Sven Köppe in seinem Büro. Hier berät er seine Mandanten, zu denen auch viele Sportvereine gehören. FOTO: SCHEPP
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Sven Köppe in seinem Büro. Hier berät er seine Mandanten, zu denen auch viele Sportvereine gehören. FOTO: SCHEPP

Die Wende sorgte für die Wende

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Lebenswege sind selten planbar. Meist sorgen Begegnungen und Ereignisse für unerwartete Wendungen. Das trifft auch auf Sven Köppe zu. Nicht nur viele kleine Geschehnisse haben den Gießener Rechtsanwalt dorthin gebracht, wo er heute ist. Sondern auch ein monumentales.

Wir schreiben das Jahr 1989. Die ganze Welt schaut nach Deutschland. Die Mauer, die das Land 28 Jahre lang geteilt hat, wird Geschichte. Die Bürger der DDR haben endlich die Möglichkeit dorthin zu gehen, wohin sie wollen. Das trifft auch auf Sven Köppe zu. Dem damals 17-Jährigen aus Karl-Marx-Stadt steht die Welt gleich in doppelter Hinsicht offen. Schließlich hat er 1989 sein Abitur gemacht. "Auf einmal war da diese Freiheit. Man konnte überall hin", sagt Köppe. Dann lacht er. "Bei mir wurde es ausgerechnet Gießen." Der 48-Jährige will nicht falsch verstanden werden: Er lebt gerne hier in Mittelhessen, die Stadt ist sein Zuhause geworden. Zur Wahrheit gehört aber auch: "Ich wollte eigentlich nie nach Gießen. Und ich wollte auch nicht bleiben."

Kein Journalist durch Mauerfall

Köppe ist ein angesehener Anwalt. Mit zwei Kollegen betreibt er in Wieseck eine Kanzlei. Der Gießener war zudem Präsident des Round Tables und mischt heute bei den Old Tablern und den Rotariern mit. Vor allem aber dürfte Köppe vielen Menschen der Region als einer der Manager der Rollstuhlbasketballer des RSV Lahn-Dill bekannt sein. All diese Rollen hat er nur bedingt angestrebt. "Ich bin da irgendwie hineingerutscht", sagt er. Und nicht nur einmal nahm der Weg bei einem feuchtfröhlichen Abend seinen Anfang.

Köppe wuchs in Karl-Marx-Stadt auf, wie Chemnitz zu DDR-Zeiten noch hieß. Sein Vater war Ingenieur, seine Mutter betrieb einen Friseursalon. "Als Kind hat mir nichts gefehlt", betont der 48-Jährige. Das politische System habe in seinem Alltag keine große Rolle gespielt. Er ging zur Schule, hatte seine Freunde, schaute Westfernsehen und im Sommer ging es in den Urlaub. "Ob man jetzt an die Nordsee oder die Ostsee fährt, macht für ein Kind kein Unterschied."

Als Jugendlicher änderte sich die Wahrnehmung. Vor allem durch die Montagsdemonstrationen. "Damals habe ich gemerkt, dass hier etwas Fundamentales geschieht. Freunde von mir waren bei der Armee. Die lagen schwer bewaffnet an der Grenze. Ein Funke hätte gereicht, um eine Katastrophe auszulösen." Sie blieb aus. Trotzdem beeinflusste der Mauerfall sein Leben nachhaltig.

Köppe wollte Sportjournalist werden. "Ich habe schon als Schüler für den ADN, den Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienst, Artikel geschrieben." Köppe war damit in die Fußstapfen seines Vaters getreten, der für den FC Karl-Marx-Stadt Sportberichte verfasst hatte. Köppe saß sogar beim legendären Europacup-Achtelfinale gegen Juventus Turin im Stadion. "Für mich war daher klar, dass ich Sportjournalist werden wollte." Die zweitägige Aufnahmeprüfung bestand er, der ADN hatte ihm zudem die Zusage für ein Volontariat gegeben. Doch dann kam die Wende. "Da war schnell klar, dass es den Nachrichtendienst nicht mehr lange geben wird." Und so entschied sich Köppe für ein Jurastudium. Damit könne man schließlich später alles machen, auch im Sportbereich. In Augsburg erhielt er einen Studienplatz, über Freunde seines Vaters ergatterte er eine Wohnung. "Alles war vorbereitet", sagt der Gießener. "Doch dann kam Prag."

