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Prof. Matthias Willems geht in eine zweite Amtszeit als Präsident der Technischen Hochschule Mittelhessen.

»Wie bleiben wir attraktiv für alle?«

  • Daniel Beise
    VonDaniel Beise
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Eine große Mehrheit des Senats sprach ihm am Mittwoch ihr Vertrauen aus. Prof. Matthias Willems wurde mit 29 von 32 Stimmen für eine zweite Amtszeit als Präsident der Technischen Hochschule Mittelhessen wiedergewählt. Im Interview spricht der 57-Jährige über die Pandemie, die künftige Strategie der Hochschule und blickt zurück auf ihr 50-jähriges Bestehen.

Herr Willems, wie fühlen Sie sich so kurz nach der Wiederwahl? Haben Sie gefeiert?

Es ist ein schönes Gefühl und ich freue mich sehr über die große Zustimmung. Es zeichnet unserer Hochschule aus - dass wir versuchen, konsensorientiert Probleme zu lösen. Abends war ich etwas platt und nur noch mit meiner Frau essen. Man gibt ja zuvor alles, um Senat und die gesamte Hochschule zu überzeugen.

Ein Kampf um den Posten war es nicht. Sie standen alleine zur Wahl. Hatten Sie dennoch Zweifel?

Ich hatte die begründete Hoffnung, dass ich gewählt werde. Mit diesem Ergebnis allerdings hatte ich nicht gerechnet - und ganz sicher kann man sich nie sein.

Sie sagten am Mittwoch, Sie werden weiterhin »manchmal schnörkellos und durchaus pointiert« Dinge beim Namen nennen. Hat Ihnen Ihre umgängliche Art bei der Wiederwahl geholfen?

Ich glaube, dass ich das Amt sehr menschlich ausführe. Mit »schnörkellos« meinte ich, dass ich sehr offen und direkt bin; und mit »pointiert«, dass ich Sachverhalte manchmal auch provokant oder flapsig anspreche. Die Hochschule musste sich daran gewöhnen. Aber ganz kann ich das auch nicht abstellen, und der Senat weiß, dass das nicht bösartig ist. Ich glaube, dass die Hochschule merkt, dass ich es ernst meine mit guter Kommunikation.

Was muss ein Präsident oder eine Präsidentin einer Hochschule für Angewandte Wissenschaften mitbringen?

Wie bereits angerissen, glaube ich, dass man sehr gute Kommunikationsfähigkeiten braucht. Gute Kenntnisse der Hochschulstruktur sind auch extrem wichtig. Man könnte noch vieles aufzählen, aber das ist mit das Wichtigste.

Auch Ihre zweite Amtszeit wird mit der Corona-Pandemie verknüpft bleiben. Wann begann bei Ihnen der Krisenfrust?

Ich war Anfang 2020, kurz bevor Corona losging, mit einer Delegation in Vietnam. Ich bin nicht der Weltreisende, aber damals dachte ich: Och, jetzt haben wir vieles gut geordnet an der Hochschule - ab und zu mal so eine Reise zu machen, ist doch ganz schön. Das war eine sehr schöne Erfahrung.

Und dann preschte die Pandemie los...

Ja, die ersten E-Mails, dass wir Corona-Fälle an der THM haben, kamen, als wir noch in Vietnam waren. Wegen einer Exkursion nach Bergamo hatten wir sehr früh welche. Der Krisenstab kam zusammen, als ich noch nicht wieder da war. Die erste Zeit war von unheimlicher Hektik geprägt, das Präsidium hat jedes Wochenende gearbeitet. Immer, wenn sich die Verordnungen geändert haben, stürzte eine Masse an Kritik auf uns nieder - und das von außerhalb und innerhalb der Hochschule. Die einen wollten es lockerer, die anderen strenger. In diesem Spannungsfeld mussten wir oft in kurzer Zeit Entscheidungen treffen und kommunizieren. Und das waren ja Dilemma-Entscheidungen - es gibt nie richtig oder falsch, sondern nur Vor- und Nachteile. Das war sehr anstrengend.

Mit der Pandemie grassieren auch Verschwörungsideologien vermehrt. In Deutschland sind sie relativ stark verbreitet. Das zeigt sich aktuell auch an der Zahl der Impfverweigerer. Wie kann man Fake News, Hasskampagnen und schlechter Medienbildung begegnen?

