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Dank der Sperrung erobern sich die Kinder den Platz.

Weniger Autos, mehr Platz für Kinder?

  • VonConstantin Hoppe
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Gießen (con). Ist es möglich, Gießen oder auch andere Städte verkehrstechnisch anders zu denken? Diese Frage sowie die Utopie einer kindgerechten Stadtgestaltung trieb am Samstag die Teilnehmer und Organisatoren des Straßenfests »Gießen anders denken« im Alten Wetzlarer Weg um. Veranstaltet von der Initiative »Gießen kindgerecht Gestalten« (GKG), standen von der Glaubrecht- bis zur Hofmannstraße vor allem die Belange der Kinder im Vordergrund, weshalb die Straße zumindest für diesen einen Tag für den Pkw-Verkehr gesperrt war und ausgiebig bespielt und bemalt werden konnte.

Einen starken Kontrast bildete dabei jedoch die Klinikstraße. Hier floss der Verkehr beinahe normal, wenn auch etwas langsamer als üblich. Zwischen den beiden Bereichen des Straßenfestes musste diese immer wieder überquert werden, was noch einmal die Bedeutung der geforderten Maßnahmen verdeutlichte: autofreie bzw. verkehrsberuhigte Zonen um Kindergärten, Grundschulen und andere sensible Bereiche.

Grüne, SPD und Linke im Gespräch

Dafür wurde auch zu jeder vollen Stunde die Klinikstraße für jeweils 15 Minuten von den Teilnehmern mit Tanz- oder Jonglage-Vorführungen in Anspruch genommen. Für diese kurzen Zeitfenster gab es gesichert durch Polizei und Ordnungsamt kein Durchkommen mehr für die Autos - sehr zur Freude der Verkehrswende-Aktivisten. Einige Autofahrer wendeten ihren Wagen sichtlich genervt und fuhren in die andere Richtung weiter.

Der Wandel in der Gießener Verkehrsplanung ist auch großes Thema in der heimischen Politik. Deshalb waren Vertreter der neuen Mehrheitskoalition aus Grünen, SPD und Linken zu einem Politik-Talk gekommen. OB-Kandidat Alexander Wright (Grüne), Kamyar Mansoori (SPD) und Stefan Klaus Häbich (Linke) erläuterten im Gespräch mit Jörg Bergstedt (Projektwerkstatt Saasen) und Diana Schwaeppe die Ziele der Koalition im Bezug auf eine mögliche Verkehrswende in Gießen. Im Koalitionsvertrag nimmt dieser Part viel Raum ein. »Das Gesamtkonstrukt soll einen Beitrag dazu leisten, dass die Stadt klimaneutral wird«, sagte Mansoori. Dazu gehöre auch, allen Verkehrsmitteln den gleichen Stellenwert in der Stadt einzuräumen, betonte Wright. »Wenn wir es schaffen würden, den Anteil des Pkw-Verkehrs in der Stadt um 20 Prozent zu reduzieren und den anderen Verkehrsmitteln den gleichen Anteil einzuräumen, wäre schon viel gewonnen.« Eine von den Organisatoren des Straßenfestes angedachte gleichwertige Verteilung des Verkehrsraums bewertete Wright jedoch als unrealistisch: »Das wird schon alleine deshalb nicht klappen, da Busse oder Autos einfach viel größer als Fahrräder sind.«

Auch die Idee einer »autoarmen Innenstadt« existiert in dem Vertrag: Angedacht ist ein Zufahrtsverbot für den Bereich der Innenstadt. Lediglich Anwohner, Lieferfahrzeuge oder Personen mit Behinderung dürften in die Innenstadt fahren.

Die Schaffung neuer Querungen für Fußgänger ist ebenfalls Inhalt des Koalitionsvertrages. Eine erste von der Bismarckstraße kommend zum Theaterpark ist bereits angedacht. Auch die Ausweisung weiterer Fahrradstraßen ist geplant. Diese könnten deutlich strikter geregelt sein als bisher, sagte Häbich: »Wenn es nach mir gehen würde, wären Fahrradstraßen nur für Fahrräder und maximal die Anlieger frei.« Auch die vermehrte Ausweisung kostenpflichtiger Parkplätze und erhöhte Parkgebühren könnten Werkzeuge sein, um eine Verlagerung der Verkehrsmittel zu erreichen, sagte Wright. Eine Machbarkeitsstudie zur Schaffung einer Regio-S-Bahn sowie einer Regio-Tram ist im Koalitionsvertrag ebenfalls festgehalten - zur Freude der Verkehrswende-Befürworter.

Die Frage von mehr Sicherheit an Kindertagesstätten wurde beim Polit-Talk ebenfalls angesprochen: Die Teilnehmer waren sich einig, dass die Zahl der »Eltern-Taxis« reduziert werden müsse.

Was nach diesem Tag bleibt, sind viele Ideen und Forderungen sowie kleine und große Vorhaben. Was sich davon umsetzen lassen wird, werden die kommenden Jahre zeigen.

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