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Das rote Feuerwehrauto vor der Haustür ist auch für Martina Klees Tochter ein Highlight.

Mensch, Gießen

Wie Feuerwehrchefin Martina Klee zur Glücks-Klee wurde

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
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Lange schien es so, dass Martina Klee in Berlin leben würde. Doch jetzt ist sie Chefin der Gießener Feuerwehr, lebt in Gießen-Allendorf - und ist glücklich.

Kinder lieben die Feuerwehr. So gesehen ist es kein Wunder, dass die dreijährige Laura durch den Garten hüpft und sich über den roten Einsatzwagen freut. Ein seltener Anblick ist das Auto mit dem Blaulicht aber nicht, es steht regelmäßig hier vor dem Einfamilienhaus in der Allendorfer Hauptstraße. Schließlich handelt es sich bei Lauras Mama um Martina Klee, Chefin der Gießener Feuerwehr und Leiterin des Amts für Brand- und Bevölkerungsschutz. »Als ich mich vor neun Jahren auf die Stelle beworben habe, hat mich mit Gießen kaum etwas verbunden«, sagt die 41-Jährige. Dass sie sich heute in Allendorf verwurzelt fühlt und Gießen als ihre Heimat bezeichnet, hat Klee vielen Entscheidungen zu verdanken, die sich im Nachhinein als Volltreffer erwiesen haben.

Klee ist 1979 in Stendal geboren und in Salzwedel aufgewachsen. Sie verbrachte ihre Kindheit also in der DDR. Eine prägende Zeit, wie sie heute sagt. »Ich war in dem Alter, in dem man noch keine eigene politische Meinung hat. Trotzdem hat man natürlich etwas mitbekommen.« Zum Beispiel, dass sie selbst nicht in den Westen zu Verwandten reisen durfte, andere aber schon. Oder dass sie trotz guter schulischer Leistungen niemals Mitglied des Gruppenrats war. Klee begründet das damit, dass ihre Eltern nicht linientreu gewesen seien.

In der DDR aufgewachsen

Vor allem das Ende der DDR hat sich Klee ins Gedächtnis eingebrannt. Sie hat die schier endlos langen Trabi-Schlangen noch vor Augen, die nach der Grenzöffnung in den Westen unterwegs waren. Und sie kann sich auch noch sehr genau an ihren ersten eigenen Ausflug in die Bundesrepublik erinnern. »Am Grenzübergang haben wir Tüten voll mit Bananen und Schokolade geschenkt bekommen. Die Leute haben gejubelt. Es war eine unfassbare Stimmung.« Noch heute, sagt Klee, berühre sie diese Erinnerung sehr.

Die Teilung Deutschlands begleitete Klee auch in späteren Jahren. Denn nach dem Abitur zog sie als 18-Jährige nach Berlin und studierte dort technischen Umweltschutz. »Eine sehr spannende Zeit. Die Stadt war damals im Umbruch, man hat noch viel von der Teilung gesehen«, erinnert sich Klee. In der Hauptstadt reifte auch ihr Entschluss, ihr berufliches Leben in den Dienst der Feuerwehr zu stellen. Mitglied bei den Einsatzkräften war sie zu diesem Zeitpunkt aber schon viele Jahre.

Es ist ihr elfter Geburtstag, als Klee beschließt, der Feuerwehr beizutreten. Kurz zuvor waren Männer in die Schulklassen gekommen, um die Kinder für die Gründung der Salzwedeler Jugendfeuerwehr zu begeistern. Vorher habe sie damit nichts am Hut gehabt, sagt Klee. Aber da ihr elfter Geburtstag auf einen Wochentag fiel und sie ohnehin nichts anderes vorhatte, ging sie zur Auftaktveranstaltung. »Ich bin kleben geblieben. Seither war ich immer irgendwo Mitglied der Feuerwehr«, sagt Klee mit einem Lächeln.

Während Klee über ihre Zeit in Berlin, das Studium und ihr Faible für Umweltschutz spricht, saust Tochter Laura durch den Garten. Die Dreijährige fährt Fahrrad, badet im imaginären Schwimmbad und vergräbt ihre Hände tief in den mit Erde gefüllten Blumenkübel. Klee quittiert das alles mit einem wohlwollenden Lächeln, nur manchmal versucht sie das aufgeweckte Mädchen zu bändigen. Als ihr Ehemann Elmar Klee dann von der Arbeit nach Hause kommt, verschwindet die Tochter erst einmal im Haus.

