enthielten sie auch und gerade das Besondere, das Zufällige, das Individuelle, nicht nur das Allgemeingültige. Exemplarisch dafür die am Mittwoch gelesenen Passagen über einen impressionistisch anmutenden Junimorgen 1983 in Saintes-Maries-de-la-Mer, wohin Kurzeck mit seiner Freundin Sibylle und der gemeinsamen Tochter Carina per Autostopp aufgebrochen war, und über den letzten Abend dort, als sie am Ende zu dritt am Strand saßen. "Allein. Außer uns nur der Horizont." Danach ein Besuch in einem einfachen Restaurant. Bei einer Fischsuppe sagt er, er müsse "den Tag, die Zeit und die Welt nacherzählen". Dazu immer wieder Kurzeck’sche Ansichten: "Das vor uns, das gibt es. Das nach uns – das sind auch wieder wir." Oder: "Mittag. Besonders im Süden bleibt sie dann einmal stehen – die Zeit." Bezaubernd.

Das "Sommerbuch" entstand bei Kurzeck aus dem (letztlich zu üppigen) "Kirschkern"-Manuskript; ausgelagert wie "Als Gast" (2003) und "Ein Kirschkern im März" (2004). Die Notizen dazu datieren fast aus den ganzen 1990er Jahren. Nur hatte der Autor das unvollendete Typoskript zurückgestellt, weil er, wie er sagte, "zuvor anderes erzählen" musste. Das nun fast fertige Romanfragment setzt zeitlich an, wo das 2015 posthum erschienene "Bis er kommt" aufhören sollte. Und es mündet sozusagen in ein Herbst/Winter-Halbjahr mit einer "doppelten Katastrophe" (Baumgartner): Dem persönlichen wie wirtschaftlichen Schiffbruch von Kurzecks bestem Freund Jürgen – der Gießener hatte in Barjac seine Beziehung mit Pascale und sein Restaurant an die Wand gefahren – folgte wenige Wochen später die Trennung von Sibylle.

Eine ausführliche Vorstellung von "Der vorige Sommer und der Sommer davor" ist nach Erscheinen des Buches vorgesehen. In Planung sind bei Deuble und Losse weitere Kurzeck-Romanfragmente, darunter "Und wo mein Haus" und das "Paris-Buch".

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