Will Oberbürgermeister in Gießen werden: Alexander Wright (Grüne).
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Will Oberbürgermeister in Gießen werden: Alexander Wright (Grüne).

Interview zur Oberbürgermeisterwahl

Alexander Wright (Grüne) bewirbt sich bei OB-Wahl: „Müssen verändern, wie wir leben und uns bewegen“

  • Marc Schäfer
    VonMarc Schäfer
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Alexander Wright - 34 Jahre, Familienvater, früher Elektrotechniker, heute Berufsschullehrer, Fraktionschef der Grünen im Stadtparlament - will bei der OB-Wahl am 26. September Oberbürgermeister von Gießen werden.

Welche Fähigkeiten muss der neue Gießener Oberbürgermeister mitbringen?

Er muss kommunikativ sein. Die Dinge, die er vorhat, erklären und zuhören können. Und er muss einen Gestaltungswillen mitbringen. Das ist meine Motivation: Ich will in Gießen etwas gestalten und bewegen.

An welchen Dingen, die ein OB können muss, hapert es bei Ihnen noch?

Ich bin manchmal ungeduldig und mache Manches zu oft nur mit mir aus.

Sind Sie nicht zu unerfahren, um eine Stadt wie Gießen zu führen?

Ich würde mich nicht als unerfahren sehen. Ich bin seit zehn Jahren in der Kommunalpolitik aktiv, kenne die Fallstricke. Als Produktmanager habe ich Personalverantwortung getragen. Ich weiß, wie man mit Menschen umgeht. Und als Lehrer habe ich gelernt, Menschen weiterzuentwickeln. Wie eine Verwaltung funktioniert, lernt man auch im schulischen Betrieb ganz gut. Führung ist eine Frage der Haltung - und die bringe ich mit.

Oberbürgermeisterwahl: Alexander Wright (Grüne) will Gießen „zur Klimaneutralität“

Wie soll sich Gießen unter Ihnen als OB verändern?

Gießen ist eine junge, bunte und friedliche Stadt, die dafür bekannt ist, Flüchtlinge aufzunehmen und dafür zu sorgen, dass das gut klappt. Diese Eigenschaften möchte ich stärken. Verändern müssen wir die Art, wie wir leben und die Art, wie wir uns fortbewegen, damit wir in den Bereichen Klimaneutralität und Verkehrswende weiterkommen. Das schaffen wir nicht, indem wir es erzwingen, sondern in dem wir Angebote machen. Das möchte ich. Gießen zur Klimaneutralität zu führen und auf die unausweichlichen Klimafolgen vorzubereiten, ist eine Herkulesaufgabe.

Wie wollen Sie das angehen?

Ich werde Klimaschutz im Rathaus zur Chefsache machen und zum Beispiel eine »Stabsstelle Klimaschutz« schaffen. Wir müssen die Investitionen enorm erhöhen, überall energetisch sanieren. Die Stadtwerke müssen als Partner der Energiewende fungieren. Das heißt, Menschen zum Beispiel aktiv ansprechen, um eine Solaranlage auf ihr Dach zu bringen. In Sachen Verkehrswende haben wir viele Möglichkeiten. Haben Sie genug Zeit mitgebracht? (lacht).

Fassen Sie es doch am besten kurz zusammen.

Um den motorisierten Individualverkehr zu reduzieren, was unser Ziel sein muss, müssen wir die Qualität der anderen Angebote erhöhen. Die Verdopplung des ÖPNV-Taktes, eine bessere Radverkehrsanbindung, bessere Verbindungen für Fußgängerverkehr - das gehört alles dazu. Es wird ja oft behauptet, wir wollen alles verbieten, aber es geht darum, neue Freiheiten zu schaffen und dass es genauso bequem wird, in den Bus zu steigen wie ins eigene Auto. Als Familienvater ist es mir wichtig, dass man mit dem Rad sicher in die Innenstadt kommt. Wenn ich heute mit meinem Sohn unterwegs bin, habe ich am Anlagenring Herzklopfen. Die Ludwigstraße meide ich komplett. Nur auf den Fahrradstraßen kann ich mal kurz durchatmen.

OB-Wahl in Gießen: Kandidat Alexander Wright will viel für Familien tun

Ihr Mitbewerber Frank-Tilo Becher hat über Ihre Schwerpunkte an dieser Stelle vor ein paar Tagen gesagt, nur Klimaschutz und Verkehrswende ist zu wenig. Hat er Unrecht?

