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Die Lokführer Jan Worreschk (l.) und Thomas Beck erzählen von ihren Arbeitsbedingungen und den Forderungen der GDL im Tarifstreit.

Bahn-Streik

„Wir arbeiten rund um die Uhr“: Warum Gießener Lokführer streiken

  • VonSebastian Schmidt
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Beim Bahn-Streik diese Woche ist es laut den Gießener Lokführern Thomas Beck und Jan Worreschk nicht nur um Geld gegangen, sondern auch um fehlende Anerkennung für ihren Beruf.

Herr Beck, Herr Worreschk, wie verträgt sich Ihr Beruf des Lokführers mit dem Privatleben?

Jan Worreschk: Ich bin verheiratet, habe eine Frau und zwei Kinder, und etwas Positives vorweg: Ich bin auch mal unter der Woche zu Hause oder an einem Vormittag. Ich kann also manchmal Erledigungen machen, die andere Berufstätige nicht machen können. Aber für das restliche Familienleben sind die Arbeitszeiten schlecht. Wenn ich mit meiner Familie ausgehen oder zusammen den Abend verbringen möchte, funktioniert das eigentlich nie spontan. Wir müssen uns immer explizit Zeit reservieren, um sie zusammen zu verbringen. Und es ist immer etwas Besonderes, wenn das gelingt.

Thomas Beck: In Zukunft soll das Privatleben nach dem Willen der Bahn noch schwerer planbar werden. Im Moment haben wir nämlich zumindest einen Jahresschichtrasterplan. In dem sehe ich für das ganze Jahr, wann wir arbeiten müssen und wann wir theoretisch freihaben. Aber den möchte die Deutsche Bahn abschaffen. Wenn ich dann zum Geburtstag meiner Schwiegermutter im Oktober will, weiß ich vorher nicht, ob ich da frei habe.

Gießener Lokführer zum Bahn-Streik: Kein geregelter Schichtdienst

Was für Arbeitszeiten haben Sie bei der Bahn?

Beck: Wir gehen rund um die Uhr arbeiten, das ist unser Alltag. Wir haben keinen geregelten Schichtdienst. Wir fangen einmal um 2 Uhr, einmal um 6 Uhr, einmal um 15 Uhr an. Und die unterschiedlichen Anfangszeiten liegen auch in keinem regelmäßigen Abstand zueinander.

Worreschk: Man muss dabei auch zwischen Personen- und Güterverkehr unterscheiden. Wir arbeiten beide bei DB Cargo, das heißt, wir haben eher eine Vier- bis Fünf-Tage-Woche. Die Kollegen im Personenverkehr haben wegen der Verdichtung der Fahrpläne öfter eine Sechs-Tage-Woche.

Beck: Die Anzahl der Arbeitstage in der Woche ist oft unterschiedlich, je nachdem wie lange die Schichten sind, die man fährt. Hat man lange Schichten, kann es sein, dass man einmal nur drei Tage arbeiten muss. Wir haben ja eine Wochenarbeitszeit und arbeiten, wie es der Schichtplan vorgibt.

Müssen Sie auch öfter an anderen Endstationen übernachten?

Beck: Es gibt Dienststellen, wo es dazugehört, woanders zu übernachten. Zum Beispiel wenn sie in Frankfurt im Fernverkehr arbeiten oder auch in der Bordgastronomie. Wir in Gießen übernachten zurzeit nicht außerhalb. Aber das war auch schon anders. Und wenn die Bahn es will, kann es auch wieder anders werden.

Gießener Lokführer zum Bahn-Streik: In allen Bereichen Personalmangel

Wie ist die Personalsituation bei der Bahn?

Beck: Es gibt in allen Bereichen Personalmangel: in den Stellwerken, bei den Zugführern, in der Bordgastronomie. Überall müssen Mitarbeiter zusätzliche Schichten fahren, es gibt keinen Spielraum in der Personaldecke. Alles läuft gerade noch so.

Worreschk: Ich würde sagen, es gehen alle auf dem Zahnfleisch.

Sammeln Sie dadurch viele Überstunden an?

Worreschk: Wir haben regulär eine 38 bis 39 Stundenwoche. In Gießen ist die Situation im Vergleich noch entspannt, weil wir eine kleine Dienststelle sind. Es gibt aber auch Dienststellen, die produzieren jeden Monat Überstunden. Gestern habe ich mit einem Kollegen aus dem Nahverkehr gesprochen, die haben 250 Stunden im Monat bereits in der Vorplanung und gehen mit 70 geplanten Überstunden in den nächsten Monat. Der Kollege schiebt eine dreistellige Zahl an Überstunden vor sich her.

Wertschätzt die Chefetage diese Arbeit?

