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Mario Di Leo (l.) und Reinhold Joppich bei ihrer witzigen Lesung im Netanyasaal.

Wenn der Postmann Briefe liest

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Gießen (bf). Mal was anderes: Ein literarisch-musikalischer Abend war angesagt, am Dienstag im Netanyasaal. Eingeladen hatten das Literarische Zentrum Gießen (LZG) und die Deutsch-italienische Gesellschaft (DIG). Gelesen wurde aus dem Roman Domenico Daras "Der Postbote von Girifalco oder Eine kurze Geschichte über den Zufall". Gemeinsam mit Leser Reinhold Joppich und Gitarrist Mario Di Leo war das eine ganz entspannte und zugleich ungemein witzige Angelegenheit.

Die Veranstaltung war gut besucht; es gab gerade noch ein paar Sitzplätze. Die Akteure zeigten sich als professionelle Kräfte: "Wir touren schon seit zwanzig Jahren gemeinsam", sagte Joppich am Rande der Veranstaltung. Im Zentrum des Abends stand besagter Postbote in einem kleinen italienischen Städtchen, der allerdings etwas Besonderes an sich hatte: Er trug nicht nur die Post aus - er las sie auch durch. Und zwar alle Briefe. Nach reiflicher Überlegung verfasste er sie sodann neu. "Erstaunlich: eine Handschrift ähnelte seiner eigenen", heißt es einmal. Das war keine große Sache für ihn, denn er besaß die sensationelle Gabe, jede Handschrift vollkommen nachahmen zu können. Mit dieser originellen Grundannahme entfaltet der Roman das soziale und emotionale Spektrum einer verschlafenen Kleinstadtgesellschaft im ländlichen Süditalien. "Als die Welt da noch in Ordnung war," beginnt Joppich die Lesung. Der Postbote, im Roman übrigens namenlos geführt, hat jedoch hehre Absichten: Er will den Dingen die richtige Richtung geben. Ab und zu auch durchs Einkassieren eines Briefs.

So werden unglücklich Liebende zusammengeführt, politische und amouröse Betrugsversuche verhindert, Mütter bekommen plötzlich Post von ihren in der Ferne verschollen geglaubten Söhnen - bis ein mysteriöser Brief aus der Vergangenheit auftaucht, der das Dorfleben im Allgemeinen und sein Leben im Besonderen gehörig ins Wanken bringt. Zu seinem Beruf hegt er keine besondere Neigung ("weder Berufung noch Kunst"), aber er hätte "nie vermutet, dass er so nahe an die Bedürfnisse der Menschen" gelangen und sich "in irdische und leibliche Angelegenheiten" einmischen würde. Joppich liest das routiniert und sensibel, mit Verständnis des Erzähltons und besonders Sinn für die häufig originellen Abschlüsse. Dann übernimmt Di Leo und musiziert italienische Volksweisen und bekanntere Titel - darunter auch ein eigener. Auch er agiert mit professioneller Kompetenz, trifft den unterschiedlichen Ton von Ballade bis zum Volkslied zuverlässig und anschaulich.

Knackige Pointen

Die Synthese von Text und Gesang gelang ganz ausgezeichnet. Man versetzte sich gleichsam in seine persönliche italienische Emotion hinein und in eine Handlung, die ein geheimer Regisseur inszenierte, allerdings ohne Kenntnis der Akteure. Auf angenehme Art war das sehr speziell. Und immer wieder zum Totlachen, denn der Autor servierte zahlreiche Pointen oberknackig, was Joppich gekonnt umsetzte, und ließ die Charaktere der Figuren sehr anschaulich werden. Etwa durch die erotischen Fantasien eines kleinen Jungen, der sich immer wieder heimlich an intimen Ansichten der attraktiven Figur seiner Nachbarin erbaut.

Bei Licht betrachtet ein ganz schönes Stück Arbeit, denn der Postbote hebt alle Originale auf und fügt alle Macken wie Flecken, Knicke und Sonstiges in die Kopien ein. Schon in der Schule zeigt sich sein Talent - für den Freund eine väterliche Unterschrift fälschen oder für die süße Mitschülerin gleich einen ganzen Aufsatz verfassen, das macht er gern und unnachahmlich gut. Doch der Roman nimmt auch mit sanft ironischen und originellen Formulierungen für sich ein. Da machte es keine Mühe, sondern große Freude, sich mitnehmen zu lassen nach Bella Italia.

Ex-Lektor Joppich gab im Gespräch zu, selbst eine fälscherische Vergangenheit zu besitzen. Es seien mal nach einer Lesung 100 Ausgaben eines Günther-Wallraff-Buchs verblieben, die noch ganz schnell signiert werden sollten. Hinter den Kulissen habe Wallraff vorgeschlagen, dass sie sich die Arbeit halbe-halbe teilen sollten. "Und so geschah’s," schmunzelte Joppich.

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