Aus Lautsprecherboxen am Theatereingang erklingen Musik und Publikumszitate über das Stadttheater. FOTOS: SCHEPP
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Aus Lautsprecherboxen am Theatereingang erklingen Musik und Publikumszitate über das Stadttheater. FOTOS: SCHEPP

"Wir kommen wieder, keine Frage"

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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"Wir sind da, trotz Lockdown" - diese Botschaft vermittelte am Montag das Stadttheater im Rahmen eines Aktionstages. Zwischen Großem Haus und Studiobühne erklangen aus Lautsprecherboxen Zuschauerzitate und Musik als Zeichen der Verbundenheit des Theaters mit seinem Publikum.

Das Stadttheater Gießen ist, glaubt man den Einträgen im Gästebuch, nicht nur "das einzige Haus am Berliner Platz, das keiner abreißen will" oder eine "nicht immer leicht verdauliche Lieblingsspeise". Es ist auch das Herz der Stadt. Umso bedauerlicher, dass das Theater aktuell wegen des Lockdowns nicht für sein Publikum spielen kann und weiter mit erheblichen Anstrengungen geprobt wird, ohne zu wissen, wann sich der Vorhang wieder heben darf.

Zuschauerzitate

Vor diesem Hintergrund beteiligten sich am Montag Mitarbeiter des Theaters an einer bundesweiten Aktion der im Deutschen Bühnenverein organisierten Theater. Von morgens früh bis in den frühen Abend hinein blieben die Türen von Großem Haus und taT-Studiobühne fast durchgängig geöffnet, obwohl Besucher derzeit keinen Einlass finden können. Aus Lautsprecher- boxen erklangen Musik und Zitate, am Abend erstrahlte das Theater in mehrfarbiger Beleuchtung.

"Wir sind da, trotz Lockdown" lautete die Botschaft, die mit viel Kreativität umgesetzt wurde. Mitarbeiter des Hauses hatten Originalzitate von Besuchern aus den Gästebüchern der vergangenen Jahre, aber auch aus Digitaltexten und Printmedien eingesprochen und zu einer hörenswerten Klangcollage, garniert mit Musik aus früheren Aufführungen und Konzerten, zusammengestellt. Ganz junge Besucher, treue Operettenfans, kritische Opernbesucher, begeisterte Tanzfreunde und überraschte Schauspielkritiker kamen hier zu Wort und lieferten, nicht nur mit den eingangs erwähnten beiden Zitaten, in regelmäßigen Abständen laut auf den Platz übertragen einen echten "Ohrenschmaus". "Das hätte ich Gießen in dieser Qualität nicht zugetraut", "Wir kommen wieder, keine Frage" oder "Gut gemeint, voll daneben" - die Palette der Zitate reichte von Lobeshymnen bis zu harscher Kritik - und zeigte, wie lebendig das Verhältnis des Gießener Publikums zu seinem Theater ist.

Parallel fand ein zweites Projekt statt. Unter dem Motto "Was wir gehofft haben, nie mehr sagen zu müssen" nahmen Theatermitarbeiter und mit dem Theater und der Kultur verbundene Personen aus der Stadt im Stadtverordnetensitzungssaal kurze Statements auf, die in Kürze auf einer eigens eingerichteten Plattform (spectyou-aktionstag.com) abrufbar sind. Mit dieser Aktion reagierte das Stadttheater, ansonsten einer der Taktgeber im öffentlichen Diskurs und durch den Lockdown aktuell in seinen Möglichkeiten beschnitten, auf die derzeitige gesellschaftliche Situation, in der - 75 Jahre nach den Nürnberger Prozessen - Rechte im Bundestag Abgeordnete bedrängen und "Querdenker" antisemitische Verschwörungsmythen verbreiten.

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