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Die Psychologin Beate Kettemann und der Vitos-Chefarzt Michael Franz haben ein Programm für 12- bis 24-Jährige entwickelt, deren Eltern psychisch krank sind.

Wenn stille Kinder eine große Last tragen

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Gießen (kw). Der 17-Jährige kommt von der Schule nach Hause und stellt fest: Der Vater liegt niedergeschlagen auf dem Sofa, die Mutter ist sowieso noch bei der Arbeit. Es bleibt also wieder einmal an ihm hängen, für den kleinen Bruder Essen zu machen und sich um dessen Hausaufgaben zu kümmern. "So etwas kann okay sein, aber nicht über Jahre", sagt Beate Kettemann, Psychologin beim Psychiatrischen Vitos-Klinikum Gießen-Marburg. Sie hat gemeinsam mit dem Ärztlichen Leiter Prof. Michael Franz ein präventives Coachingprogramm für etwas ältere Kinder psychisch kranker Eltern entwickelt. Das Konzept "Your Coach - Du bist stark!" wird jetzt auch in Gießen angeboten.

Über drei Millionen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene leben in Deutschland mit Eltern zusammen, die eine psychische Erkrankung haben. Das Risiko, selbst psychisch krank zu werden, sei für sie dreimal so hoch wie für den Durchschnittsbürger, erklärt Franz im Pressegespräch.

Besonders gefährdet seien sie in dreifacher Hinsicht. Erstens durch genetische Veranlagung, die man allerdings nicht überschätzen dürfe. Es gebe gute Möglichkeiten, der eigenen Erkrankung mit günstigen Umweltbedingungen entgegenzuwirken. Zweitens mit psychosozialen Problemen: Depressionen, Borderline-Störung oder Suchtprobleme der Eltern führten oft zur Isolierung der Familie oder zu Geldschwierigkeiten.

Besonders schwer wiege - drittens - die emotionale Belastung. "Kinder lieben ihre Eltern. Sie sind empfänglich für Schuldgefühle oder Scham." Aus Loyalität bürdeten sie sich zu viel Verantwortung auf. Ihre Angst um oder - bei manchen Störungen - vor den Eltern wagten sie mit niemandem zu besprechen. Weil die Kinder sich häufig zurückzögen, falle ihre Überforderung erst auf, wenn sie nicht mehr "funktionieren" und auffällig werden. Frühzeitige vorbeugende Hilfe könne viel Leid verhindern.

"Kinder und Jugendliche haben feine Sensoren", erläutert Kettemann. "Wenn ein Alkoholkranker meint, sein Sohn oder seine Tochter bekomme nicht mit, wenn er nachts trinkt, dann liegt er falsch." Im besonders sensiblen Alter zwischen 12 und 24 Jahren wolle "Your Coach" die Betroffenen unterstützen. Es gehe darum, die eigenen Bedürfnisse und Entwicklungsaufgaben wahrzunehmen, um vom Alltag mit dem kranken Elternteil nicht "erdrückt" oder selbst krank zu werden. "Wir wollen den Jugendlichen sagen: ›Du musst auch auf dich achten und deinen eigenen Weg finden. Und du bist stark!‹", erklärt die Psychologin.

Schon wenige Gespräche helfen

Die bisherigen Erfahrungen zeigten, dass das Programm für Kinder wie Eltern eine große "Erleichterung" mit sich bringe und langfristig helfe. Und das trotz der überschaubaren Dauer: Am Anfang und Ende steht in der Regel ein Treffen mit der ganzen Familie, dazwischen kann der Jugendliche bei sechs Einzelterminen seine Situation besprechen. Das Programm ist für die Klienten kostenfrei. Vitos betrachte das Angebot als sinnvollen "Service für unsere Patienten", so der Ärztliche Leiter. Teilnehmen können aber auch junge Menschen, deren Eltern keine Vitos-Patienten sind.

Franz betont, dass das kurze Coaching nur eine Ergänzung sein solle zu den vielen vorhandenen Hilfsangeboten. Diese kennenzulernen und zu nutzen, sei ein erklärtes Ziel. Dass - gerade für Jugendliche ab zwölf Jahren - Lücken bestehen, habe man in der Behandlung der erwachsenen Patienten immer wieder festgestellt und daher zunächst in Nordhessen das Programm "Your Coach" entwickelt. Eine erste Studie habe die Wirksamkeit bestätigt.

Interessierte Eltern und Jugendliche können sich melden bei Beate Kettemann unter Tel. 06421/404-776 oder per E-Mail an beate.kettemann@vitos-giessen-marburg.de. Eine psychologische Sprechstunde in der Klinik in der Licher Straße 106 beginnt jeden Donnerstag um 16 Uhr.

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