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Timo Zimmermann und Michaela Hesse vom Vermessungsamt scannen im Teichweg in Wieseck Kanalschächte.

»Wir sind der Kanal-Trupp«

  • Daniel Beise
    VonDaniel Beise
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Kanalsysteme sind eine Welt für sich - und mit bloßem Auge nur schwer zu prüfen. Für moderne 3D-Modelle scannt das Vermessungsamt bereits seit 2017 die rund 11 000 Schächte in Gießen. Ein Vorhaben, das noch ein paar Jahre dauern wird.

8.30 Uhr, Dienstagmorgen. Michaele Hesse und Timo Zimmermann stehen bereits im Teichweg am nördlichen Rand von Wieseck. Die Sonne scheint, also können sie ihre Arbeit aufnehmen. Wenn es regnet oder schneit, so informiert Hesse, können sie keine Kanalschächte scannen. Einerseits würde Nässe die Technik angreifen, andererseits kann das Gerät nicht durch Wassertropfen scannen - in der Folge wäre das 3D-Modell verfälscht. Auch starker Wind kann ihre Arbeit behindern. Die teuren Markierungsständer, die für den eigentlichen Scanner innerhalb von zehn Metern um die Kanaldeckel postiert werden, wurden durchaus schon mal umgeworfen, erzählt Hesse. Daher haben sie diese Witterungsverhältnisse auch stärker im Blick.

Interesse und Unverständnis

Zusammen mit Vermessungstechniker Zimmermann klappert sie seit rund vier Jahren die Gießener Gullideckel ab. Der Auftrag an das hiesige Vermessungsamt kam von den Mittelhessischen Wasserbetrieben (MWB), die ihr Kataster (amtliches Grundstücksverzeichnis) zu den Kanalsystemen mit hochwertigen Farbaufnahmen modernisieren wollen. »Es geht auch darum, zu schauen, in welchem Zustand der Schacht ist, ob Wasser durch Risse einsickert, ob Wurzeln eingedrungen sind - allgemein, ob es Beschädigungen gibt«, ergänzt Hesse. Zudem werde das Gefälle berechnet und welche Wassermengen durchfließen.

Durchaus essenzielle Prüfarbeiten für eine funktionierende Infrastruktur. Dennoch gebe es immer mal wieder die Frage von Passanten: »Und, was wird hier wieder von meinen Steuergeldern finanziert?« Die meisten aber würden interessiert fragen, was sie denn dort machen, erzählt die 32-jährige Truppführerin.

Im Gewerbegebiet um den Teichweg laufen weniger Fußgänger, dafür umso mehr Lkw-Verkehr. Doch die Straße ist breit genug, dass die schweren Fahrzeuge vorbeifahren können. Vorlaufzeit und Organisation so einer räumlich eigentlich wenig Platz einnehmenden Scannung sind durchaus beachtlich. Hesse plant rund zwei Wochen im Voraus. Eventuell müssen Parkverbote erlassen oder sogar Buslinien umgeleitet werden. Auch die Termine der Müllabfuhr müssen zum Beispiel bedacht werden. Trotz aller Vorplanung müsse man schon manchmal auch Autos abschleppen lassen, berichtet Zimmermann und betont: »Wir machen das nicht gerne, das ist auch für uns immer ein großer Aufwand. Aber wir müssen ja unsere Arbeit machen.«

Diese Arbeit machen Zimmermann und Hesse seit 2018 vermehrt im Duo. Und wegen der Corona-Pandemie ausschließlich die beiden zusammen, weil die Angestellten nicht mehr durchgewechselt wurden. Sie sind ein eingespieltes Team. Das spürt man, wenn man ihnen über die Schulter schaut. »Wir sind der Kanal-Trupp«, scherzt Zimmermann, seine Kollegin muss grinsen. Auch nehmen die beiden immer mal wieder Praktikanten sowie Azubis aus der Vermessungstechnik, aber auch aus der Verwaltung mit - »damit sie auch sehen, was wir überhaupt machen«, sagt Hesse.

10 von 16 geschafft - ein guter Schnitt

16 Kanalschächte gibt es im Teichweg, die teils tiefer sind als die meisten, bis zu sechs Meter. Davon hat das Scan-Team an diesem Tag zehn geschafft. Das sei unter guten Bedingungen meist ihr Tagesziel. Bis zu 500 schafft das Vermessungsamt pro Jahr von den 11 000. »Ich gehe in neun Jahren in Rente - ich glaube nicht, dass wir bis dahin alle gescannt haben«, prophezeit Zimmermann. Zudem werde ja dann auch wieder von vorne angefangen, auch um Schäden auszumachen.

Am Nachmittag zieht Hesse Bilanz: »Heute lief alles gut. Sonnige Grüße.«

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