Wenn ich mir erlauben darf, etwas globaler zu antworten - Corona ist für mich auch Bildungs- und Demokratiekrise. Bildung im Sinne von politischer Bildung, im Sinne vom Umgang mit Medien und Informationen und auch hinsichtlich der Deutung von mathematischen Zahlen. Fake News sind oft so geschickt gemacht, dass man viel Aufwand betreiben muss, um sie zu widerlegen. Das machen sich bestimmt politische Kreise zunutze. Manche Menschen folgen diesen dann, weil es das ist, was sie hören wollen und es erst mal plausibel klingt. Wir haben ein sehr gutes Grundgesetz und eine sehr gute Verfassung - wenn das Vertrauen in staatliche Institutionen schwindet, gefährdet das unserer Demokratie. Man kann dem letztlich nur über Informationen und Austausch begegnen. Man darf die Institutionen und die Corona-Politik kritisieren, das ist erlaubt. Aber die Ansichten sind teils so verbohrt - die bekommt man nicht so schnell raus.

Zur Führungsriege sagten Sie am Mittwoch, Sie seien ein Fan von zwei Amtszeiten und Kontinuität. Prof. Katja Specht werden Sie alsbald zur Wiederwahl als Vizepräsidentin für Studium und Lehre vorschlagen. Wie steht das Präsidium heute da?

Alle stehen weiterhin für ihre Ämter zur Verfügung, und alle möchten gerne die Früchte ihrer Arbeit sehen. Das Präsidium war während der Pandemie stark belastet, jeder in seinem Bereich. Parallel sind aber auch die Vorwärtsbewegungen sichtbar geworden. In der Summe sind wir ein gutes Team und haben genug Spaß zusammen.

Die THM feiert 50-jähriges Bestehen. Fast 20 Jahre sind Sie dabei. Wie blicken Sie auf die Geschichte der Hochschule?

Ich habe selbst an einer Fachhochschule studiert. Mir war damals überhaupt nicht klar, wie neu das alles ist. Ich habe mich anhand des Jubiläums mit der Geschichte beschäftigt. Wenn ich die vergangenen 20 Jahre betrachte, hat die THM eine ungeheure Entwicklung genommen. Die Aufgaben an den Hochschulen sind vielfältiger geworden. Es ist sicher ein Ort geworden, wo man sich mit Engagement verwirklichen kann.

Die hellgrünen Buchstaben sieht man inzwischen an sehr vielen Orten in Gießen. Die THM ist die größte Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hessen und die zweitgrößte der Republik. Wann hört sie auf zu wachsen?

Die Studierendenzahlen werden weiterhin hoch sein. Aber ich denke, dass wir in einer Phase sind, wo wir einen Konsolidierungsprozess der Zahlen anstreben. Ich hoffe nur, dass das Land die Finanzierung nicht runterfährt.

Als Landeseinrichtung ist die THM dem Landesziel unterworfen, schon bis 2030 eine klimaneutrale Verwaltung zu schaffen. Wie weit sind Sie damit?

Mit Projektgeldern haben wir bereits eine CO2-Einsparung erreicht, das kann man in unserem Ressourcenbericht von 2014 bis 2020 nachlesen. Aber es gibt noch viel zu tun. Insbesondere im Bereich Mobilität zur Hochschule, also dem Pendeln, das für die meisten Emissionen verantwortlich ist. Schön ist zum Beispiel, dass wir eine freiwillige und fachbereichsübergreifende Gruppe haben, die sich mit der Nachhaltigkeit der Hochschule beschäftigt. Die Herausforderungen der Zukunft werden ja nicht in einer Fachdisziplin angegangen. Aber eins ist klar: Wir brauchen dringend neue Gebäude. Auch wenn wir Nachhaltigkeit bei der Planung mitdenken, bedeutet das natürlich CO2-Ausstoß.

Ein besonderes Anliegen ist Ihnen die Mitarbeiter-zufriedenheit und die Einbindung der Studierenden.

Genau. Das sind die zwei Hauptfragen für die Strategie: Wie bleiben wir attraktiv - für alle Gruppen, die mit uns zu tun haben?

»Erfolg mit Spaß und Begeisterung, professionell, mit Respekt und Wertschätzung, innovativ und teamorientiert von 2016 bis 2022« - so beschrieben Sie in Ihrer Wahlrede 2015 das Motto für Ihre Amtszeit. Etwas sperrig für ein Motto, finden Sie nicht?

(lacht). Ja, ich gebe Ihnen recht. Bei der letzten Wahl habe ich mir gesagt: Ich brauche in meiner Präsentation am Anfang irgendwas, wovon niemand weiß, was dahintersteckt - da bin ich auf das ESPRIT 1622 gekommen. Daraus habe ich dann ein paar Anfangsbuchstaben für das Motto abgeleitet, das ich am Ende der Präsentation aufgelöst habe. Zugegebenermaßen etwas sperrig, aber inhaltlich stehe ich dahinter.

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