Oliver Stahl und Claudia Fink sprechen über digitale Gesundheitsunternehmen. FOTO: CSK
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Oliver Stahl und Claudia Fink sprechen über digitale Gesundheitsunternehmen. FOTO: CSK

Wenn Ärzte faxen

  • vonChristian Schneebeck
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Gießen(csk). Sobald das ganze System krankt, hilft kein Herumdoktern mehr. Und dass bei der Digitalisierung in Krankenhäusern und Arztpraxen einiges im Argen liegt, bestritt am Mittwochabend im Roxy am Ludwigplatz eigentlich niemand. "Ohne Fax gäbe es kein Gesundheitssystem", formulierte etwa Thomas Friedl eine provokante These.

Der Professor für Datenschutz und Datensicherheit in der Medizin hielt den Hauptvortrag beim letzten Teil der Ringvorlesung "Verantwortung Zukunft" der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM). Im Mittelpunkt stand dabei die sogenannte Telematikinfrastruktur, die von 2021 an das Gesundheitswesen digital vernetzen soll.

Sicherheitslücken

Mit Arzt- und Praxisausweis, der elektronischen Gesundheitskarte sowie dem "Konnektor", einer Art speziellem Router, besteht dieses System aus vier Komponenten. Das Problem: Es hat offenbar gravierende Sicherheitslücken. So konnten sich IT-Fachleute vom Chaos Computer Club kürzlich jedes der relevanten Bestandteile einfach an eine Wunschadresse bestellen.

Vor diesem Hintergrund skizzierte Friedl "Alternative Möglichkeiten zur digitalen Teilhabe im Gesundheitswesen" - und er plädierte für mehr Eigenverantwortung der Patienten im Umgang mit ihren Daten.

Pro Cloud-Lösung

Statt der Telematikinfrastruktur halte er eine "verteilte Cloud-Lösung" für sinnvoll, erklärte der Wissenschaftler, der diese Variante gerade in einem Projekt testet. Überhaupt seien "dezentrale Lösungen" die bessere Wahl bei der Sammlung und Verwaltung von Befunden. Anstelle der geplanten "elektronischen Patientenakte" wünschte sich Friedl deshalb Optionen, wie Patienten ihre Daten selbst speichern und - je nach Bedarf - Ärzten oder dem Rettungsdienst zugänglich machen können.

Das "E-Rezept", die dritte heraufziehende Revolution im Gesundheitssystem, will der Experte durch ein "Hybrid" ersetzen. So werde nicht der gesamte Inhalt digital, sondern das auf Papier gedruckte Rezept mit einem fälschungssicheren Barcode versehen. Damit könnten Apotheken dann bestimmte Informationen abrufen, während die Identität der Patienten für sie uneinsehbar bleibe. Die notwendigen Techniken seien "absolut niedrigschwellig" verfügbar und die Kosten relativ gering, betonte der Informatiker.

Im zweiten Vortrag sprachen Claudia Fink und Oliver Stahl von dem Pharmaunternehmen Lilly Deutschland über den Weg zum "digitalen Gesundheitsunternehmen. Als Paradebeispiel für zukunftsträchtige Medizin präsentierten sie das Rhön-Klinikum in Bad Neustadt. Niedergelassene Ärzte und eine Klinik kooperierten dort auf engstem Raum - und auf hohem digitalen Niveau. Bei allen Vorteilen, darunter weniger Bürokratie und besser abgestimmte Medikationen, setzten technische Novellen aber stets die Akzeptanz der Patienten voraus.

Mutige Politik nötig

"Wie reagieren Sie, wenn Sie anfangs mit einem Roboter und erst danach mit einem Arzt sprechen?", fragte Stahl die Zuhörer. Die erwiesen sich als technikaffin. Fifty-fifty hieß es bei zwei Spontanumfragen zu der diagnostischen und zu der operativen Überlegenheit von Robotern gegenüber Menschen. 78 Prozent der Teilnehmer erklärten gar, sie würden sich prinzipiell ein Organ aus einem 3-D-Drucker implantieren lassen. "Wir sind hier wohl nicht repräsentativ", stellte Stahl daraufhin mit einem Schmunzeln fest.

In der folgenden Diskussion hörte man freilich auch viel Skepsis. Und ein gemeinsames Plädoyer aller drei Redner: Um das Gesundheitssystem der Zukunft zu entwickeln, brauche es vor allem "mutige Politik".

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