Williams Belloffs Herz schlägt für Amerika, für die Musik - und natürlich für die Weststadt. FOTO: SCHEPP
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Williams Belloffs Herz schlägt für Amerika, für die Musik - und natürlich für die Weststadt. FOTO: SCHEPP

Mensch, Gießen

Williams Bellof: The Soul of Gießen West

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Williams Belloff ist ein Urgestein der Gießener Weststadt. Er prägt seine Heimat sportlich, musikalisch und gastronomisch. Fast wäre es damit aber jetzt vorbei gewesen.

Williams Belloff sitzt auf der Terrasse vor seinem Haus in der Weststadt. Sein Blick wandert über den Garten, in dem die Enkel Trampolin springen, das Wohnmobil vor dem Haus, in das Ehefrau Ramona gerade Kleider für die nahende Urlaubsreise zum Gardasee verstaut, und über die Schützenstraße, die seit 41 Jahren sein Zuhause ist. "Da drüben bin ich aufgewachsen", sagt der 66-Jährige und zeigt in die Richtung, in der die Rotklinkerhäuschen in der Sonne glänzen. Belloff hat sich hochgearbeitet. Und das unter den denkbar schwierigsten Bedingungen.

Es ist das Jahr 1954, als Belloffs Mutter, eine junge Frau von der Gummiinsel, mit Wehen ins Krankenhaus kommt. Der Vater, ein GI aus Florida, wird nicht in den Kreißsaal gelassen. "Die Schwestern wollten nicht, dass ein Schwarzer ins Krankenhaus kommt", sagt Belloff. Es sollte über 30 Jahre dauern, bis er seinen Vater erstmals zu Gesicht bekommt.

Belloff ist ein leidenschaftlicher und fröhlicher Mensch. Und er kann reden wie ein Wasserfall. Zum Beispiel über seine Treffen mit Prominenten wie Volker Bouffier, Franz Beckenbauer oder den Konzertveranstalter Fritz Rau. "Moment", sagt Belloff plötzlich, springt auf und steuert das Wohnzimmer an. Nach einer kleinen Kostprobe von Lennons "Imagine" auf dem Klavier schnappt er sich die Gitarre mitsamt dem Plektrum, das ihm einst die Woodstock-Legende Santana geschenkt hat, und spielt ein paar Akkorde von "Maria, Maria". "Musik ist mein Leben", sagt der Gießener mit einem Lächeln. Belloff kann aber auch leise werden. Zum Beispiel, wenn er über seine Kindheit spricht. Es dauert keine zwei Minuten, bis ihm die Tränen kommen.

Nach der Zeit im Krankenhaus nehmen Belloffs Großeltern die frischgebackene Mutter samt Kind auf. "Mein Opa hat mich aber nicht gleich akzeptiert. Er wollte, dass ich zur Adoption freigegeben werde." Belloff erzählt, dass sein Großvater in den Fünfzigerjahren groß beim Fußball-Toto gewonnen habe. Sogar die Presse sei gekommen, um den Glückspilz abzulichten. Am nächsten Tag war die ganze Familie in der Zeitung zu sehen. Nur der kleine Williams fehlte. Er durfte nicht aufs Bild.

Der Hausarzt der Familie war es dann, der ein ernstes Wort mit dem Opa sprach. "Er hat ihm gesagt, er könne doch nicht sein eigenes Fleisch und Blut weggeben." Daraufhin sei der Senior weinend zusammengebrochen - und habe sich fortan um das Enkelkind gekümmert, als sei es sein eigener Sohn.

Heute ist die Gummiinsel gut in die Stadt integriert. Keine einfache Ecke, aber auch kein sozialer Brennpunkt mehr. In Belloffs Jugend war das anders. Es gab gute Gründe, warum sich kaum jemand von außerhalb in die Siedlung traute. Diese Herkunft und die dunkle Hautfarbe waren für Belloff ein doppeltes Stigma. Auch in der Schule. "Ich hatte jahrelang einen eigenen Tisch, weil niemand neben mir sitzen wollte." Nach der siebten Klasse verließ er die Schule.

