Diesen Brief hat Alexander von Humboldt an Karl Ernst von Baer verschickt. FOTO: CHH
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Diesen Brief hat Alexander von Humboldt an Karl Ernst von Baer verschickt. FOTO: CHH

Der wertvollste Nachlass der Universitätsbibliothek

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Gießen(chh). Wer vor dem Jahr 2010 in Estland war, hat Karl Ernst von Baer vielleicht schon mal gesehen. Und sogar angefasst. Der baltische Mediziner und Naturforscher zierte bis zur Einführung des Euros den estnischen Zwei-Kronen-Schein. Baer, der 1827 die Eizelle bei Säugetieren entdeckte und als einer der größten Universalgelehrten des 19. Jahrhunderts gilt, hat an vielen Orten Europas gearbeitet und diverse Forschungsreisen betrieben. Das hat ihm den Ruf des "Humboldts des Nordens" eingebracht. Mit Gießen hatte Baer hingegen wenig am Hut. Und trotzdem ist die Justus-Liebig-Universität im Besitz von 4400 Briefen, die er entweder erhalten oder verschickt hat.

Dr. Olaf Schneider von der Universitätsbibliothek versucht gar nicht erst, die Bedeutung der Briefe kleinzureden. "Das ist der wichtigste, wertvollste und herausragendste Nachlass, den wir in der UB haben." Dass die Universität solch einen international beachteten Fundus besitzt, ist eine glückliche Fügung. Und dass die Briefe noch erhalten sind, grenzt an ein Wunder.

Schneider zieht sich weiße Baumwollhandschuhe an, bevor er den Umschlag öffnet. "Das ist ein Brief, den Alexander von Humboldt an Baer geschrieben hat", sagt der Leiter der Sondersammlungen. Dem Stempel ist zu entnehmen, dass das Schreiben im Jahre 1828 verfasst worden ist. Was er genau enthält, ist nicht gut zu entziffern, bekannt ist aber, dass sich die beiden Forscher über Themen wie Politik, Kriegsgefahr, den Wissenschaftsbetrieb, Auszeichnungen, Tagungen, Embryologie und Cholera unterhalten haben. Das soll alles in der nächsten Zeit im Detail ans Licht kommen, kündigt Schneider an. "Seit dem letzten Jahr gibt es ein Projekt zusammen mit der deutschen Forschungsgemeinschaft, in dessen Zuge alle 4400 Briefe einzeln erschlossen und katalogisiert werden sollen."

Dass diese Briefe ausgerechnet in Gießen liegen, ist dem Anatomieprofessor Ludwig Stieda zu verdanken. Er war der Nachlassverwalter von Baer.

Knapp dem Feuer entgangen

Laut Schneider verbrachte er seinen Ruhestand ab dem Jahre 1912 in Gießen, da seine Frau Mathilde aus der Wetterau stammte und die Familie noch Verwandtschaft in der Uni-Stadt hatte. Zu diesem Zufall gesellte sich noch Glück. "1918 brannte das Haus von Stieda nieder. Im letzten Moment konnte der Nachlass herausgeschafft werden", erzählt Schneider. Wie knapp die Rettungsaktion war, ist dem Nachlass noch heute anzusehen, sagt der Leiter der Sondersammlungen. "Viele Briefe weisen Brandspuren auf." Als Stieda wenig später starb, vermachte die Familie der Justus-Liebig-Universität den Nachlass. Doch mit der Zeit geriet er in Vergessenheit.

Während des Zweiten Weltkriegs wurden die Dokumente in die alte UB in der Bismarckstraße gebracht. "Dort lagerten sie in einem Schutzbunker", sagt Schneider. Erst 1971, im Zuge eines Katalogisierungsprojekts, habe man den Bunker ausgeräumt. Da viele Briefe in russischer Schrift verfasst waren, beauftragten die Verantwortlichen einen Sachverständigen zur Entzifferung. Der Experte fiel bei der Durchsicht aus alles Wolken: der verschollene Nachlass von Baer!

Es werden vermutlich noch einige Jahre vergehen, bis alle Briefe übersetzt und analysiert worden sind. Durchaus möglich, dass darin noch bahnbrechende Erkenntnisse schlummern. Vielleicht gibt es zwischen Baer und der Stadt Gießen doch engere Verbindungen als angenommen. Schließlich lebte der Mediziner und Forscher zur gleichen Zeit wie ein anderer bedeutsamer Naturwissenschaftler: Justus von Liebig.

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