Konsequenter Klimaschutz und gute Sozialpolitik schließen sich nicht aus. Ein gegeneinander Ausspielen halte ich für falsch. Im Idealfall ergänzen sich beide Themen. Ich setze mich unter anderem für enorme Vergünstigungen für Gießen-Pass-Besitzer im ÖPNV ein. Als Kandidat der stärksten Kraft im Stadtparlament habe ich alle Gießener im Blick.

Welche Dezernate möchten Sie als Oberbürgermeister besetzen?

Natürlich wird der Klimaschutz mein großes Thema sein. Das ist mein Steckenpferd. Aber auch der Verkehr und die Finanzen der Stadt. Denn darüber kann man sehr viel steuern und gewichten. Und ich möchte ganz klar auch im Haushalt mehr Gewichtung in Richtung Klimaschutz. Daher ist auch die Kämmerei für mich ein wichtiges Dezernat. Darüberhinaus möchte ich in der Wirtschaftsförderung Schwerpunkte setzen und Betriebe auf ihrem Weg zur Nachhaltigkeit unterstützen. Ansonsten bin ich dafür, dass Frau Weigel-Greilich und Frau Eibelshäuser ihre Dezernate behalten, denn das haben sie sehr gut gemacht. Bei Frau Weigel-Greilich sehe ich zudem die Stadtplanung.

Welche Themen genießen bei Ihnen ebenfalls hohe Priorität?

Familien, denn für Familien können wir als Stadt noch viel tun. Ein Frühstücksangebot für alle Kita-Kinder zum Beispiel. Das Ganztagsangebot an den Schulen möchte ich noch ausbauen und die Qualität erhöhen. Auch bei Neubauten müssen wir Familien mit Kindern mitdenken. Mein Sohn geht in die Kita am Ulner Dreieck. Da ist jetzt irgendein Vertrag ausgelaufen, sodass der Spielplatz dort nur noch für Kinder von Anwohnern nutzbar ist. Das kann doch nicht sein. Kinder müssen doch überall willkommen sein. Mir ist in diesem Zusammenhang auch das Thema kinderfreundliche Schulwege im Koalitionsvertrag wichtig. Wenn wir das hinbekommen, können Kinder wieder alleine in die Schule gehen und wir brauchen keine Elterntaxis mehr.

Podiumsdiskussion zur Gießener OB-Wahl

Am morgigen Samstag (11.09.2021) stellen sich die fünf Kandidaten der Gießener Oberbürgermeisterwahl den kritischen Fragen von Publikum und Moderaten. Ab elf Uhr laden die beiden großen Gießener Tageszeitungen zur öffentlichen Diskussion auf den Kirchenplatz. Die Details zur Veranstaltung erfahren Sie hier.

Im Seltersweg soll es Händlern nicht nur vor dem Verkehrsversuch auf dem Anlagenring, sondern auch schon vor einem grünen OB grauen?

Das muss es nicht, denn die Zusammenarbeit wird gut funktionieren, wenn wir im Gespräch bleiben und uns einander zuhören. Der Verkehrsversuch zielt doch im Übrigen auch darauf ab, den Einzelhandel zu stärken. Ich werde den Transformationsprozess der Innenstadt unterstützen.

Der Großteil der Kunden der Gießener Einzelhändler kommt mit dem Auto in die Stadt. Das kann Ihnen ja nicht recht sein?

Das stimmt. Aber auch das verhindern wir nicht durch Verbote. Wir wollen bis auf einige Ausnahmen keine Autos mehr in der Innenstadt. Dafür stehe ich. Wir wollen das aber nicht, weil wir das nicht mögen, sondern weil wir überzeugt sind, dass wir die Lebens- und Aufenthaltsqualität auf diese Weise verbessern. Und das wird eine enorme positive Wirkung auf den Handel haben. Wenn wir die Autofahrer in die vielen nicht ausgelasteten Parkhäuser leiten, sparen die sich auch den Frust der Parkplatzsuche in der Innenstadt.

Oberbürgermeisterwahl in Gießen: „Haben bei diesem Thema die Strahlkraft unterschätzt“

Wann werden Autos aus dem inneren Ring der Stadt verschwinden?

Das wird dauern. Wir wollen diesen Schritt schließlich auch baulich begleiten und nicht bloß mit Pollern absperren. Dabei gibt es sehr viele Detailfragen zu klären. Wie kommen die Anlieger nach Hause? Wie kommen die Kunden auf die Parkplätze der Läden, die wir in der Innenstadt haben? Wir brauchen dazu einen Masterplan, den wir dann mit dem Verkehrsentwicklungsplan zusammenbringen. Wenn wir den VEP haben, gehen wir den Rest Stück für Stück an. Auf jeden Fall wollen wir Neue Bäue, Neustadt, Bahnhofstraße, Walltorstraße und den Brandplatz in den nächsten fünf Jahre autofrei haben. Bis 2030 möchte ich nicht auf die autofreie Innenstadt warten müssen.