Der Fußball hat vieles verändert. Es war schon immer so, dass auf dem Bolzplatz nicht die Haut-, sondern die Trikotfarbe zählt. Sein Cousin war es, der ihn erst auf den Bolzplatz und dann zur Freien TSG mitnahm. "Ich habe dem Fußball viel zu verdanken", sagt Belloff. Durch seine Stationen wie etwa Kleinlinden, Utphe, Heuchelheim und den ASV Gießen fand er viele Freunde. Außerdem knüpfte er Kontakte, die ihn beruflich weiterbrachten.

Nach der Schule hatte Belloff eine Ausbildung als Autolackierer begonnen, schnell aber wieder abgebrochen. Die anschließende Lehre zum Dachdecker schloss er jedoch auf Druck seiner Mutter ab. "Danach wollte ich eine Ausbildung zum Informationselektroniker machen. Also habe ich erst den Volkshochschulabschluss nachgeholt und wollte auch die Mittlere Reife machen." Doch dann wurde ihm durch seine sportlichen Verbindungen ein Job im Nachtversand einer Tageszeitung angeboten. "Mit den Nachtzuschlägen hätte ich pro Monat über 2000 Mark verdient." Die Entscheidung war schnell gefallen.

1989 eröffneten Williams und Ramona Belloff das Key West in der Rodheimer Straße. Später kaufte Belloff einen Teil des Gebäudes. Der hintere Teil gehört noch immer ihm, die Familie betreibt dort heute eine Pension. Das Backstage geht ebenfalls auf Belloffs Kappe. Ein Musikschuppen, in dem nicht nur er seiner Leidenschaft für Musik nachgehen konnte.

Der Gießener passte gut in die Musikszene der 70er- und 80er-Jahre. Er war bekannt für seinen extravaganten Modestil mit Pelz, Plateauschuhen und Afro-Frisur. Mit vielen Rock-, Blues- und Soulgrößen war er per du. Und trotzdem unterschied er sich in einem wesentlichen Bestandteil von ihnen: "Ich habe in meinem ganzen Leben keine Zigarette geraucht und keinen Schluck Alkohol getrunken." Selbst als ihm ein Fußballsponsor mal 1000 Mark für ein Glas Asbach geboten habe, habe er abgelehnt. "Ich habe gesehen, was Drogen anrichten können. Ich habe viele Freunde dadurch verloren." Belloff glaubt, den Grund bei einigen zu kennen. "Sie sind hiermit nicht zurechtgekommen", sagt er. Dann klopft er mit der Faust auf seine dunkle Haut.

In der Zeit, in der GIs zum Gießener Stadtbild gehörten, waren weiße Frauen mit dunkelhäutigen Kindern keine Seltenheit. "Das war teilweise hart", sagt Belloff und nimmt kein Blatt vor den Mund: "Unsere Mütter wurden als Nutten beschimpft." Dass sein eigener Weg besser verlief, hat der Gießener auch einem dunkelhäutigen Vorbild zu verdanken. Als Belloff elf Jahre alt war, heiratete seine Mutter einen GI, der nach dem Truppenabzug in Gießen blieb. "Er hat sich um mich gekümmert und mir alles ermöglicht. Er wurde mir ein richtiger Vater."

Als Belloffs Mutter vor vier Jahren im Sterben lag, versprach er ihr, sich um ihn kümmern. Und als es dem Stiefvater Anfang des Jahres nicht so gut ging, nutzte Belloff seine alten Fußballkontakte und vermittelte einen Termin bei einem renommierten Arzt. "Er war soweit gesund, aber der Arzt meinte, ich solle mich mal in die Röhre legen."

Belloff knöpft sein Hemd auf und zeigt eine riesige Narbe, die an der Seite seines Bauchs verläuft. "Ein bösartiger Tumor auf der Niere. Er war nur so groß wie eine Erbse und konnte herausgeschnitten werden. Aber ohne die Untersuchung wäre aus der Erbse eine Kartoffel geworden."

