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Familie Störmer hat von Pfarrer Johannes Lohscheidt das Abendmahl in Tüten vorbeigebracht bekommen. Hier zu sehen die Mutter mit ihrem Sprössling.

Ostern in Gießen

Wicherngemeinde Gießen: Das Abendmahl auf Rädern

  • Daniel Beise
    VonDaniel Beise
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Zum zweiten Mal findet Ostern unter dem Schatten der Corona-Krise statt. Wie erreicht man nun Gläubige? Pfarrer Johannes Lohscheidt von der Wicherngemeinde hat einige Ideen.

Wenn man mit ihm so durch amerikanische Siedlung in der Oststadt radelt und Ostertüten verteilt, kommt richtig familiäres Gemeinde-Feeling auf. Die Leute grüßen ihn auf der Straße, man duzt sich und hält Pläuschchen.

Pfarrer Johannes Lohscheidt von der evangelischen Wicherngemeinde hat sich im Verbund mit der Luther- und Andreasgemeinde etwas Besonderes für den gestrigen Gründonnerstag einfallen lassen: Auf einem Lastenrad bringt er Gemeindemitgliedern das Abendmahl in bunten Tüten an die Haustür. Aber auch spontan vielen auf seiner Tour, die gerne eine hätten. Darin sind Traubensaft, Kerze, Hostie und eine Anleitung, wie man die Eucharistie samt Gebet, Lesung und Dank an Gott zu Hause feiern kann. Es ist eines der heiligsten Sakramente im Christentum: Am fünften Tag der Karwoche, am Gründonnerstag, gedenken Christen dem letzten Abendmahl Jesu mit seinen zwölf Jüngern am Vorband seiner Kreuzigung.

»HeuteAbend MahlAnders«

»Seit über einem Jahr haben die Leute ja kein Abendmahl mehr bekommen«, sagt der 35-jährige, umgängliche Pfarrer. In Gießen Ost müsse es etwas geben, das die Leute erreicht. Daher hat er sich gedacht: »HeuteAbendMahlAnders« - wie es auf dem Flyer mit der Anleitung steht. »Es gibt immer Menschen, die wir im Netz nicht erreichen, außerdem wollen wir nicht nur in Onlineformaten hängen bleiben«, erzählt er. Es sei auch verständlich, dass viele genug von Bildschirmen haben.

Das merkt man auch, so wie die jungen Familien sich freuen auf seiner Tour durch die dynamische und grüne Siedlung auf dem ehemaligen US-Depot. Herzliche Gespräche, lachende Gesichter. Es fehlt einfach viel in Videogesprächen.

In einigen Häusern sind gleich mehrere Familien Mitglieder der Wicherngemeinde. Ein hochgewachsener, junge Vater in Trainingsjacke und mit Irokesenschnitt freut sich über das morgendliche Mitbringsel; nach ihm kommt eine junge Mutter samt Hund und ihren zwei Knirpsen runter. Das Mädchen hat sich Gelb ausgesucht - als Farbe der Abendmahltüte. Nebenbei bekommt auch ein älterer Herr eine in die Hand gedrückt, der in den idyllischen Gemeinschaftsgärten arbeitet. Die seien allerdings auch immer mal wieder Streitthema in der Siedlung. Wenn beispielsweise größere Vorhaben nicht vorher abgesprochen wurden, sagt Lohscheidt.

Eine besondere Tauferinnerung

Rund 55 Ostertüten verteilt er an diesem Tag, morgens an Familien, nachmittags an Älteren der Gemeinde. Zu den Gottesdienstzeiten könne man sich zudem in den nächsten Tagen welche abholen. Als der gebürtige Büdingener vor drei Jahren in die Wicherngemeinde kam, seien wenige Familien Mitglied gewesen. Das wollte er ändern und hat zunächst »schlechte Fyler« verteilt, wie witzelnd sagt. Jünger und moderner hat er die Gemeinde auch gemacht, indem Mitglieder freier mitgestalten können, wie die Kirchenarbeit aussehen soll.

So hat sich Lohscheidt gemeinsam mit Dr. Mirjam Sauer, Vikarin in der Andreasgemeinde und seine Frau, auch für Ostermontag etwas Originelles einfallen lassen. »Eine Tauferinnerung bei Wind und Wetter für kleine und große Gotteskinder«, schreiben sie auf giessen-ost.de, wo man alle Infos dazu bekommt. »An Ostern wird ja traditionell getauft«, erläutert der Pfarrer. Über mehrere digitale und analoge Stationen führt diese Tauferinnerung zum Mitmachen: Von Videobotschaften und einem Kinderchor auf Youtube über einen Spaziergang zum Wasser bis hin zum Heimweg samt Osterkerze.

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