Damit werden Sie sich nicht nur Freunde machen.

Abwarten. Im Verkehrsdezernat ist in Sachen Kommunikation in der Vergangenheit vieles schlecht gelaufen. Bei den Fahrradstraßen sind die Anwohner nicht mitgenommen worden. Auf das in diesem Zuge angekündigte Anwohnerparken mussten sie zu lange warten. Da haben auch wir Grüne viel einstecken müssen, obwohl wir gar nicht dafür verantwortlich waren. Auch der Verkehrsversuch in der Neustadt wurde ohne Erklärung angeordnet. Vielleicht ist das Thema Verkehrsversuch auch deshalb so verpönt. Das werde ich in Zukunft anders handhaben. Ich werde mehr mit den Menschen reden und sie mitnehmen. Und ich werde in diesem Bereich auch mehr investieren. Nicht nur Farbe aufstreichen. Wir Grüne waren zwar in der Koalition, aber ich hätte dort von anderen trotzdem gerne mehr Mut gesehen.

Verkehrsdezernent Peter Neidel hat für Radmaßnahmen eigenen Angaben zufolge so viel Geld wie nie zuvor in den Haushalt eingestellt..

Das wage ich zu bezweifeln. Der Durchstich oder der Rübsamensteg waren zuvor doch enorme Investitionen. Und im Haushalt ist zuletzt sehr viel Geld dafür vorgesehen gewesen, weil wir stark dafür gekämpft haben. Die jetzigen Fahrradstraßen sind doch auch keine große Verbesserung. Aber - das stimmt - wir haben bei diesem Thema die Strahlkraft unterschätzt, die die ersten Fahrradstraßen haben würden.

Wright will nach Gießener OB-Wahl „Verkehrswende und Klimaschutz zur Chefsache machen“

Als Ordnungsdezernent hat Herr Neidel zuletzt durchgegriffen, als es darum ging, ausschweifende Partys in der Stadt und an der Lahn zu verhindern. Hat Ihnen das gefallen?

Nein. Das hätte man anders lösen können. In Darmstadt suchen Sozialarbeiter zum Beispiel im Vorfeld das Gespräch, damit solche Situationen gar nicht entstehen. Was hier passiert ist, ist eine Jagd durch die Stadt. Uni-Platz, Lahnwiesen, Schwanenteich. Man macht jeden Standort unattraktiv, in der Hoffnung, das Problem zu lösen, aber das wird so nicht passieren. Man muss das Gespräch suchen, Orte finden, an denen gefeiert werden kann und die Leute dabei unterstützen, Probleme wie Müll und Lautstärke selbst zu lösen. Das ist im Übrigen ja auch passiert. Aber klar, es geht eben auch nicht, dass man bis morgens um 5 Uhr auf der Ludwigstraße feiert. Aber deswegen muss man nicht mit der großen Keule kommen.

Was wollen Sie für den sozialen Wohnungsbau tun?

Wir haben bereits unter anderem mit der 20-prozentigen Sozialwohnungsquote bei neuen Bauprojekten angefangen. Wohnen ist in Gießen überteuert. Familien suchen größeren Wohnraum. Diesen Problemen müssen wir uns stellen. Statt nur neu zu bauen, müssen wir mit der Wohnbau aber auch Wohnungen vom freien Markt zu Sozialwohnungen machen.

Haben Sie seit der Bekanntgabe Ihrer Kandidatur schon Fehler gemacht?

Wenn ich es noch mal zu tun hätte, würde ich mir als Fraktionschef mehr Zeit zum Sondieren lassen. Aber bevor Sie fragen: Ich bin mit dem Ergebnis der Koalition - auch mit den Gießener Linken - zufrieden. Dennoch bleibe ich dabei, dass ich das Bündnis nicht eingegangen wäre, wenn wir nur 30 Stimmen gehabt hätten, weil ich nicht von der DKP abhängig sein wollte.

Wie geht es aus am 26.?

Das ist schwer zu beantworten. Ich kann nur sagen, dass ich Oberbürgermeister werden will. Nicht, weil ich den Titel so toll finde, sondern weil nur der OB die wichtigen Kompetenzen hat. Wir wollen Verkehrswende und Klimaschutz zur Chefsache machen. Das geht nur, wenn wir Grüne den OB stellen. Ich will Gießen so in eine gute Zukunft führen. Mit diesem Wunsch wache ich jeden Morgen auf und gehe jeden Abend damit ins Bett.

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