Janine Clemens leitet die -Geschäftsstelle des Literarischen Zentrums. FOTO: PM
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Janine Clemens leitet die -Geschäftsstelle des Literarischen Zentrums. FOTO: PM

"Wir bleiben maximal flexibel"

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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Im März des Jahres hat Janine Clemens die Geschäftsführung im Literarischen Zentrum übernommen. Zeitgleich kam der erste Corona-Lockdown. Veranstaltungen mussten abgesagt oder verschoben werden und konnten später nur unter besonderen Vorzeichen stattfinden. Wie sie und ihr Team diese Herausforderungen angegangen sind, und was sie für die Zukunft plant, erzählt die LZG-Geschäftsführerin im Interview.

Ab wann haben Sie geahnt, dass dieses Jahr für Sie in Ihrer neuen Funktion ganz besondere Herausforderungen bereithält?

Schon an meinem ersten Arbeitstag gab es die erste Corona-Absage durch die JLU, mit der wir anlässlich des Internationalen Frauentags eine gemeinsame Lesung mit Marlene Streeruwitz geplant hatten. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich noch, diese Absage bliebe die große Ausnahme und sei eine reine Vorsichtsmaßnahme. Dann ging alles Schlag auf Schlag und die Ausfälle häuften sich. Als ich dann unsere Volontärinnen und Praktikantinnen Mitte März ins Homeoffice schicken musste und feststand, dass wir erstmals in der Geschichte des LZG kein Programmheft drucken werden, da wurde mir erst so richtig bewusst, dass es den LZG-Normalbetrieb so schnell nicht wieder geben wird. Das war ein ziemlicher Schock.

Wie schwierig ist es, ein Programm an Lesungen zusammenzustellen, wenn Autoren und Veranstalter jederzeit damit rechnen müssen, dass Auftritte auch kurzfristig abgesagt oder verlegt werden?

Gerade in den Anfangsmonaten der Corona-Pandemie, die ja auch meine ersten Monate beim LZG waren, bescherte mir die große Planungsunsicherheit viele schlaflose Nächte. Dass aber niemand - weder wir als Veranstalter noch die Verlage und Autoren - Erfahrungen im Umgang mit einer Pandemie haben, das musste ich mir erst einmal bewusst machen. Insofern war das für mich persönlich auch ein Lernprozess. Insgesamt herrscht bei der Planung mit Verlagen und Autoren großes Verständnis füreinander. Irgendwie haben wir alle gelernt, auch mit Planungsunsicherheit zu leben, wobei die Lage für Solo-Selbstständige natürlich mehr als prekär ist.

Und wenn Lesungen tatsächlich stattfinden konnten, waren organisatorische Maßnahmen wegen der Corona-Bestimmungen erforderlich.

Die Vorbereitungen für die kurzzeitige Wiederaufnahme des Lesungsbetriebs im September und Oktober waren tatsächlich mit einem ordentlichen Mehraufwand verbunden. Zu den Herausforderungen gehörte es, Räume zu finden, die trotz der Abstandsregelungen noch eine für uns vertretbare Anzahl an Sitzplätzen boten. Da fielen die kleineren Spielorte, mit denen wir sonst so gerne planen, automatisch weg. Und dann kam ganz klassisch der Zollstock zum Einsatz, denn wir mussten ja ausmessen, wie viele Karten wir überhaupt zum Verkauf freigeben konnten. Auch das Anmeldeprozedere musste im Zuge der Kontaktnachverfolgung, die wir als Veranstalter gewährleisten müssen, komplett neu durchdacht werden. Hinzu kam das permanente Studieren der Corona-Verordnungen, die sich ständig ändern, deren Stand wir aber kennen müssen, weil wir danach unsere Hygienekonzepte erarbeiten. Diese kleinteiligen Überlegungen brachten unser kleines Team zeitweise schon an die Grenzen, das muss man ganz klar so sagen…

Hatten alle Besucher Verständnis, dass nur sehr wenige Zuhörerplätze vergeben werden konnten und haben manche vielleicht sogar ihre Karten behalten, um so das LZG zu unterstützen?

Das Verständnis, das uns und unserer Arbeit entgegengebracht wird, war und ist noch immer enorm. Wir bekommen insgesamt viel Zuspruch und viele liebe Worte, das tut in solchen Krisenzeiten unheimlich gut. Auch haben einige Menschen das LZG durch eine zusätzliche Spende unterstützt, was wir sehr zu schätzen wissen. Tatsächlich haben auch die wenigsten unserer Gäste Karten zurückgegeben, was aber auch sicher damit zusammenhängt, dass wir oft Nachholtermine angekündigt haben und erst einmal abgewartet wird.

Für welche Lesungen steht bereits jetzt fest, dass sie (vermutlich) im nächsten Jahr/ Quartal nachgeholt werden können?

Terminiert ist bereits ein Nachholtermin am 30. März mit Leander Fischer, der uns seinen erfolgreichen Debütroman "Die Forelle" vorstellen wird. Darauf freuen wir uns auch schon ganz besonders! Sicher nachgeholt wird auch die Lesung mit Jan Costin Wagner, die im Rahmen des Krimifestivals hätte stattfinden sollen sowie die Lesung in einfacher Sprache mit Kristof Magnusson. Ob das schon im nächsten Quartal klappt oder erst für das übernächste, klären wir gerade noch.

