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Ein besonders perfides Beispiel für das globale Phänomen der Impfgegner lieferten im März rumänische Extremisten in Bukarest bei einer Demonstration. »Vakcin macht frei« - eine Anspielung auf den Spruch über nationalsozialistischen KZ-Lagern »Arbeit macht frei«.

Wie umgehen mit Unsicherheit und Impfgegnern?

  • Daniel Beise
    VonDaniel Beise
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Gießen (bei). Impfungen gehören zu den größten Errungenschaften der modernen Medizin - wenn es nicht sogar die größte ist. Seit dem 19. Jahrhundert gibt es wohl keine andere medizinische Maßnahme, die mehr Menschenleben gerettet hat. Das wird jeder seriöse Arzt bestätigen.

Seit 2000 hat die Masernimpfung mehr als 23 Millionen Kindern das Leben gerettet. Das Kinderhilfswerk Unicef hat laut eigenen Angaben in den vergangenen 20 Jahren dazu beigetragen, mehr als 760 Millionen Kinder mit lebensrettenden Impfungen zu erreichen und somit 13 Millionen Todesfälle zu verhindern; die Kindersterblichkeit hat sich seit 1990 durchs Impfen halbiert. Insgesamt verhindern die unspektakulären Piekse jedes Jahr bis zu drei Millionen Todesfälle. Zudem sind sie wesentlich günstiger und effizienter, als Krankheiten zu behandeln. Die Pocken gelten als ausgerottet und die oft tödliche Tetanusinfektion bei Müttern und Neugeborenen scheint auch bald eliminiert.

Man könnte sehr lange so weitermachen mit dieser beispiellosen Erfolgsstory - und hätte eine lange Liste mit starken und gesicherten Argumenten beisammen, die Impfgegner eigentlich überzeugen sollte, zumindest die eigene Sicht mal zu hinterfragen. Denn die Seite der Gegenargumente - etwa die gebotene Vorsicht bei Vorerkrankungen oder Schwangeren - wiegt doch sehr leicht. Nebenwirkung sind meist mild und zudem ganz normal, weil das Immunsystem durch den Stoff angekurbelt wird. Möchte man wirklich das Risiko eingehen, stattdessen an Covid-19 zu erkranken und sich vielleicht sogar mit Folgeschäden zu plagen?

Längst rettet die Corona-Impfung Millionen Leben weltweit, wie eine kurze Recherche zeigt. Das alles sollte überzeugen. Aber wie gesagt: eigentlich. »Mit Argumenten und Fakten kriegen jedenfalls Ärzte oder öffentliche Stellen überzeugte Impfgegner kaum«, sagt Georg Friese, Facharzt unter anderem für Infektiologie und Leiter der Fortbildungsakademie des Ärztenetz Kreis Gießen - ein Zusammenschluss niedergelassener Haus- und Fachärzte. Was dagegen helfe: Wenn sie von Vertrauenspersonen aus ihrem direkten Umfeld mit aussagekräftigen Infos überzeugt werden. Denn ihr Vertrauen gegenüber Institutionen wie dem Robert-Koch-Institut oder etablierten Medien geht gegen Null. Warum das so ist, ist schwer zu verallgemeinern. Eine Mischung aus wenig Medienkompetenz und damit einhergehend der Konsum von Fake News und Hetze, ein soziales Umfeld, das eine skeptisch-aggressive Haltung gegenüber offiziellen Stellen hat und sicher einiges mehr.

Ein Artikel über diese Problematik hat Mediziner Friese auf die Idee gebracht, Flyer mit kurzen, sachlichen Infos über die Corona-Impfung zu verteilen. Den Druck der 10 000 Flyer, die man über einen QR-Code auch in Englisch, Französisch, Türkisch und Arabisch lesen kann, hat die Sparkasse Gießen finanziert; der Landkreis verteilt sie nun in allen Rathäusern und öffentlichen Stellen. Darauf steht zum Beispiel: »Ein Impfstoff lagert sich - anders als Medikamente beispielsweise - nicht im Körper ein, deshalb sind Langzeit- und Spätfolgen sehr unwahrscheinlich.«

Neben Radikalisierten gibt es aber auch jene, die einfach nur unsicher sind. Vor allem wegen des Tempos der Entwicklung und der schnellen Zulassung, wie Friese erläutert, der zudem seit vier Monaten auch auf Youtube übers Impfen aufklärt. Hier müsse man erklären, dass keine Prüfschritte übersprungen wurden und die Stoffe sogar an mehr Probanden als üblich getestet wurden. Dass eine eigentlich jahrzehntelang breit anerkannte medizinische Maßnahme nun mit so viel Unsicherheit verbunden ist, ist ein globales Phänomen, wo nur eins hilft: Die Unsicherheit des Gegenübers ernst nehmen und dann ruhig und sachlich aufklären, aufklären, aufklären.

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