Der Wert politischer Symbole

  • vonChristian Schneebeck
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Die Westdeutschen sind immer noch nicht geworden, wie sich die Ostdeutschen das vorgestellt haben. Und die Ostdeutschen sind in der Bundesrepublik weiter unterrepräsentiert. Zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung zeigte die Feierstunde des Magistrats viele Probleme auf. Sie skizzierte aber auch Fortschritte.

Das Land heißt "Bundesrepublik Deutschland" und nicht etwa "Deutsche Bundesrepublik". Auch seine Hymne blieb nach 1990 unverändert. Dabei hätten die Menschen im Zuge der Wiedervereinigung dringend mehr gesamtdeutsche Zeichen gebraucht, betonte Jana Hensel am Samstag bei der Feierstunde des Magistrats zum Tag der Deutschen Einheit. "Wir haben symbolisch sehr viel verpasst", sagte die Journalistin und Autorin im Gespräch mit dem Soziologen Wolfgang Engler und der Moderatorin Marina Gust-Brake (Literarisches Zentrum Gießen). 30 Jahre nach der Einheit seien sich Ost und West zwar "nicht mehr fremd" und "längst ein Land". Dennoch erkenne man ökonomische, soziale und politische Unterschiede bis heute. Am 3. Oktober werden deshalb gemeinhin stets Dialog und Diskussion beschworen. Hensel mahnte stattdessen Taten an: "Wir sind allzu sehr auf der diskursiven Ebene."

Genau dort spielte sich die Feierstunde aber naturgemäß ab. Anknüpfend an ihr 2018 erschienenes Buch "Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein" beleuchteten Engler und Hensel die Zeitläufte aus ostdeutscher Perspektive. Der gebürtige Dresdner Engler erinnerte zum Beispiel an die wirtschaftliche Dynamik rund um die Einführung von D-Mark und Marktwirtschaft. "In die Zange genommen" seien etliche Unternehmen damals zusammengebrochen - und erste Schritte in Richtung einer "Kränkung" der Ostdeutschen gemacht worden. Vor allem die Erfahrungen der frühen 90er Jahre und der Nachwendezeit, nicht die knapp 40 in der DDR hätten die heutige "ostdeutsche Identität" entscheidend geprägt, meinen die beiden Autoren.

Dass Gießen untrennbar mit der deutsch-deutschen Geschichte verbunden sei, betonte Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz. Als besonders eindrucksvollen Beleg nannte sie in ihrer Rede das ehemalige Notaufnahmelager im Meisenbornweg. Auch heute müsse die Stadt "ein Synonym für das Ankommen in Schutz und Sicherheit" bleiben, forderte Grabe-Bolz mit Blick auf aktuelle Flüchtlingspolitik. Innerdeutsche Einheit dürfe nie mit Abschottung nach außen einhergehen, sondern erfordere Verantwortung und Engagement. Denn Freiheit, Sicherheit und Frieden seien ein universales, stets zu gewährendes Recht - auch in Belarus, Syrien oder anderswo auf der Welt.

Der politische Rechtsruck in Teilen Deutschlands beschäftigte Grabe-Bolz ebenso wie Hensel und Engler. Die Autorin charakterisierte die AfD in diesem Kontext als "Partei der in Ostdeutschland gebliebenen, in der Nachwendezeit sozialisierten Ostdeutschen" - und schlug so einmal mehr den Bogen zu sozioökonomisch abgehängten Regionen und Gruppen. AfD-Erfolge im Osten erklärten sich vor allem aus Schwächen der ostdeutschen Gesellschaft. "Im Westen gibt es punktuell abgehängte Regionen, im Osten punktuell prosperierende", sagte Hensel. Engler warnte davor, diese Aspekte im politischen Diskurs zu vernachlässigen: "Das wäre fahrlässig."

Eine soeben von der "Zeit" veröffentlichte Studie habe gezeigt, dass "Ostdeutsche im ganzen Land Ostdeutsche und Westdeutsche im ganzen Land Westdeutsche bleiben", berichtete Hensel. Das gelte etwa für Unterschiede bei Einkommen, Vermögen und politischen Einstellungen. Ohnehin stellten im Westen geborene Personen, wenn sie in den Osten zögen, oft die Eliten. Entsprechend verliefen die Gräben lange nicht mehr entlang geografischer Grenzen, sondern analog zu demografischen Trennlinien. Die künftige Entwicklung, prognostizierte Engler, hänge stark vom Ausgang der momentanen Krise ab. Schon die Finanzkrise habe Ostdeutschland härter getroffen.

Perspektivwechsel zum Feiertag

Kurz vor dem Ende der Feierstunde, die das Multikulturelle Orchester (Leitung Georgi Kalaidjiev) mit der Nationalhymne beschloss, zitierte Gust-Brake einen Tweet. "Happy Wiedervereinigung", heißt es darin, "auch wenn die Westdeutschen immer noch nicht geworden sind, wie wir uns das einst vorgestellt haben". Ein Perspektivwechsel zum Feiertag, vorschlagen von: Jana Hensel.

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