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Experten befürchten, das Risiko für Computerspielsucht könnte in der Corona-Krise steigen. Doch noch verzeichnet das Gießener Suchthilfezentrum keine vermehrten Anfragen von Rat suchenden. SYMBOLFOTO: dpa

Computerspielsucht

Werden Gießener Jugendliche in der Krise süchtig?

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Wolfgang Engelking vom Suchthilfezentrum Gießen rät Eltern zu Gelassenheit beim Computerspiele-Konsum ihrer Kinder in der Corona-Krise - und gibt weitere Tipps.

Viele Eltern wissen ein Lied davon zu singen, wie stark ihre Kinder schon vor der Corona-Krise auf Handy, Spielkonsole oder Computer fixiert waren. Durch die Pandemie könnten vor allem männliche Jugendliche noch stärker in die Handy-, Computer- und Spielsucht abdriften: Diese Befürchtung äußerte der durch Talkshows bekannte deutsche Kriminologe Christian Pfeiffer schon Ende März im ZDF. Denn wenn Unterrichtsaufgaben für das Homeschooling per Handy oder PC bereitgestellt werden, Freunde nicht persönlich getroffen werden können, Sport in Vereinen auch nicht mehr möglich ist und die häusliche Isolation zur Normalität wird, werde sich das Spielsuchtproblem verschärfen. Laut Pfeiffer zockt jeder vierte männliche Jugendliche täglich viereinhalb Stunden und mehr an elektronischen Geräten.

Zumindest in Gießen scheint sich Pfeiffers Befürchtung eines weiter wachsenden Suchtpotenzials aber nach sieben Wochen Corona-Zwangsmaßnahmen noch nicht zu bestätigen. Das Suchthilfezentrum Gießen verzeichnete in den vergangenen Wochen "keine vermehrten Anfragen", erklärt der für Computerspiel- und Glücksspielsucht zuständige Fachberater Wolfgang Engelking.

Dies könne aber auch daran liegen, dass Eltern in Corona-Zeiten erst mal zufrieden damit seien, wenn ihre Kinder im Computerspiel versinken und darin eine Beschäftigung finden. Das sei schließlich noch kein zwingender Grund für einen Anruf bei der Suchtberatung, der in der Regel erst dann getätigt werde, wenn sich das Problem erheblich verschärfe. Engelking rät Eltern und Erziehungsberechtigten grundsätzlich zu Gelassenheit, was Computerspiele und Handys betrifft. Denn wenn Eltern ihren Kindern diesbezüglich Vorwürfe machen (nach dem Motto: "Du spielst ja nur noch am Computer, du bist ja schon süchtig"), könne daraus eine "sich selbst erfüllende Prophezeiung" werden.

Sinnvoller sei es, den Jugendlichen und Kindern zu vertrauen, dass sie einen eigenen, selbstbestimmten Umgang mit den elektronischen Medien entwickeln. "Es kann zum Beispiel durchaus sein, dass Kinder nach Corona erst mal die Schnauze voll haben vom Computerspielen", sagt Engelking.

Beziehungsstörung kann Ursache für Sucht sein

"Sucht wird meist verursacht durch eine Beziehungsstörung", erklärt der Berater. Ändere sich die Beziehung der Eltern zu ihren Kindern, könne sich auch das Suchtverhalten ändern und verschwinden. "Eltern haben oft das Gefühl, sie erreichen ihre Kinder nicht mehr. Aber wenn man die Kinder selbst fragt, sagen sie, das stimmt gar nicht - ihnen ist schon noch wichtig, was die Eltern sagen."

In Gesprächen mit Klienten hat Engelking sogar die Erfahrung gemacht, dass die Corona-Krise für einige Suchtgefährdete hilfreich ist. "Glücksspielsüchtige zum Beispiel fühlen sich derzeit extrem entlastet, weil Spielhallen und Gaststätten, in denen sie ihrem Laster bisher regelmäßig nachgegangen sind, derzeit geschlossen haben." Und für Computerspielsüchtige sei die derzeitige Situation so, dass ein bisher als Defizit erlebtes Verhalten - also die sehr intensive Beschäftigung mit elektronischen Spielen - eher zu einer Stärke werde, weil sie jetzt gezwungenermaßen viel Zeit zu Hause verbringen müssen und die Situation schon sehr gut kennen, regelmäßig daheim am Computer zu sitzen und zu zocken.

Laut Engelking sind für Jugendliche dennoch klare Regeln zur Handy- und Computernutzung wichtig. Etwa: Erst das Homeschooling, dann das Spielvergnügen.

Auch das Sanktionieren von Verstößen gegen diese Regeln sei bedeutsam: "Wenn Eltern Konsequenzen aussprechen, müssen sie diese auch in die Tat umsetzen, sonst nehmen die Kinder ihre Eltern nicht mehr ernst."

Telefonische Beratung

Suchtberater Wolfgang Engelking ermuntert Eltern und Jugendliche, die ein Suchtproblem zu erkennen glauben, sich telefonisch an das Suchthilfezentrum Gießen (Tel. 0641/78027) zu wenden.

Beratungstermine, die normalerweise persönlich im Suchthilfezentrum stattfinden, werden wegen der Corona-Kontaktbeschränkungen derzeit telefonisch durchgeführt.

Aktuelle Sprechzeiten sind Montag bis Freitag jeweils in der Zeit von 14 bis 17 Uhr.

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