Beratungen zu Covid-19 beherrschen den Alltag in der Kinderarztpraxis von Christoffer Krug.
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Beratungen zu Covid-19 beherrschen den Alltag in der Kinderarztpraxis von Christoffer Krug.

Grippewelle naht

Wenn Grippe auf Corona trifft: Steht ein problematischer Herbst bevor?

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Gießener Schüler werden mit einem leichtem Husten nach Hause geschickt. Eltern und Erzieherinnen sind verunsichert, die Mediziner überlastet. Und jetzt naht auch noch die Grippewelle. Der Gießener Kinderarzt Christoffer Krug geht daher davon aus, dass ein problematischer Herbst bevorsteht.

Die Rotznasen sind wieder auf dem Vormarsch. Seitdem die Temperaturen etwas gefallen sind, ist aus den Gießener Kinderzimmern regelmäßig ein Schniefen und Schnaufen zu hören. Das ist jedes Jahr so, doch 2020 sorgen die laufenden Nasen für echte Probleme. »Die Verunsicherung ist derzeit sehr groß«, sagt Christoffer Krug, der in Wieseck eine große Kinderarztpraxis der Stadt betreibt. Denn in Zeiten von Corona sind sowohl Eltern, Erzieherinnen als auch Lehrer besonders auf der Hut.

Das hessische Sozialministerium hat Leitlinien herausgegeben, die klar regeln, wann ein Kind aus Sorge vor einer Covid-19-Infektion von der Betreuung in Kitas oder Schulen ausgeschlossen werden muss. Dazu gehören Fieber über 38 Grad, trockener Husten sowie die Störung des Geschmacks- oder Geruchssinns. Leichter Husten und Schnupfen sind ausdrücklich keine Ausschlussgründe, schreibt das Ministerium.

Wenn Grippe auf Corona trifft: Verunsicherung bei den Eltern

Trotzdem hat Kinderarzt Krug jeden Tag mit Kindern zu tun, die aus diesen Gründen von Lehrerinnen oder Erzieherinnen nach Hause geschickt worden sind. »Das steigert sich allmählich ins Absurde. Ich habe hier teilweise völlig gesunde Kinder sitzen, die wegen Lapalien nach Hause mussten«, sagt Krug und nennt als Beispiele laufende Nasen, Räuspern im Unterricht oder einen leichten Ausschlag im Nacken durch zu viel Sonne. Das sorge für viel Verunsicherung bei den Eltern. Gleichzeitig müssten die Mütter und Väter kurzerhand eine Betreuung organisieren und beim Kinderarzt vorstellig werden. »Das beherrscht unseren gesamten Beratungsalltag. Die Eltern benötigen ja auch Atteste. Das ist zigfach jeden Tag der Fall.«

Krug will nicht falsch verstanden werden. Er macht den Erziehern und Lehrern keinen Vorwurf. »Das ist für sie nicht zu stemmen. Sie sind schließlich keine Mediziner.« Abgesehen davon sei es verständlich, dass sie im Zweifel zu vorsichtig seien. Man stelle sich nur vor, eine Erzieherin würde ein hustendes Kind nicht nach Hause schicken und kurz darauf müsste die gesamte Kita in Quarantäne.

»Trotzdem wäre es gut«, sagt Krug, »wenn mehr Aufklärungsarbeit geleistet würde.« Besonders, weil sich die Situation in den kommenden Wochen verschärfen dürfte.

Wenn Grippe auf Corona trifft: Covid-19 und Grippe haben sehr ähnliche Symptome

In einer Woche ist offizieller Herbstbeginn. Die Temperaturen fallen, die Heizungen sorgen für trockene Schleimhäute, und neben banalen Atemwegserkrankungen schwappt auch die Grippewelle auf Deutschland zu. »Viele Kollegen blicken mit Sorge dem Herbst entgegen und fragen sich, ob sie den Mehraufwand stemmen können. Die geballte Wucht an Erkrankten wird eine große Herausforderung.«

Was die Situation erschwert: Covid-19 und die Grippe haben laut Krug sehr ähnliche Symptome, nämlich Fieber, starkes Missempfinden und trockenen Husten. »Das lässt sich im Grunde nur durch einen Corona-Abstrich voneinander unterscheiden.« Der Kinderarzt, der bisher nur sehr wenige Kinder in seiner Praxis auf Corona testen lassen musste, geht daher von einem rapiden Anstieg der Abstriche aus. »Das wird die Kapazitäten sprengen, zumal in den Praxen die Hygienevorschriften eingehalten werden müssen. Manche Kollegen haben schon Container aufstellen lassen, in dem Abstriche genommen werden. Wir denken auch darüber nach.«

Eine Hoffnung hat Krug aber noch: »Die Influenza wird unter anderem über Tröpfcheninfektion übertragen. Das Risiko einer Infektion wird durch einen Mundschutz also verringert.« Nicht auszuschließen also, dass die Masken auch die Grippewelle eindämmen könnte. Banale Erkältungen und Atemwegserkrankungen ebenfalls. Corona könnte also zumindest mit Blick auf die Rotznasen etwas Gutes haben.

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