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»Wir sind seit zweieinhalb Jahren die Feuerwehr«

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Von: Marc Schäfer

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Die Situation bei der Gießener Tafel ist weiterhin sehr angespannt. © Oliver Schepp

Gießen (mac). Immer mehr Bedürftige, immer weniger Lebensmittelspenden: Mehr als jede zweite Tafel in Hessen nimmt nach Informationen der »Hessenschau« seit einiger Zeit keine neuen Kunden mehr auf.

In Gießen ist das noch nicht der Fall, wie Anna Conrad bestätigt. »Wir haben noch keinen Aufnahmestopp. Ich kann aber nicht sagen, wie lange wir es noch so schaffen«, sagt die Organisationsleiterin der Gießener Tafel.

In den letzten Wochen sei die Zahl der Menschen, die von der Einrichtung unterstützt werden, noch einmal angewachsen. Von etwa 3500 Menschen auf nun 3800 in der Woche. Die neuen Bedürftigen können allerdings nur noch alle 14 Tage Lebensmitteltüten abholen. »Im Grunde haben wir rund 600 Personen mehr in die Versorgung aufgenommen«, sagt Conrad. Ebenfalls angewachsen ist die Warteliste. Zu normalen Zeiten standen dort 300 Haushalte, nun sind es 530, wie Conrad sagt. »Wir kommen einfach nicht mehr hinterher.«

Mit dem Rücken

zur Wand

Die Gründe dafür sind die weiterhin nicht ausreichenden Mengen an Lebensmitteln, die vom Handel kommen, aber auch die zu geringe Zahl an Ehrenamtlichen.

Nachdem bekanntgeworden war, dass die Tafel in Gießen von vier Ehrenamtlichen beklaut worden war und man sich im Zuge der Ermittlungen von den Personen trennen musste, habe sich zwar bei Spender, Sponsoren und neuen Helfern eine Jetzt-erst-recht-Mentalität gezeigt, sagt Conrad, dennoch fehlen im August rund 30 ehrenamtliche Helfer. Menschen, die eine Corona-Pause eingelegt hatten, kommen nicht zurück, andere müssen nach dem Ende des Lockdowns und der Homeoffice-Tätigkeit wieder in einen geregelten Dienst und haben keine Zeit mehr, weiterhin zu helfen.

Obwohl es hier und da Hilfe gab, fühlt sich Conrad mit den Problemen am Ende doch alleingelassen. »Wir sind jetzt seit zweieinhalb Jahren die Feuerwehr des Staates. Dabei sollen wir eigentlich nur unterstützen. Wie lange wir diese Probleme nur mit ehrenamtlichem Engagement schultern können, kann ich nicht sagen, denn wir stehen mit dem Rücken zur Wand«, sagt Conrad.

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