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»Wenn es klappt, gewinnen alle«

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Von: Kays Al-Khanak

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Serkan Görgülü, Dow Aviv und Halit Aydin (v. l.) in der Ditib-Moschee an der Marburger Straße. © Oliver Schepp

Es ist ein wichtiger Schritt für das interreligiöse und -kulturelle Zusammenleben in Gießen: Drei islamische Gemeinden sowie die jüdische Gemeinde gründen eine gemeinsame Gesellschaft. Sie wollen so einen Beitrag für mehr Toleranz und Verständnis leisten.

Während der Iman der Ditib-Moschee Koranverse singend rezitiert und einige Männer beten, sagt Serkan Görgülü, der zweite Vorsitzende dieser Gemeinde, einen schlichten Satz, der tief geht: »Ich habe bisher keinen jüdischen Freund. Aber ich freue mich, dass sich das nun ändern wird.« Dow Aviv, zweiter Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Gießen, lächelt bei den Worten Görgülüs. In der kommenden Woche wollen die beiden Glaubensgemeinschaften sowie die Islamische Gemeinde Gießen (IGG) und die Buhara Moschee die Gründung der Jüdisch-Islamischen Gesellschaft feiern. Es geht ihnen um einen Beitrag für eine respektvollere, friedlichere und tolerantere Gesellschaft.

Dass in Gießen unterschiedliche Religionsgemeinschaften zusammenarbeiten, ist nicht neu. In den vergangenen Jahrzehnten gründeten Gläubige die Christlich-Islamische Gesellschaft und die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Hinzu kommt der Rat der Religionen. Diese Plattformen ermöglichen Begegnung und Dialog zwischen den Religionsgemeinschaften.

Die Idee, dass Muslime und Juden in Gießen miteinander zusammenarbeiten können und sollten, sei mehrere Jahre alt, erzählt Dr. Halit Aydin, der für die Öffentlichkeitsarbeit der Ditib-Gemeinde zuständig ist. Vor drei Jahren habe er im Magazin »Der Spiegel« einen Bericht über den Holocaustüberlebenden Ivar Buterfas gelesen. »Das hat mich sehr berührt.« Also habe er Buterfas angeschrieben - und schnell eine Antwort erhalten. »Er freute sich, dass ich ihm als Muslim geschrieben hatte.« Die Christlich-Islamische Gesellschaft Gießen organisierte 2021 einen Vortrag mit Buterfas; eingebunden sei auch die jüdische Gemeinde gewesen, sagt Aydin. Ein erster Grundstein für einen engeren Kontakt zwischen den Glaubensgemeinschaften, der mit Hilfe von Pfarrer Bernd Apel vom Rat der Religionen intensiviert werden konnte.

Im April liefen die ersten Vorgespräche zwischen Gießener Vertretern der Religionsgemeinschaften zur Gründung der Gesellschaft. Von Vorteil sei gewesen, dass sich die Teilnehmer aus dem Rat der Religionen kannten, sagt Görgülü, der dieses Gremium als Türöffner bezeichnet. Er habe zuvor keinen direkten Kontakt zur jüdischen Gemeinde gehabt. Plötzlich sei er kurze Zeit später zu Besuch in der Synagoge gewesen. Dies sei ein besonderer Moment für ihn gewesen, sagt Görgülü. Er betont: »Einen Schritt aufeinander zuzu gehen, kann nie zu etwas Schlechtem führen.«

Politik spielt keine Rolle

Klar ist: Der Nahostkonflikt ist auch in Deutschland bestimmend für das Verhältnis von Juden und Muslimen. Es verwundert nicht, dass Aviv davon spricht, dass die Pläne für eine Zusammenarbeit auch für Skepsis bei einigen jüdischen Gemeindemitgliedern gesorgt hätten. Auch Aydin weist auf unterschiedliche Sichtweisen auf beiden Seiten hin. Um Vorurteile oder Unwissen, wie Aviv sagt, abzubauen, brauche es Begegnungen und Informationen. Deshalb werde es in der Jüdisch-Islamischen Gesellschaft um Gießener Fragen gehen, betont Aydin - und nicht um den Nahostkonflikt, in dem sich Israelis und Palästinenser beinahe unversöhnlich gegenüberstehen. Politik werde komplett ausgeklammert.

Im Mittelpunkt, sagt Aviv, sollen kulturelle, traditionelle und religiöse Themen stehen. »Juden und Muslime haben viele Berührungspunkte«, betont er. Zum Beispiel bei religiösen Vorstellungen und Traditionen wie bei der Beschneidung, bei täglichen Gebeten oder beim Essen, das halal oder koscher sein sollte. Görgülü bekommt Gänsehaut, als er die Idee erwähnt, dass Gießener Juden und Muslime zusammen nach Jerusalem reisen könnten, um Orte ihrer Religionen zu besuchen.

»Wir stehen auch vor gemeinsamen Herausforderungen«, betont Aydin und nennt den zunehmenden Antisemitismus auf der einen und den Rassismus gegen Muslime auf der anderen Seite. »Seit dem Aufschwung der AfD haben Beleidigungen auf offener Straße deutlich zugenommen«, sagt er.

Es geht den Beteiligten nicht nur darum, Ängste aufseiten von Gießener Juden oder Muslimen abzubauen, betont Aviv. Ein Ziel müsse auch die Integration der Gemeindemitglieder sein, von denen viele eingewandert sind. Außerdem gelte es, ein Zeichen nach Außen zu setzen und dem Vorurteil entgegenzuwirken, Muslime und Juden könnten nie zusammenarbeiten. Aviv sagt: »Wenn es klappt, gewinnen alle.«

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