Martina Klee arbeitet derzeit phasenweise im Home Office. »Wir kriegen das ganz gut organisiert, da die Stadt Gießen mit Blick auf flexible Arbeitszeiten ziemlich kulant ist«, sagt die Feuerwehrchefin. Zudem habe sie einige Überstunden angesammelt, die sie derzeit abbauen könne. Vor allem aber sei die gute Abstimmung innerhalb des Kollegenkreises Garant für das funktionierende Modell.

2005: Klee beendet in Berlin ihr Studium und beginnt ein Referendariat im Dienst der Feuerwehr Frankfurt. »Das ist immer noch eine absolute Nische. Heute gibt es bundesweit etwa 30 solcher Stellen, damals waren es 16.« Die Ausbildung legitimierte Klee dazu, im höheren feuerwehrtechnischen Dienst zu arbeiten. Verbunden damit war aber auch ein zweijähriges Vagabundenleben. »Ich habe mehrwöchige Abschnitte in Verwaltungsakademien und Berufsfeuerwehren absolviert. Ich war in Kiel, Frankfurt, Berlin, Hamburg, Bruchsal und Münster. Damals war mein Opel Corsa meine Heimat.«

Nach ihrem Abschluss arbeitete Klee für kurze Zeit in der Geschäftsstelle des deutschen Feuerwehrverbands, bevor sie fünf Jahre lang in unterschiedlichen Positionen bei der Berliner Feuerwehr im Einsatz war. 2011 entdeckte sie dann die Ausschreibung für die Leitung der Gießener Feuerwehr. »Ich war nur einmal während meines Referendariats in Gießen. Im Sommer 2006«, sagt Klee und fügt schmunzelnd hinzu, dass aus jener Zeit noch Fotos von ihr mit schwarz-rot-goldener Perücke kursieren müssten. Bis auf die Zeit während des Fußball-Sommermärchens habe sie aber keinerlei Verbindung mit Gießen gehabt. Warum sie sich trotzdem bewarb? »Ich hatte sowohl privat als auch beruflich das Gefühl, dass sich noch einmal etwas ändern könnte.«

Seit 2012 ist Klee nun Chefin der Gießener Feuerwehr. Sie scheint sich in der Position sehr wohlzufühlen. Sie sagt aber auch, dass der Anfang nicht unbedingt einfach war.

Die Feuerwehr ist männlich geprägt. Noch immer bewerben sich sehr wenige Frauen auf freie Stellen. Es sei aber nicht unbedingt ihr Geschlecht gewesen, das für die anfängliche Skepsis gesorgt habe, sagt Klee. »Ich war damals erst 32 Jahre alt. Außerdem kannte mich hier niemand, zum Beispiel aus Vereinen oder so.« Um ihr Geschlecht nicht zusätzlich zu einem Thema zu machen, stellte sich die neue Chefin nicht nur bei den neuen Kollegen vor, sondern auch bei den Ehefrauen ihres engen Mitarbeiterkreises. »Das war mir sehr wichtig. Ich wollte, nicht, dass in irgendeiner Weise Misstrauen entsteht.« Eine gute Entscheidung, wie Klee rückblickend sagt.

Hochzeit mit einem Kollegen

Mit einem Kollegen verband Klee dennoch mehr als Arbeit. Der Allendorfer Wehrführer, genau wie Klee damals Single, lud die Chefin eines Tages zu einem Konzert nach Frankfurt ein. »Ich dachte, eine Gruppe von Feuerwehrleuten wollte Party machen und habe zugesagt.« Es waren aber nicht Kollegen, sondern nur der eine Kollege. »Ich habe trotzdem keinen Rückzieher gemacht«, sagt Klee mit einem Lächeln. Der Allendorfer Wehrführer ist inzwischen Klees Ehemann und Vater ihrer Tochter.

Jeder Mensch steht irgendwann vor Entscheidungen, die das weitere Leben prägen. Martina Klee hat offenbar häufig die richtige Wahl getroffen. Die Feuerwehr hat einen nicht zu unterschätzenden Anteil daran, dass die 41-Jährige heute sagen kann: »Für Berlin habe ich immer ein Plätzchen in meinem Herzen. Für die Altmark allemal. Aber das hier«, sagt sie und blickt dabei über ihren Garten in Allendorf, »ist mein Leben. Und damit bin ich richtig glücklich.«

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