Schauspieler Magnus Pflüger, hier auf dem Alten Friedhof, transportiert mit seinen Vlogs Werthers Briefe ins Heute. FOTO: PM
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Schauspieler Magnus Pflüger, hier auf dem Alten Friedhof, transportiert mit seinen Vlogs Werthers Briefe ins Heute. FOTO: PM

Werther leidet auch am E-Klo

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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Schauspieler Magnus Pflüger rezitiert auf YouTube Auszüge aus Johann Wolfgang von Goethes Briefroman "Die Leiden des jungen Werther". Hier trifft klassische Sprache auf moderne Ausdrucksmittel - stimmig gemacht und absolut sehenswert.

Mit dem Streaming von Kunst ist das ja manchmal so eine Sache. Nicht jeder Gesang, der aus Küchen auf YouTube gesendet wird, ist große Kunst. Und abgefilmte Theateraufführungen im Internet sind meist auch kein uneingeschränktes Vergnügen. Doch Schauspieler Magnus Pflüger vom Stadttheater zeigt, wie man es richtig macht. Seine selbst gedrehten Filme auf YouTube, in denen er Briefe aus Johann Wolfgang von Goethes Roman "Die Leiden des jungen Werther" re- zitiert und sich dabei an verschiedenen Orten in der Stadt und dem Umland filmt, sind wirklich gelungen.

"Das ist künstlerisch mindestens eine mittlere Sensation, was der Mann da völlig alleine entwickelt, durchführt, filmt, schneidet und macht. Und ich gucke im Moment echt viel Digitaltheater - das hier ist herausragend", betont Stadttheaterdramaturg Harald Wolff. Magnus Pflüger freut sich natürlich über solches Lob, betont allerdings, dass seine Filme im Rahmen eines größeren Projekts am und mit dem Stadttheater entstanden seien.

Bislang hat Magnus Pflüger privat zwei kurze Filme auf YouTube eingestellt, in denen er aus Goethes Briefroman rezitiert, und die man mit den Stichwörtern "Werther" und "Vlog" leicht auf YouTube findet. Im ersten sieht man ihn auf dem Alten Friedhof, im zweiten im Bergwerkswald, ein drittes, gedreht am Elefanten-Klo, ist noch in Arbeit. Die "laut geführten Selbstgespräche auf keiner Bühne" sind im Stil eines Vlogs, also einer Art Videotagebuch analog zum Internet-Blog, gedreht.

Klassischer Stoff im YouTube-Stil

Ihn habe es gereizt, den klassischen Stoff im YouTube-Stil zu bearbeiten und damit in ein heutiges Format zu transponieren. Eigentlich eine naheliegende Idee; denn hätte Werther Smartphone und Instagram-Account besessen, vielleicht hätte er sein Seelen- leben nicht in Briefen, sondern in Form von Internet- tagebüchern offenbart.

Eines der jeweils knapp fünfminütigen Videos ist jeweils einem Werther-Brief gewidmet und dürfte, so zumindest Pflügers Hoffnung, auch heutigen Jugendlichen die Gedanken des fiktiven jungen Mannes aus dem Jahr 1771 näherbringen. Etwas das als "Pflichtlektüre" im Unterricht nur bedingt gelingt. "Als Schüler mochte ich den Roman nicht", gibt auch Pflüger zu.

Doch nun zieht er in seinen Vlogs mit dem Kontrast von alter Sprache und modernen Ausdrucksmitteln in Bann. Sätze wie "Die Einsamkeit ist meiner Seele köstlicher Balsam" oder Werthers schwärmerische Beschreibung der Natur, die wir heute so unberührt gar nicht mehr erleben können, schaffen leicht aktuelle Bezüge zu Corona-Einsamkeit oder Klimaschutz. "Was sagt uns dieser Text auch heute noch?", das habe ihn interessiert, sagt der Schauspieler.

Den "Werther" habe er schon länger als Thema im Kopf gehabt, berichtet Pflüger. Da es sich um einen Briefroman handele, sei es für ihn naheliegend gewesen, diesen als Videotagebuch umzusetzen.

Die Voraussetzungen zum Erfolg bringt er mit. Pflüger, seit 2018 Schauspieler am Stadttheater, hat auch Medienwissenschaften in Bayreuth studiert und sich schon im Studium mit Kamera- und Schnittprogrammen auseinandergesetzt. "Aber ich lerne gerade durch das Machen viel dazu", erzählt der Hobbyfotograf. Die Videos dreht er komplett alleine, mit der Kamera auf Armeslänge oder auch mal auf einem Stativ. fixiert Anschließend schneidet er den Film, unterlegt seine Rezitation mit moderner Musik und lädt ihn hoch. Das alles bedeutet eine Menge Arbeit, allein das Schneiden kann schon mal zwei bis drei Tage dauern. "Aber ich werde schneller und immer produktiver. Es ist ein großer Lernprozess."

"Wohin es sich entwickelt, werde ich sehen", meint Pflüger und plant, pro Woche einen Film ins Netz zu stellen. Ein komplettes Konzept für alle Vlogs hat er noch nicht im Kopf. Man darf also gespannt sein, wie Werther alias Pflüger in den nächsten Wochen im YouTube-Stil auf sein bekanntermaßen tragisches Ende zusteuert.

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