Lothar Wieler leitet das Robert-Koch-Institut.
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Lothar Wieler leitet das Robert-Koch-Institut.

Covid-19

RKI-Chef Wieler zu Corona: Wann kriegen wir unseren Alltag zurück?

  • vonChristian Schneebeck
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Prof. Lothar Wieler spricht als RKI-Chef über die aktuelle Corona-Entwicklung.

An scheinbaren Widersprüchen herrscht in der Pandemie kein Mangel. Beispiel Informationspolitik: »Je mehr Zahlen Sie veröffentlichen, desto kritischer werden Sie beäugt«, sagte Prof. Lothar H. Wieler am Montagabend bei der Ringvorlesung des JLU-Präsidenten, die in diesem Semester erstmals nur im Online-Livestream zu verfolgen ist. Der Veterinärmediziner und Experte für Infektionskrankheiten nutzte seinen Eröffnungsvortrag zu der Reihe »Das Ende der Welt, wie wir sie kannten. Und: Wie wir morgen leben werden«, um die Zuschauer gleich doppelt aufzuklären.

Passend zum Titel präsentierte er das von ihm geleitete Robert Koch-Institut (RKI) als »zentralen Akteur in der Bewältigung der SARS-CoV-2-Pandemie«. Und indem er das tat, skizzierte er parallel die aktuelle Corona-Lage.

RKI-Chef Wieler: „Gibt für viele Dinge, die man in so einer Pandemie macht, eben keine Evidenz“

Ein wichtiges Stichwort war dabei die »Unsicherheit«. Zwar arbeite sein Institut, das RKI, eine nachgeordnete Behörde des Bundesgesundheitsministeriums, unabhängig sowie auf streng wissenschaftlicher Basis, betonte Wieler. »Aber es gibt für viele Dinge, die man in so einer Pandemie macht, eben keine Evidenz.« Die Welt erlebe gerade einen Lernprozess - und das RKI eine »strategische Herausforderung« sondergleichen. 400 der 1300 Mitarbeiter seien praktisch ausschließlich mit Corona beschäftigt, 30.000 Überstunden und 2500 Aufträge angehäuft. All dies geschehe außerdem rasend schnell. Ob Warn-App, Intensivbetten-Screening oder andere Neuerungen der jüngsten Zeit: »Das sind Projekte, die normalerweise Monate brauchen.«

Unterdessen laufe die Forschung überall auf Hochtouren. Wieler zitierte Studien, die die Viruslast bei Kindern ermitteln (ab dem Teenageralter so hoch wie bei Erwachsenen), und solche zu der Dunkelziffer bei Infektionen (wohl ungefähr viermal so hoch wie die Zahl bekannter Fälle). Vehement widersprach er dem Eindruck, Politik und Wissenschaft hätten seit dem Frühjahr mehrfach grundlegend ihre Herangehensweise modifiziert. »Die Strategie hat sich nicht verändert«, sagte der 1996 in Gießen habilitierte Wieler. Alle Maßnahmen ruhten nach wie vor auf denselben drei Säulen: Eindämmung, Schutz und Milderung.

RKI-Chef Wieler: Einblick in Corona-Daten

Die Forderung, sämtliche Corona-Risikogruppen wirksam zu schützen, verwies er in das Reich des Wunschdenkens. Bei bundesweit rund 30 Millionen »besonders vulnerablen Personen« sei dies kaum realistisch. Auch nicht mit bald bis zu 2000 »Containment-Scouts«. Gleichwohl seien diese in den Gesundheitsämtern mit RKI-Unterstützung ausgebildeten Kräfte, oft Studenten der Medizin oder der Gesundheitswissenschaften, eine große Hilfe bei der Verfolgung von Infektionsketten. Die Gesundheitsämter selbst leisteten in der Corona-Krise »im Moment ohnehin Unglaubliches für die Gesellschaft«, lobte Wieler.

Anhand ihrer Corona-Daten, die täglich im RKI zusammenlaufen, werde beispielsweise klar, dass die zweite Welle im Herbst zunächst vor allem von den 15- bis 30-Jährigen angetrieben worden sei. Erst seit wenigen Wochen stiegen bei den Älteren die Zahlen wieder deutlich. Laut Wielers Prognose wird sich die Situation auf den Intensivstationen deshalb verschärfen. Dessen ungeachtet sei jedoch schon ein leichter Effekt des November-Shutdowns erkennbar - und in mancherlei Hinsicht gar so etwas wie Licht am Ende des Corona-Tunnels.

RKI-Chef Wieler: Verbesserungen in Covid-19-Therapie erwartet

Denn bereits in einigen Wochen, erklärte der Experte, dürfte man neue Verbesserungen in der Covid-19-Therapie sehen. »Spätestens im Sommer« könnten die Menschen mit einem Impfstoff »ihren Alltag so gut wie möglich zurückhaben«.

Nach seinem Vortrag, den Wieler von Berlin aus hielt, verbreitete er im Gespräch mit Prof. Claus Leggewie, der in der Gießener Uni-Aula saß, weiter Optimismus. »Ich habe noch nie so eine globale Solidarität und einen so wirkmächtigen Staat gesehen«, sagte er. Und: »Wenn Sie einmal überlegen, was wir jetzt alles geändert haben: Was könnten wir alles ändern im Kampf gegen die Klimakrise?«

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