Auch die Frankfurter Buchmesse fand nur digital statt. Wie schwierig ist die Arbeit eines Literarischen Zentrums, wenn so die Gelegenheit zur persönlichen Kontaktaufnahme mit Autoren, Verlagen wegfällt?

Der persönliche Kontakt fehlt total. Da ja auch schon die Leipziger Buchmesse im März ausgefallen ist, kenne ich viele Verlagsvertreter leider immer noch nicht persönlich. Das ist schade, da Networking in unserer Branche dazugehört. Aber mit der Krise hat die Branche auch gelernt, sich anders aufzustellen und sich mit der Situation zu arrangieren. Um über Neuerscheinungen zu sprechen, greifen Verlage jetzt vermehrt auf die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation zurück. Das klappt eigentlich ganz gut.

Die LZG-Programmleitung ist traditionell auch immer in Uni-Seminare eingebunden. Wie konnte das in diesem Corona-Jahr ermöglicht werden?

Wir stehen nach wie vor in ganz engem Austausch mit der JLU, planen auch gemeinsame digitale Formate im Frühjahr. Im Ausnahmejahr 2020, in dem die Universität fast gänzlich auf die Präsenzlehre verzichtet und das LZG neben den Unwägbarkeiten auch mit personellen Engpässen zu kämpfen hatte, war unsere Beteiligung leider nur begrenzt möglich. Ich bin aber sicher, dass wir das im nächsten Jahr wieder viel verstärkter in Angriff nehmen können.

Warum konnten Lesungen bislang nicht einfach ins Netz verlegt werden?

Der digitale Veranstaltungs- ersatz bzw. eine digitale Ergänzung waren seit dem ersten Lockdown im März immer wieder Thema bei uns, denn man orientiert sich auch an anderen Literaturhäusern und schaut, wie die Kolleginnen und Kollegen mit dieser Ausnahmesituation umgehen. Auch, wenn eine Online-Lesung das Live-Erlebnis vor Publikum nicht ersetzen kann, haben wir uns vor alternativen Formaten nicht grundsätzlich verschlossen. Im Gegenteil: In den letzten Monaten, in denen wir großartige Live-Lesungen veranstalten durften, haben wir im Hintergrund einiges ausprobiert und uns peu à peu an die digitalen Formate herangetastet. Aber es braucht etwas mehr als eine simple Kamera, das haben uns die letzten Monate auch gelehrt. Wir haben schnell gemerkt, dass wir das personell als auch fachlich nicht alleine stemmen können und jemanden brauchen, der uns fachkundig unterstützt und uns auch in Sachen Technik berät. Dazu gehört dann leider auch, dass wir ein bisschen was investieren müssen…

Das Literarische Zentrum sucht also nach neuen Vermittlungsformaten. Was genau bieten Sie an, was ist geplant?

Wir möchten ab dem neuen Jahr in Sachen Digitalisierung einen großen Schritt nach vorne tun, um einerseits eine größere Partizipation zu ermöglichen und andererseits sowohl uns als auch unseren Gästen die Planungssicherheit zu geben, die uns allen so sehr fehlt. Wir wollen endlich wieder verlässlich Literatur bieten, das ist uns wichtig! Dabei werden wir konsequent auf einen Mix aus digitalen und hybriden Formaten setzen - damit bleiben wir in den ungewissen Pandemie-Zeiten, in denen wir jederzeit mit weiteren Einschränkungen rechnen müssen, maximal flexibel. Die ersten drei Lesungen im Januar und Februar, die alle in Kooperation mit der JLU stattfinden, werden aber rein digital stattfinden, das steht bereits sicher fest.

Wie nutzen Sie und Ihr Team die unerwartet freie Zeit im Dezember? Können wir uns etwa auf ein besonders prall gefülltes Veranstaltungsprogramm im neuen Jahr freuen?

Wir wollen die Zeit bis zur Weihnachtspause vorrangig nutzen, um uns auf die neuen digitalen/hybriden Formate vorzubereiten und uns technisch so auszustatten, dass wir ab Januar auch wirklich einen möglichst reibungslosen Ablauf garantieren können. Ein besonders prall gefülltes Programm planen wir dabei nicht. Das würde zum jetzigen Zeitpunkt wenig Sinn machen. Unser Ziel für die nächsten Monate wird es zunächst sein, langsam und behutsam wieder in den Normalbetrieb zu kommen und dabei nicht gleich zu viel zu erwarten. Große Lesungen und innovative Formate sind toll, aber wir werden versuchen, das, was wir planen, erst einmal stabil umzusetzen. Darüber hinaus haben wir gerade einen digitalen "Literarischen Adventskalender" mit Buchtipps aus dem LZG ins Leben gerufen, der Leseinspiration für die Adventszeit geben und den trüben Corona-Alltag ein Stück weit angenehmer gestalten will. Die Aktion findet man auf der LZG-Homepage, aber auch auf Social-Media, wo es am Ende sogar noch etwas zu gewinnen gibt.

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