Die vermeintliche Sitzpolstergruppe von Hito Steyerl besteht aus Sandsäcken, die gegen Wasserfluten standhalten, aber auch gegen Schüsse. FOTO: DKL
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Die vermeintliche Sitzpolstergruppe von Hito Steyerl besteht aus Sandsäcken, die gegen Wasserfluten standhalten, aber auch gegen Schüsse. FOTO: DKL

Wendepunkte der Geschichte

  • vonDagmar Klein
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Kann bildende Kunst politisch sein? Diese Frage wird in der aktuellen Ausstellung in der Kunsthalle mit einem entschiedenen "Ja!" beantwortet. Die Werke aus einer privaten Sammlung richten den Fokus auf Turning Points, auf Wendepunkte der Geschichte.

Schon seit seiner Kindheit sammelt Mario von Kelterborn. Anfangs waren es Briefmarken, die er auch in Ausstellungen präsentierte. Im Studium lernte der in Ost-Berlin Aufgewachsene seine Frau kennen, die aus Stuttgart kommt und mit Kunst groß geworden ist. So verlagerte sich seine Sammelleidenschaft auf die Kunst, anfangs um die weißen Wände der gemeinsamen Wohnung zu schmücken. Daraus wurde allmählich mehr, er begleitet Künstler in ihrer Entwicklung.

Ihn faszinierte zunehmend auch Videokunst, was er mit seiner Begeisterung in der Jugend für Filme erklärt. Und der Fokus auf sozialkritische Kunst? "Das hat natürlich mit meiner Ost-Biografie zu tun", erklärt er beim Pressegespräch. Er war 20, als die Mauer fiel, hat also die Wendezeit in einer sehr intensiven Phase seines Lebens erlebt. Anfangs machten er und seine Frau nur Ausleihen für andere Ausstellungen, seit fünf Jahren präsentieren sie ihre Sammlung auch unter ihrem Namen. Kunsthallen-Kuratorin Nadia Ismail lernte Mario von Kelterborn kennen, als er durch seine Ausstellung im MMK Frankfurt führte, und war begeistert vom ungewöhnlichen Schwerpunkt. Einer Schau in Gießen stimmte er gleich zu, die Auswahl trafen sie gemeinsam.

Das bekannteste Werk hängt im Schaufenster zum Berliner Platz: Das Großformat-Foto von Barbara Klemm zeigt die Berliner Mauer mit einer großen Menge an Menschen davor und darauf am Tag der Wende, dem 9. November 1989. Selbsterklärend und fast meditativ ist das Video von Marcel Odenbach, das drei afrikanische Männer beim Besuch des Louvre-Museums zeigt, genauer beim Betrachten des Gemäldes "Das Floß der Medusa" von Géricault. Das riesige Bild der Schiffbrüchigen auf einem Floß in rauer See, am Rande des Kannibalismus, ist für jeden bewegend. Wie gesteigert muss die Wirkung sein für Menschen, die selbst eine verzweifelte Flucht auf dem offenen Meer hinter sich haben.

Zum aktuellen Jahrestag des Abwurfs der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki passt die Video-Installation von Gary Hill. Drei Bildschirme sind wie ein umgekehrtes T an der Wand übereinander angebracht, davor auf dem Boden liegen zwei Glasskulpturen, die man zunächst nicht einordnen kann. Sie entsprechen in ihrer Form den Atombomben, das wird deutlich, wenn eine davon auf der Video-Installation langsam nach unten fällt und auf dem Boden zerspringt. Das hat durchaus seinen ästhetischen Reiz. "Das gilt für alle unsere Kunst", erklärt der Sammler, "denn über die Ästhetik bringt man die Menschen dazu, sich den oft unangenehmen und schwierigen Themen zu befassen."

Vom Inhalt mehr als krass, in der künstlerischen Bearbeitung hochästhetisch ist das Video auf Großleinwand gegenüber dem Eingang. Der Filmemacher Ismael Joffroy Chandoutis hat sich mit Video-Games beschäftigt, bei denen das virtuelle Spiel in die Realität übergreifen kann, wenn Hacker einem ein Einsatzkommando der Polizei ins Haus schicken. "Swatten" nennt man das und dabei soll schon ein Mensch gestorben sein.

Die auch als Kunsttheoretikerin bekannte Hito Steyerl ist mit einem Video von einer ihrer Vorlesungen an der Berliner Uni vertreten. Thema ist die Unterstützung US-amerikanischer Museen durch die Waffenindustrie, wogegen sich Widerstand unter Künstlern regt. Steyerl mischt kräftig mit. Auf der vermeintlich Sitzpolstergruppe davor sitzt es sich allerdings sehr hart. Es sind Sandsäcke, die gegen Wasserfluten, aber auch gegen Schüsse schützen können.

Eröffnung online am Freitag

Es gibt Führungen und Kunstgespräche, die Termine kann man der Homepage der Kunsthalle entnehmen. Und es läuft eine Kooperation mit www.blindvideo.art, wo weitere künstlerische Videos zu sehen sind und eine Erweiterung der realen Ausstellung bieten. Die Eröffnung am Freitag, 14. August findet ebenfalls online statt, abrufbar auf www.kunsthalle-giessen.de ab 12 Uhr. Die Ausstellung endet am 4. Oktober.

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