Die zehn Workcamp-Teilnehmerinnen mit den drei Teamleiterinnen vor der selbst bemalten Mauer an der Erstaufnahmeeinrichtung.
+
Die zehn Workcamp-Teilnehmerinnen mit den drei Teamleiterinnen vor der selbst bemalten Mauer an der Erstaufnahmeeinrichtung.

An Willkommenskultur festhalten

  • vonRedaktion
    schließen

Gießen (bf). "Ich möchte mir ein eigenes Bild vom Leben der Flüchtlinge machen", so begründet Nanako aus Japan ihre Teilnahme am diesjährigen Workcamp des Christlichen Friedensdienstes. Da sie in ihrer Heimat keine Möglichkeit hat, mit Geflüchteten zu arbeiten, entschied sie sich im Rahmen des Freiwilligen-Austauschprogramms ICJA für zwei Wochen im August nach Gießen zu kommen, um in der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung (HEAE) zu helfen. Seit 2008 ist die evangelische Petrusgemeinde mit Pfarrer Matthias Leschhorn Gastgeber für Jugendliche aus aller Welt, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit engagieren wollen - neben Nanako sind das dieses Jahr neun weitere junge Frauen aus Hongkong, Spanien, Frankreich, Tschechien, Mexiko, Italien und Japan.

Die Nachmittage verbrachten sie in der Einrichtung, wo sie mit den Bewohnern bastelten, Fußball spielten oder einfach nur Gespräche führten. Die Aktivitäten wurden von den Teilnehmerinnen selbst geplant und umgesetzt. Im Rahmen des diesjährigen Camps ist so zum Beispiel ein Hochbeet mit Tomaten entstanden. Auch bei der Umsetzung eines neuen Kochprojekts halfen die Jugendlichen: Einmal wöchentlich werde eine Gruppe der Flüchtlinge mit dem Bus aus der Einrichtung abgeholt, gehe einkaufen und koche gemeinsam im Gemeindehaus, berichtete der Ehrenamtskoordinator Marcel Mertins. Für viele sei es das erste Mal nach langer Zeit, dass sie wieder ein heimisches Gericht essen könnten, fügte Leschhorn hinzu.

Neben den praktischen Projekten standen auch theoretische Einheiten auf dem Programm. Dabei erhielten die Teilnehmerinnen umfangreiche Informationen zum Asylverfahren und der Flüchtlingssituation in Europa. Die Italienerin Sara betonte, dass sie zu Hause zwar Psychologie studiere, in den Gesprächen mit den Traumatherapeuten aber sehr viel Neues erfahren habe. In den Medien werde oftmals ein negatives Bild von Flüchtlingen vermittelt, bemerkte Nikolaus Ell von ICJA in Frankfurt. Das Workcamp verschaffe den jungen Leuten die Möglichkeit, mit Flüchtlingen in Kontakt zu kommen und sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen. Es sei für sie sehr wichtig, die Arbeit in der HEAE zu erleben, weil es in ihrer Heimat keine ähnliche Einrichtung gebe, erzählte die aus Italien stammende Giovanna.

In Anbetracht der anstehenden Heimreise wurden alle ein bisschen wehmütig. Julia aus Barcelona wäre gerne doppelt so lange geblieben. Den Flüchtlingen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, sei ein unbeschreibliches Gefühl, das man immer wieder erleben möchte, sagte sie.

Das Workcamp in Gießen sei in seiner Art deutschlandweit einzigartig, erklärte Ell. Dass die Umsetzung Jahr für Jahr möglich sei, habe man auch dem Regierungspräsidium und den Mitarbeitern der HEAE zu verdanken, die dem Projekt großes Vertrauen entgegenbringen, betonte Pfarrer Leschhorn. Die Gemeinde stehe weiterhin hinter dem Projekt und halte auch in Zukunft an der Willkommenskultur fest. Für den letzten Tag hatten die Teilnehmerinnen eine Rallye mit den Flüchtlingskindern und eine kleine Abschiedsparty geplant.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare