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Auf Dauer keine gute Lösung für die Gesundheit: Ein Küchenstuhl im Homeoffice.

Gesund bleiben

Wenn es im Rücken zwickt: Gießener Orthopäde gibt Tipps fürs Homeoffice

  • Christine Steines
    VonChristine Steines
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Deutschland hat Rücken. Erst recht, seitdem das Homeoffice zu Sitzpositionen vor dem PC zwingt, die alles andere als ideal sind. Dass dieses Volksleiden nicht nur ein individuelles Problem ist, sondern immense Summen verschlingt, verdeutlicht Professor Henning Stürz, der ehemalige Direktor der orthopädischen Klinik des Uniklinikums Gießen.

Stundenlanges Sitzen vor dem PC, oft auf dem Küchenstuhl. Der eine hängt mit ausgestreckten Beinen fast unter dem Tisch, die andere thront mit baumelnden Füßen hoch über der Arbeitsfläche. - Das Lümmeln im Homeoffice ist auf den ersten Blick gemütlich, doch bei längerem Hinschauen wird klar: Das hat Folgen für den Rücken.

Dabei plagen Rückenleiden uns ohnehin schon in erheblichem Maße, verdeutlichte Stürz kürzlich bei einer Online-Seniorenvorlesung. Einer Studie zufolge leiden 40 Prozent der Bevölkerung täglich unter Rückenschmerzen, 60 Prozent fallen wegen Rückenschmerzen im Jahr einige Tage am Arbeitsplatz aus, 80 Prozent leiden immer wieder über Beschwerden an der Wirbelsäule. »Das hat eine enorme Bedeutung, denn es entstehen pro Jahr Kosten in Höhe von 15 bis 20 Milliarden Euro«.

Rückenschmerzen seien das in den allgemeinmedizinischen und orthopädischen Sprechstunden am häufigsten genannte Symptom. Die meisten Schmerzen seien dabei unspezifisch. Das bedeute, es gebe dafür keinen Defekt, sondern es handele sich um funktionelle Störungen aufgrund von Über- und Fehlbelastung. Die Wirbelsäule ist ein Gesamtkunstwerk aus einer Gliederkette mit 24 freien Wirbeln, die über Bandscheiben beweglich verbunden sind. Hinzu kommen acht bis zehn Wirbel, die zu Kreuz- und Steißbein verwachsen sind. Die Wirbelsäule bildet die knöcherne Mitte des Körpers und umhüllt das im Wirbelkanal liegende Rückenmark.

Bei knapp der Hälfte der Rückenschmerzen seien die Bandscheiben für Beschwerden verantwortlich, erklärt Stürz. Die Puffer büßten im Laufe des Lebens ihre Elastizität ein, zudem würden sie durch Fehlbelastungen verschoben. In vielen Fällen seien konservative Behandlungsmethoden erfolgreich, betont er. In Deutschland würden Bandscheibenvorfälle aber auch sehr häufig operiert - es gebe etwa 150 000 Eingriffe im Jahr.

Doch bei 80 Prozent der Patienten seien die Beschwerden anatomisch nicht identifizierbar, Sie seien den täglichen Lebensumständen und denen am Arbeitsplatz geschuldet. Bewegungsmangel inklusive einer untranierten Muskulatur sowie Übergewicht seien entscheidende Faktoren. Auf Dauer seien nicht nur die realen Kosten durch Arbeitsausfälle hoch, sondern auch die »psychischen Kosten«. Die Lebensqualität sei beeinträchtigt, die Menschen fühlten sich durch Schmerzen gestresst, dieser Stress mache auf Dauer krank. Neben Lkw-Fahrern, Pflegekräften oder Paketzustellern seien es auch die Menschen im Homeoffice, deren Körper Schaden nehme.

Neben regelmäßigen Pausen und Ausgleich durch sportliche Betätigung ist auch die Gestaltung des Arbeitsplatzes bedeutsam. Dass es daran zurzeit hapert, erlebt Uwe Valentin täglich. Der Kundenberater bei der Firma Büro Funk berichtet, dass seit März 2020 die Nachfrage nach der richtigen Ausstattung im Homeoffice steigt. »Immer mehr Leute haben Beschwerden«, sagt er.

Und was ist der wichtigste Tipp? »Ein guter Stuhl«. Ins schmerzhafte Verderben stürzten sich viele mit ihren Küchenstühlen. Es gebe viele Faktoren, die für das gute Sitzen am PC wichtig seien, letztlich sei aufeinander abgestimmtes Konzept der gesamten Ausstattung zu empfehlen. Zu den wichtigsten Punkten gehöre, dass der Stuhl drehbar sei und Bewegungen nach links und rechts mitmache. Zudem solle er höhenverstellbar sein, auch Rücken- und Armlehnen solle man anpassen können.

Gut sei es, wenn die Arme etwa im 90-Grad-Winkel abgelegt werden könnten, die Füße bequem (Beine ebenfalls 90-Grad-Winkel) auf dem Boden und der Monitor auf Augenhöhe stünden. Ebenfalls solle man darauf achten, dass der Po die Sitzfäche ausfülle und man nicht nur auf der Kante sitze. So könne die die Lendenwirbelsäule durch die Rückenlehne stabilen Halt finden. Bereits minimale Fehlhaltungen führten zu schmerzhaften Verspannungen - etwa wenn die Schultern nach oben gezogen würden. Schließlich kommt ein individueller Wohlfühlfaktor hinzu. Größe, Gewicht, Haltung, Sehfähigkeit, all das spiele eine Rolle. Ideal sei eine Beratung im Fachhandel, betont Valentin - was zurzeit nur bedingt möglich sei. Doch für den Anfang tut es auch ein Telefonat.

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