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Immer positiv bleiben: Pia Mauthe auf der Strecke am Rennsteig.

Politik und Sport

Wie die Gießenerin Pia Mauthe den Rennsteig-Supermarathon gemeistert hat

  • Burkhard Möller
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Stadtverordnete und Rennsteig-Supermarathon-Läuferin: Pia Mauthe erzählt, wie sie die Extremleistung gemeistert hat - und was Politik und Ausdauersport unterscheidet.

Der 2. Oktober 2021 wird zu den längsten Tagen im Leben von Pia Mauthe zählen. Es ist noch stockdunkel, als die 55-jährige Tagesmutter aus Rödgen um 4.30 Uhr in Oberhof einen Shuttlebus besteigt, der sie nach Eisenach bringt - zum Start eines der extremsten Events, an dem »Hobbysportler« hierzulande teilnehmen können. Zwei Zahlen sagen alles: Über 73,9 Kilometer und 1876 Höhenmeter führt der Rennsteig-Supermarathon. Das wäre schon für jeden trainierten Mountainbiker eine Herausforderung, aber die Stadtverordnete aus Gießen will diese Strecke nicht mit dem Fahrrad fahren, sie wird sie laufen. Um sieben Uhr fällt der Startschuss.

Frau Mauthe, wie haben Sie sich auf diese Extremleistung vorbereitet?

In der Woche laufe ich so zwischen 75 und 80 Kilometer. Im Vorfeld des Rennsteig-Supermarathons habe ich mein Trainingspensum noch einmal erhöht. Seit dem Frühjahr, nachdem meine Anmeldung betätigt war, lief meine Vorbereitung. Im Urlaub in Südtirol hatte ich ideale Berglauf-Bedingungen.

Wo finden Sie die in unserer Gegend?

Das ist nicht so einfach. Die Anstiege im Hangelstein oder Schiffenberg sind nicht lang genug. Einmal bin ich den Dünsberg viermal hoch und runtergelaufen. Zweimal über die Straße und zweimal überden steilen Moutainbike-Trail. Das waren immerhin 800 Höhenmeter. Oben haben zwei Wanderer Rast gemacht. Als ich das dritte Mal oben ankam, haben die komisch geguckt (lacht). Die Frau hat gesagt: »Die läuft ja immer noch.« Einmal bin ich zum Hoherodskopf gelaufen.

Von Rödgen aus?

Ja sicher. 46 Kilometer sind das.

Können Sie unseren Leser/innen eine etwas kürzere Hausstrecke empfehlen?

Rödgen, Lollar, Wißmar, das Erlental hoch und rüber zum Dünsberg. Wunderschön. 26 Kilometer.

Geht’s nicht noch ein bisschen kürzer?

Bei der Winterlaufserie gibt’s auch Strecken von zehn oder sogar nur fünf Kilometern.

Seit ihrem 40. Lebensjahr läuft Pia Mauthe, die seit 2016 für die Freien Wähler im Stadtparlament sitzt, Marathon. Über 20 Langstreckenläufe sind es mittlerweile, darunter Klassiker wie Frankfurt, Berlin oder Wien. Oder Brixen in Südtirol - mit 2450 Höhenmetern bergauf. Vor sechs Jahren hatte sie mit einer schweren Krankheit zu kämpfen. »Der Sport hat mir geholfen, wieder auf die Beine zu kommen«, sagt sie. Als wir sie vor der Kommunalwahl im März als Kandidatin porträtierten, nannte sie das lange Rennen am Rennsteig als ihren »Wunsch-Marathon«. Den »normalen« 42er durch den Thüringer Wald hat sie bereits vor acht Jahren absolviert.

Kurz nach dem Start erreicht sie bei ihrem Wunschlauf den Rennsteig, dem die Strecke nun folgt. Bei Kilometer 25,5 nimmt sie mit dem Großen Inselsberg (915 Meter) die erste hohe Hürde. Danach geht es steil bergab.

Was ist anstrengender: bergauf oder bergab?

Ganz klar bergab. Man hat ja keine Stoßdämpfer in den Gelenken. Seit einem Bandscheibenvorfall muss ich aufpassen. Man sollte ohnehin nicht einseitig nur die Ausdauer trainieren. Ich mache Ganzkörpergymnastik. sonst klappt das nicht mit den extrem langen Läufen.

Ernähren Sie sich besonders?

Ausgewogen, aber nichts Spezielles. Bei den Versorgungspunkten am Rennsteig gab es so eine Art Haferschleim mit Klumpen drin. Geschmeckt hat er nur in der Variante mit Heidelbeeren. Ein einheimischer Teilnehmer riet mir: »Mädel, trink den Schleim; der trägt dich über alle Berge.« Er hat recht gehabt.

Mit geringen Höhenunterschieden läuft Pia Mauthe weiter zum Heuberg-Haus und überwindet mit dem Spießberg (748 Meter) den nächsten »Knüppel«. An der Ebertswiese ist bei Kilometer 37,5 die Hälfte der Strecke geschafft. Über Stock und Stein, bergauf und bergab, erreicht sie bei Kilometer 54 den Grenzadler beim Wintersportort Oberhof.

Wie viele tote Punkte hatten sie auf der Strecke?

Der tote Punkt kam einfach nicht. Ich war selbst überrascht, wie gut ich durchgekommen bin. Ich habe mein Tempo aber auch aus Respekt vor dem Streckenprofil gedrosselt.

Welche Rolle spielt das Wetter? Man hat ja schon schlimme Geschichten über erfrorene Teilnehmer bei Bergläufen gehört.

Das war dieser Lauf auf die Zugspitze vor einigen Jahren. Das Wetter am Rennsteig war sehr gut, die Temperaturschwankungen muss man aber immer berücksichtigen. In dem Tallagen kann es sommerlich warm sein und oben gleichzeitig bitterkalt.

Wie lenkt man sich auf so einer langen Strecke ab?

Man läuft drei, vier Kilometer neben einem anderen Läufer her und kommt dann ins Gespräch. So geht das die ganze Strecke über. Man unterstützt und hilft sich auch gegenseitig, zum Beispiel wenn einer stürzt, was bei Bergläufen schon vorkommt. Am Rennsteig hat mich ein Mann ziemlich zugetextet. Als er schließlich begann, von seiner Traumatherapie zu erzählen, habe ich ihm gesagt: »Nicht jetzt, nicht bei Kilometer 60.« Die Gespräche sollten schon ein bisschen aufbauend sein.

»Nur« noch 20 Kilometer bis ins Ziel in Schmiedefeld. Aber jetzt kommt noch der Große Beerberg, mit 980 Meter die höchste Erhebung des Thüringer Walds. Als Pia Mauthe den Trumm bezwungen hat, sind es zwölf Kilometer bis ins Ziel. Sozusagen ein Katzensprung. Das Ziel erreicht sie nach neun Stunden 52 Minuten und 26 Sekunden - und ist überglücklich.

Was kommt als Nächstes?

Die Langstreckensaison ist für dieses Jahr beendet. Ich nehme an der Winterlaufserie teil und laufe im Januar vielleicht in Gründau, wenn ich mich fit fühle. Das sind aber nur 50 Kilometer.

Was ist anstrengender: Zehn Stunden laufen oder sechs Stunden Stadtparlament?

Puh. Für die Beine natürlich der Lauf, beim Kopf bin ich mir nicht so sicher.

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