Worreschk: Das kommt ganz auf die Ebene an. In den unteren Führungspositionen gibt es viele Bahner, die früher die gleiche Arbeit gemacht haben und wissen, wie es läuft. Aber je weiter sich die Position vom Bahnbetrieb entfernt, desto weniger wird gesehen, was geleistet wird. Auch nicht, was über das Soll geleistet wird. Viele Bahner fahren mit Herzblut, obwohl es aufgrund des Personalmangels und der Arbeitszeiten so schwierig ist.

Beck: Das einfache »Danke« fehlt. Wenn man auf der Arbeit Dinge mehr oder zusätzlich macht, gibt es dafür kein Dankeschön, so etwas wird einfach vorausgesetzt. Wenn andererseits aber einmal etwas schiefgeht, wird direkt gefragt: »Was ist denn hier wieder los?«

Gießener Lokführer: Auch bei den Fahrgästen fehlt Wertschätzung

Und haben Sie das Gefühl, die Fahrgäste schätzen Ihre Arbeit wert?

Worreschk: Fragen Sie mal die Zugbegleiter. Da fehlt es oft an Wertschätzung. Die Aggression und der Frust der Fahrgäste steigen immer mehr. Und alles wird immer öfter an den Zugbegleitern ausgelassen.

Beck: Dabei können die Zugbegleiter für das meiste nichts und haben oft auch selbst keine Informationen. Aber der Reisende macht natürlich die Zugbegleiter für alles verantwortlich.

Kommt der Streik nicht zu einer Unzeit: Corona und Sommerferien?

Beck: Es wird nie einen geeigneten Zeitpunkt geben, bei dem keine Fahrgäste von einem Streik betroffen sind. Die Corona-Situation haben wir jetzt schon zwei Jahre. Und dass der Streik in den Sommerferien stattfindet, liegt an den Tarifverhandlungen. Die laufen schon seit Februar und sind im Mai gescheitert. Wir wollen jetzt einfach vorankommen.

Die Fahrgastvereinigung Pro Bahn kritisiert den Streik als »zu kurzfristig«.

Worreschk: Die GDL hatte eine hohe Zustimmung zur Urabstimmung erwartet und das auch, lange bevor das Ergebnis feststand, angekündigt. Jedem der eins und eins zusammenzählen konnte, musste daher klar gewesen sein, dass auf die Urabstimmung am Montag Streiks folgen. Die Deutsche Bahn hatte den Ersatzfahrplan übrigens schon fix und fertig in der Tasche.

Gießener Lokführer fordern Inflationsausgleich beim Bahn-Streik

Die GDL fordert jetzt 3,2 Prozent mehr Lohn. Wäre damit zumindest finanziell Ihre Arbeit wertgeschätzt?

Worreschk: Wir fordern nicht mehr Lohn, sondern im Endeffekt nur einen Inflationsausgleich. Ich kann mir von den 3,2 Prozent ja nicht mehr leisten. Damit halte ich gerade so meinen Lebensstandard. Und dass uns die Deutsche Bahn auch noch die Betriebsrente wegnehmen will, halte ich schon für ein starkes Stück.

Beck: Mehr Geld ist natürlich schön, aber es ersetzt nicht die fehlende Anerkennung und Wertschätzung.

Eine weitere Forderung ist ein Corona-Bonus von 600 Euro. Hat sich Ihre Arbeit durch Corona verändert?

Beck: Ja, die Arbeit hat sich geändert, sie wurde anstrengender. Allein, dass die Kollegen im Zug die ganze Zeit Maske tragen mussten.

Worreschk: Auch die Versorgung in den Pausen war schwieriger. Man konnte sich nicht eben etwas am Kiosk oder der Bäckerei im Bahnhof holen. Wir mussten uns selbst versorgen. Die 600 Euro Corona-Bonus ist übrigens die gleiche Summe, die der öffentliche Dienst bekommen hat. Das wollen wir auch.

Was verdienen ein Lokführer überhaupt?

Worreschk: Die höchste Lohnstufe für einen Lokführer endet bei 3500 Euro brutto, für einen Zugbegleiter bei 2800 Euro. Da kommt man nach 30-jähriger Betriebszugehörigkeit hin. Es gibt Zuschläge für Nachtdienste, Arbeiten am Feiertag oder Wochenende. Das sind noch einmal rund 300 Euro im Monat.

Gießener Lokführer zum Bahn-Streik: Beruf mit dem Alter anstrengender

Würden Sie Ihren Beruf jungen Menschen weiterempfehlen?

Beck: Ich bin seit 1987 Lokführer und habe nie etwas anderes gemacht. Ich würde auch nie etwas anderes machen wollen. Der Beruf wird aber mit dem Alter anstrengender, das muss man wissen. Die Nachtfahrten, der Schichtdienst, das spürt man.

Worreschk: Ich bin Bahner und würde immer wieder Lokführer werden. Aber ob ich das heute noch empfehlen würde, kann ich nicht eindeutig mit »Ja« beantworten. Ich weiß nicht, wo die Reise mit der Deutschen Bahn noch hingeht.

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