Solche Terrakotta-Objekte dienten als Weihgaben. FOTO: STARK
+
Solche Terrakotta-Objekte dienten als Weihgaben. FOTO: STARK

Wenn Körperteile zu Weihgaben werden

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
    schließen

Gießen(chh). Das römische Reich war eine Weltmacht. Um ein Haar hätte jedoch die 18 Kilometer nordnordwestlich gelegene Stadt Veij den Ruhm eingeheimst. Vor 2500 Jahren war die antike etruskische Stadt Rom ebenbürtig, die heutige italienische Hauptstadt drohte im Schatten Vejis zu verschwinden. Doch ein geschickter militärischer Schachzug führte zum Sieg Roms. Veij wurde zerstört, die Bürger versklavt. Die Überbleibsel der Stadt haben die Zeit jedoch überdauert. Selbst in Gießen sind welche davon zu finden. Aktuell sind sie Bestandteil der Antikensammlung der Justus-Liebig-Universität.

Herz, Gebärmutter und Co.

Der Komplex von etruskischen Terrakotta-Votiven der Sammlung Stieda umfasst rund 40 Objekte. Ursprünglich waren es einmal 60, doch im Zweiten Weltkrieg wurden Teile zerstört. "Neben figürlichen Darstellungen, die als Wickelkinder gedeutet werden, handelt es sich mehrheitlich um Darstellungen unterschiedlicher Körperteile: Köpfe, Hände, Füße, Sinnesorgane, männliche und weibliche Genitalien und innere Organe", erklärt Dr. Michaela Stark von der Antikensammlung. Einige dieser inneren Organe könnten mit einiger Wahrscheinlichkeit identifiziert werden, sagt die Expertin. Dazu gehöre etwa eine Gebärmutter. Andere hingegen ließen sich nicht ohne Weiteres zuordnen und würden unterschiedlich gedeutet. "So werden zwei der besonders stilisierten Objekte sowohl als Herzen angesprochen als auch als Darstellung von Opfergebäck interpretiert." Eine Besonderheit in diesem Materialkomplex stellen sogenannte Eingeweidetafeln dar, die wie eine Art Tableau die verschiedenen inneren Organe im Verbund zeigen. Daneben gibt es Torsi, die durch ihre fensterartigen Öffnungen Einblicke ins Körperinnere gewähren.

Ein Großteil der Fundobjekte stammt aus dem vierten und dritten Jahrhundert vor Christus, einzelne Stücke sind jünger und gehören ins zweite Jahrhundert vor Christus. Sie stammen aus dem Depot "Pendici di Piazza d’Armi", ein Heiligtum bei Veji. Sie dienten dort als symbolische Opfer, die einer überirdischen Macht dargebracht werden.

"Solche Weihgaben von Körperteilen finden sich in vergleichbarer Form auch in anderen Regionen, von Gallien über Griechenland bis nach Zypern", sagt Stark und erklärt, dass solche Stücke in Heiligtümern aufgestellt oder an einer Wand befestigt waren. "Sie dienten als Dankvotive für eine erwiesene göttliche Gunst oder sollten eine an die Gottheit herangetragene Bitte der Stifter unterstützen." Nach Gießen gelangten die Votive aber aus weitaus irdischeren Gründen.

Der Anatomieprofessor Ludwig Stieda war von 1885 bis 1912 Ordinarius des anatomischen Instituts der Albertus-Universität in Königsberg. Nach seiner Emeritierung 1912 bis zu seinem Tod 1918 lebte er in Gießen. Ein Glücksfall für die Justus-Liebig-Universität. "Aufgrund seines Interesses für Medizingeschichte und dank seiner Kontakte zu dem Gießener Altphilologen Alfred Körte erwarb er 1899 in Isola Farnese den Komplex anatomischer Votive, den er 1913 der Antikensammlung stiftete", sagt Stark.

Aus medizinischen Gründen gekauft

Stieda habe sich vor allem aus medizinhistorischen Gesichtspunkten für die antiken Objekte interessiert. Aus dem repräsentativen Spektrum an anatomischen Votiven habe er versucht, Wiedergaben bestimmter Krankheitsbilder herauszulesen.

Doch das war offenbar eine Fehleinschätzung, wie Stark erklärt: "Die Objekte liefern nach heutigem Kenntnisstand keine Hinweise auf krankhafte Veränderungen der Körperteile, die eine solche These stützen würden."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare