»Wir betreten Neuland«

  • Karola Schepp
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Gießen (gl). Groß war die Empörung bei selbstständigen Künstlern und Musikern, als bekannt wurde, dass das Stadttheater seine TanzArt als Open-Air-Veranstaltungsreihe nachholt und zusätzlich ab Ende August Kulturtreibenden Auftrittsmöglichkeiten bieten wird. Dass die dafür aus dem Förderprogramm »Ins Freie« bewilligten 190 000 Euro hauptsächlich in die Technik fließen und freie Künstler und Musiker keine klaren Zusagen zur Höhe von Gagen und Aufwandsentschädigungen für ihre »Gießener Auftritte« bekommen würden, wurde moniert.

Nun sorgt Ballettdirektor Tarek Assam, nach einem Gespräch mit den Beschwerdeführern, auch öffentlich für Klarstellung. Sicher sei die erste Anfrage an die »freie Szene«, ob sie sich überhaupt vorstellen könne, die digitale Plattform »Gießener Auftritte« mitzunutzen, missverstanden worden, so Assam. »Und nun entlädt sich der Ärger der Soloselbstständigen bei uns.« »Wir wollten zunächst nur wissen, ob noch jemand mitmachen möchte. Selbstverständlich war von Anfang an klar, dass dies nicht ›umsonst‹ im Sinne der Selbstausbeutung der Kulturschaffenden geschehen soll.« Der Antrag zum Kulturpaket des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst sei ausführlich geprüft und unter Maßgabe aller Förderrichtlinien anerkannt worden und widerspreche in keiner Weise den Förderrichtlinien des Programms »Ins Freie«. »Da wir die Mittelzusage unverschuldet spät erhalten haben, mussten wir statt in den Mai 2021 in den August und September 2021 mit der Durchführung gehen«, bedauert Assam nun den zur Verfügung stehenden kurzen Organisationszeitraum.

»Das kann ich nicht pauschal vergüten«

Ziel sei es, so Assam, die Veranstaltung mit unterschiedlichsten Aspekten kulturellen Schaffens niedrigschwellig und ohne Eintritt am Berliner Platz - »das ist der zentrale Kulturort in Gießen« - anzubieten. »Wir müssen den Menschen wieder klar machen, dass es Kultur gibt«, zitiert Assam Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Dies sei mit großem künstlerischen, technischen und organisatorischen Aufwand verbunden. »Wir betreten mit dieser Veranstaltung Neuland«, betont Assam. Lange habe man auch nicht gewusst, ob die beantragten Gelder überhaupt in dieser Höhe genehmigt werden.

Kein fest angestelltes Mitglied des Theaters, das jetzt in der Sommerpause an dem Projekt arbeite, erhalte irgendwelche Honorare aus Mitteln des Projekts. Auch das Stadttheater als Veranstalter habe wirtschaftlich keinen Vorteil aus dem Programm. Bewusst seien alle Honorarverträge für das Programm an Kollegen aus der freien Szene vergeben worden, »die im technischen Bereich des Kulturbetriebs ebenso wie die Kunstschaffenden seit 14 Monaten kaum Einnahmen hatten«.

Das Programm sei zudem nicht ausschließlich ein Hilfsprogramm für Soloselbstständige, betont Assam, sondern wolle Kultur grundsätzlich - im Freien - wieder präsent machen. Dafür habe das vierköpfige Organisationsteam verschiedenste Kulturpartner aus Gießen im Vorfeld angesprochen und gebeten, sich mit fünf- bis 15-minütigen vorproduzierten Videos auf der digitalen Plattform, einer riesigen Projektionswand auf dem Berliner Platz, zu beteiligen - wenn die Pandemie es zulasse, könnten auch Live-Auftritte dazukommen. »Einige haben sofort zugesagt und sich positioniert, andere haben überhaupt nicht reagiert«, so Assam und zählt unter anderem Tinko-Theater, Hein-Heckroth-Gesellschaft, Mathematikum, ATWler, raumstation und Musikschule als Partner auf. Wer technische Hilfestellung benötige, bekomme Unterstützung. »Aber das kann ich nicht pauschal vergüten«, betont Assam. Gage und Aufwandsentschädigungen seien zudem etwas anderes. Hier müsse stets der Einzelfall geprüft werden.

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