Stadtbibliothek

Wenn der Lieblingskrimi fehlt

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Technisch könnten E-Books endlos oft gelesen werden. Doch wer die "Onleihe" der Stadtbibliothek nutzt, stellt schnell fest: Die Bücher sind oft für Monate verliehen. Was tun?

Das klingt gut. Beim Stöbern durch den Liste der neueren Romane stößt die Gießenerin auf "Eine Frau am Telefon" der Französin Carole Fives. Dann stutzt sie: Voraussichtlich verfügbar ab Dezember? Der nächste interessante Titel ist ebenfalls mit einem roten Punkt gekennzeichnet, genauso wie der Schmöker, den sie neulich im Laden in der Hand hatte. Muss ich nicht kaufen, dachte sie, den leihe ich mir digital in der Stadtbibliothek. Das ist oft leichter gedacht als getan. "Gerade neuere Bestseller sind meistens schnell ausgeliehen", erläutert Guido Rupp, Leiter der Gießener Bibliothek, im Gespräch mit der GAZ. Der "Erstfrust" über vermeintlich monatelange Wartezeiten sei weit verbreitet – doch wer Rupps Tipp beherzigt, erhält den Lesestoff dann doch häufig innerhalb von vier bis sechs Wochen.

Gedrucktes Buch als "Seele"

Der Laie mag glauben, eine Datei sei unbegrenzt häufig nutzbar. In Wirklichkeit müssen Büchereien bei E-Books oft deutlich schlechtere Bedingungen von Seiten der Verlage akzeptieren als beim klassischen Buch. Das gedruckte Exemplar können Bibliotheken einfach kaufen, sie zahlen – dieser Rabatt ist seit jeher vertraglich festgelegt – zehn Prozent weniger als der Normalverbraucher, ihr Verleihrecht gilt automatisch.

Anders bei der elektronischen Variante, erklärt Rupp. "Wir würden uns eine ähnliche Regelung wünschen. Derzeit gibt es unterschiedlichste Lizenzmodellen." Jeder Verlag kann selbst bestimmen, ob er seine Titel überhaupt für die "Onleihe" verkauft, für wie lange und zu welchem Preis. Das virtuelle Exemplar kann leicht zwei- bis dreimal so teuer sein wie das im Laden. Häufig erlischt die Verleih-Erlaubnis zum Beispiel nach 52 Downloads oder vier Jahren. Argument der Verlage: Nach so viel Abnutzung würden die Bibliotheken ein "richtiges" Buch ja auch aussortieren.

"Wir machen nicht alles mit", sagt Rupp, der im hessischen Onleihe-Verbund in der Arbeitsgruppe für das Einkaufsmanagement – die eigentlichen Verhandlungen mit den Verlagen übernimmt ein Dienstleister – sowie in der AG Strategie und Organisation aktiv ist. Ärgerlich sei es schon, dass zum Beispiel lange Zeit die beliebten Nele-Neuhaus-Krimis nur als Hörbücher im Bestand waren. "Aber unsere Mittel sind begrenzt." Und sie sollen nicht nur für virtuelle Stapel aktueller Bestseller ausgegeben werden: "Ich finde es wichtig, auch in die Breite zu gehen und neue Anreize zu schaffen."

"Kein Ersatz für gedrucktes Buch"

Zehn Prozent ihres Medienetats steuert jede beteiligte Bibliothek für die Anschaffung elektronischer Dateien bei. Für die Stadtbibliothek Gießen bedeutet das 10 000 Euro. Langfristig müsse es wohl mehr werden, meint Rupp; entsprechend den ständig steigenden Nutzerzahlen. Etwa 20 Prozent der 97 000 Ausleihen in der Gießener Bibliothek im vergangenen Jahr betrafen E-Books.

Werden die Regale im Rathaus also immer leerer? "Nein", sagt der Leiter. "Für mich ersetzt ein E-Book kein gedrucktes Buch." So bemühe sich das Team um beschleunigte Bearbeitung neuer Bestseller, um sie wenige Tage nach Erscheinen auch in Papierform leihfertig zu präsentieren. "Wir kaufen allerdings bewusster ein." Spezielle Rechtsratgeber zum Beispiel, die schnell veralten, werden seltener oder nur noch elektronisch erworben. "Damit reagieren wir auch auf die Nutzerzahlen." Das Interesse der Leser sei bei allen Medienarten die Leitlinie.

Eine Bibliothek besteht aus Regalen, sie riecht nach Papier, man hört gedämpft Buchdeckel zusammenklappen – wird das auch in Zukunft gelten? "Die Bedeutung des Buchs verändert sich. Es steht nicht mehr absolut im Vordergrund. Aber es gehört zur Seele einer Bibliothek", findet Guido Rupp. Bibliotheken würden "immer mehr zu Orten der Begegnung." So träfen sich viele zum Lernen dort. "Vor den Abi-Prüfungen war hier oft kein Sitzplatz mehr frei."

Und was empfiehlt Rupp, wenn ein Roman für Monate ausgebucht ist? Einen Klick auf "Vormerken". Denn der Verbund bestellt weitere Exemplare nach, wenn die große Nachfrage auf diese Weise sichtbar wird. "Unser Ziel ist: Jeder Nutzer soll das vorgemerkte Buch nach spätestens 68 Tagen auf sein Gerät laden können." Die Gießenerin hat also wohl doch eine Chance, die "Frau am Telefon" schon in den Sommerferien kennenzulernen.

Info

Onleihe: Zahlen und Fakten

* Im Sommer 2012 schloss sich die Stadtbibliothek Gießen dem "Onleihe"-Verbund Hessen an. Derzeit gehören 99 Bibliotheken dazu. * Den Nutzern stehen 169 000 Exemplare von elektronischen Büchern oder Zeitschriften kostenfrei zur Verfügung. * Jeder darf bis zu zehn derzeit nicht verfügbare Medien vormerken – und das kostenlos, während das Reservieren eines Papier-Buchs einen Euro kostet. * Die Ausleihzeit für ein E-Book beträgt wahlweise 7, 14 oder 21 Tage. * Laden kann man die Dateien auf spezielle Reader zum Bücherlesen, aber auch auf Tablets oder andere Rechner.

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