Neben der Narbe entblößt das offene Hemd noch mehr. Belloff hat sich um die Brust mehrere Tattoos stechen lassen. Sie sind seinen Liebsten gewidmet. "Meine Frau, mein Sohn, meine Tochter und meine fünf Enkelkinder sind das Wichtigste für mich", stellt Belloff klar. Und betont, dass noch weitere Menschen zum Kreis der Familie gehören.

Man kann die Gänsehaut sehen, die Belloff überkommt, wenn er an jenen Abend im Jahre 1988 denkt. Belloffs leiblicher Vater war nach der Geburt seines Sohnes nach Amerika zurückbeordert worden. "Zwischenzeitlich hatte er versucht, mich zu sich zu holen, aber meine Mutter wollte das natürlich nicht." Mit der Zeit verlor sich der Kontakt - bis zu jenem Moment, als der 34-jährige Belloff all seinen Mut zusammennahm und zum Telefon griff. "Hello mister, here is your son." Wenige Wochen später saßen Vater und Sohn gemeinsam auf der Terrasse. Jene Terrasse, auf der Belloff heute mit seinen Kindern und Enkelkindern sitzt.

Kein Wunder, dass er sagt: "Das Leben hat es gut mit mir gemeint. Wenn der liebe Gott mich heute holen würde, könnte ich nur dankbar sein."

Gießen(pm). Ein 25-jähriger Mann aus Gießen befuhr am Mittwoch gegen 16 Uhr die Frankfurter Straße in Richtung Innenstadt. In Höhe der Hausnummer 33 wollte er nach rechts in eine Einfahrt abbiegen. Dabei übersah er eine 59-jährige Frau auf einem Pedelec, touchierte das E-Bike und die 59-Jährige stürzte. Die Pedelec-Fahrerin zog sich leichte Verletzungen zu und wurde per Rettungswagen in ein Krankenhaus gebracht. Es entstand Sachschaden in Höhe von 400 Euro. Hinweise an die Polizeistation Gießen Süd unter Tel. 0641/7006-3555.

Gießen(pm). Zahlreiche Mitglieder des Anglerklubs Gießen haben erneut den Uferbereich der Lahn von Müll und Unrat befreit. Große Mengen seien leider hauptsächlich um den Christoph-Rübsamen-Steg und von dort stadtauswärts Richtung Uferweg gefunden worden, heißt es in einer Mitteilung. Einerseits erreiche man über diesen Steg von der Nordstadt aus schnell die wunderschönen Lahnwiesen. Andererseits würden hier Feiernde ganz offensichtlich und vorwiegend an den sonnigen Wochenenden illegale Feuerstellen anlegen. Die Anlieger des Uferwegs beklagten sich über den Lärm und oftmals auch laute Musik. Der dabei entstehende Müll wie Fleischverpackungen, Dosen, Flaschen etc. werde meist rücksichtslos vor Ort entsorgt und in die Landschaft am Uferbereich geworfen, obwohl neuerdings dort größere Mülleimer aufgestellt seien.

Führung am US-Depot- Karl Heinz Reitz bietet am kommenden Sonntag, 27. September, eine Führung über das Gelände am Alten Flughafen/Fliegerhorst/US-Depot an. Treffpunkt ist um 14 Uhr am ehemaligen Eingang Rödgener-/Ecke Lilienthalstraße. Die Führung dauert rund zwei Stunden. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Die Kosten betragen 8 Euro pro Person.

Aus dem Leben eines Käfers- Am Mittwoch, 30. September, läuft ab 18.30 Uhr im Hermann-Levi-Saal des Rathauses ein Vortrag zu "Merkwürdigem aus dem Leben eines Käfers, der als verschollen und ausgestorben gilt". Der Biologe Hans Bahmer berichtet über den in Deutschland seltenen Seidenbienen-Ölkäfer (Stenoria analis), der 2016 im Botanischen Garten in Gießen entdeckt wurde. Der Käfer ist ein Brutparasit der Efeu-Seidenbiene und weist eine interessante Vita auf, die noch zahlreiche Rätsel birgt. Die Teilnehmerzahl ist aufgrund von Corona auf 45 Personen beschränkt.

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