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Im Bereich der häuslichen Gewalt gegen Expertinnen und Experten von einer hohen Dunkelziffer aus.

Kriminalität

Wie die Polizei bei häuslicher Gewalt ermittelt

  • Kays Al-Khanak
    VonKays Al-Khanak
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Fälle von häuslicher Gewalt haben in der Pandemie deutlich zugenommen,die Dunkelziffer ist hoch. Nun erzählt eine Ermittlerin, wie die Polizei bei solchen Taten vorgeht.

Tanja Burkert kann sich noch genau an ihren ersten Fall von häuslicher Gewalt erinnern. Vor 20 Jahren wurde eine junge Frau in Gießen von ihrem Partner erst gestalkt und dann getötet, erzählt sie. Burkert absolvierte zu jener Zeit ein Praktikum beim Kommissariat 11 und verfolgte so die Ermittlungen. »Es bleibt bei diesen Fällen nicht bloß bei einer Beleidigung oder Ohrfeige«, sagt die Polizeioberkommissarin, die seit 2010 als Sachbearbeiterin für solche Delikte zuständig ist. Auch und besonders bei häuslicher Gewalt sei Zivilcourage gefragt und zwingend nötig, betont sie: Das persönliche Umfeld und die Nachbarn dürften nicht wegschauen. Und die Polizei versucht, Betroffenen Ängste zu nehmen.

In der kürzlich für 2020 veröffentlichten Kriminalstatistik des Polizeipräsidiums Mittelhessen wurde ein deutlicher Anstieg von Fällen häuslicher Gewalt registriert. Waren es in 2016 noch 281 Vorfälle, lag die Zahl 2019 bei 392 und im vergangenen Jahr bei 475. Experten sind sich sicher, dass die Dunkelziffer in diesem Feld weiterhin hoch ist. Als Gründe für die signifikant höheren Zahlen nennt die Polizei »die häusliche Isolation oder die Sorgen um Gesundheit und Beruf während der Pandemie«. Weitere Belastungsfaktoren könnten außerdem die fehlende Kinderbetreuung und das Ausbleiben von sozialer Unterstützung sein.

»Weit über 80 Prozent der Täter bei häuslicher Gewalt sind Männer«, sagt Burkert. 2019 zum Beispiel waren es bei den fast 400 Fällen 265 männliche Täter - und nur rund 40 Frauen. Wobei Burkert darauf hinweist, dass es gerade im Bereich der häuslichen Gewalt eine hohe Hemmschwelle bei betroffenen Männern gebe, sich an die Polizei zu wenden. Doch auch in diesem Jahr muss man davon ausgehen, dass viele weiblichen Geschädigten keine Hilfe gesucht haben. Denn oftmals sind es die Betroffenen selbst, die über den Notruf die Polizei verständigen - aber erst dann, wenn der Partner nicht mehr Zuhause ist. In der Pandemie ist dies seltener der Fall.

Häusliche Gewalt umfasst alle Formen physischer, sexueller und psychischer Gewalt zwischen Personen, die zusammenleben. Burkert betont: »Diese Fälle gibt es in allen Schichten und in allen Kulturen.« Bei häuslicher Gewalt handelt sich um ein sogenanntes Offizialdelikt. Das heißt: Wenn die Polizei Kenntnis von einem solchen Fall erhält, muss sie auch zwingend eine Anzeige anfertigen.

Häusliche Gewalt: Polizei in Gießen will Betroffenen Rücken stärken

Bei einem Einsatz wegen häuslicher Gewalt seien im Idealfall zwei Streifenwagen vor Ort, sagt Burkert. Zum einen kommen die Beamten zu einer hochemotionalen Situation hinzu. Dabei seien sie immer auf Eigensicherung bedacht; denn solche Lagen könnten schnell eskalieren. Täter und Geschädigte werden dann getrennt und befragt, gegebenenfalls Kinder betreut. Die Polizisten müssen Verletzungen sowie den Zustand der Wohnung dokumentieren und Zeugen zu befragen.

Noch vor Ort ist es den Beamten erlaubt, gegenüber dem Täter eine Wegweisung auszusprechen: Bis zu 14 Tage lang ist es ihm nicht gestattet, die Wohnung zu betreten. Mit einem Gerichtsbeschluss kann dieser Zeitraum auf bis zu einem halben Jahr verlängert werden. Diese Art von Warnschuss soll den Betroffenen Zeit geben, nachzudenken und Entscheidungen für die Zukunft zu treffen. Treffen die Beamten den Täter nicht an, können sie später mit ihm eine sogenannte Gefährderansprache führen. Burkert sagt, die Polizisten vermittelten gleichzeitig Betroffene an das Hilfetelefon bei häuslicher Gewalt (08000/116 016), an Hilfsorganisationen oder in Notfällen an Frauenhäuser.

Diese Vermittlung an Stellen der Opferhilfe sind zentral bei Fällen häuslicher Gewalt. Zwar bestätigt Burkert, dass immer mehr Taten angezeigt werden. Doch würden Betroffene immer wieder ihre Aussage gegen den Partner zurückziehen. »Geschädigte haben Angst, die Kinder, das gewohnte Umfeld, das Haus oder den Job zu verlieren«, sagt die Ermittlerin »Die Angst ist groß, am Ende alleine dazustehen.« Deshalb sei es wichtig, den Betroffenen den Rücken zu stärken, Hilfe anzunehmen.

Info: Auch in Gießen Arbeit nach Marburger Modell

Auch im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Mittelhessen - die Landkreise Gießen, Wetterau, Vogelsberg, Lahn-Dill und Marburg-Biedenkopf - wird bei häuslicher Gewalt nach dem Marburger Modell gearbeitet. Dessen Kern ist die Optimierung und Beschleunigung der Zusammenarbeit von Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichten in solchen Fällen. Außerdem werden frühzeitig Beratungsangebote für Opfer und Trainingsangebote für Täter vermittelt.

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