1990 feierte Köppe zusammen mit Freunden in der tschechischen Landeshauptstadt Silvester. Dabei lernte er auch Leute aus Hungen kennen, die in Gießen anfangen wollten zu studieren. Nach dem ein oder anderen alkoholischen Getränk überzeugten die Mittelhessen die Karl-Marx-Städter, ebenfalls in Gießen zu studieren. Sonderlich ernst nahm Köppe die Sache nicht. Doch einige Zeit später meldete sich eine Freundin und fragte, was die Wohnungssuche in Gießen mache. "Da habe ich mir gedacht: Ein Mann, ein Wort, du schaust dir zumindest mal eine Wohnung an." Lange Rede kurzer Sinn: Am Tag der Besichtigung unterschrieb Köppe den Mietvertrag.

Der Neu-Gießener freundete sich mit der Stadt schnell an. Zumal sie Vorteile hat, die viele Großstädte nicht bieten können. "Meine Freunde in Berlin mussten eine halbe Stunde S-Bahn fahren, um sich auf ein Bier zu treffen. In Gießen ging man einfach in die Ludwigstraße. Spätestens in der zweiten Kneipe kannte man drei Leute." Noch heute schätzt Köppe die überschaubare Größe Gießens. Und ihre zentrale Lage. Gerade in seiner Funktion als Manager der Rollstuhlbasketballer nimmt die Erreichbarkeit eine große Rolle ein. Die Spielstätten der Bundesliga sind über die Autobahnen schnell erreicht, und dank der Nähe zum Frankfurter Airport sind auch die internationalen Auftritte keine unüberwindbare Hürde. Als Köppe beim RSV einstieg, war an Europapokalabende allerdings noch lange nicht zu denken.

Bei einer E-Mail machte es Klick

Es war erneut eine Feier, die Köppes Lebensweg maßgeblich beeinflussen sollte. "Ich habe auf einer Uni-Party Leute kennengelernt, die bei den RSV-Spielen Kaffee und Kuchen verkauft haben." Kaffee und Kuchen mochte Köppe auch, Sport und Geselligkeit obendrein, und so stattete er den Basketballern einen Besuch ab. Schon bald wurde er gefragt, ob er sich nicht im Management engagieren wolle. "Das war 1999. Damals gab es nur eine Handvoll Sponsoren, und manchmal waren nicht mehr als 30 Zuschauer zu den Spielen." Heute kommen im Schnitt 1100 Menschen, was für die Liga absoluter Rekord ist. Hinzukommen unzählige Titel, zum Beispiel 13 deutsche Meisterschaften und sieben Europapokaltriumphe. "Das ist wirklich irre", sagt er. "Es ist erstaunlich, wie die Region das annimmt. Auch Stadt und Politik ziehen mit. Wir können nicht meckern."

Neben dem Basketball ist es vor allem die Arbeit, die Köppes Alltag prägt. Bereits 2003 ist er in die Kanzlei eingestiegen und kümmert sich seither neben Arbeits- und Verkehrsrecht vor allem um das Sportrecht. "Wir vertreten viele Vereine und Verbände der Region", sagt der Jurist. Die wenige freie Zeit, die er noch hat, verbringt er mit seiner Freundin, zum Beispiel beim gemeinsamen Kochen oder bei Reisen in die weite Welt. Bereits seit 21 Jahren sind die beiden ein Paar, geheiratet haben sie aber nie. "Vielleicht kommt da der Anwalt durch", flachst Köppe. Tatsächlich aber hätten die beiden schlichtweg nicht das Bedürfnis gehabt. "Es geht genauso gut ohne Trauschein." Dass die beiden sich damals kennengelernt haben, hat Köppe wie so vieles dem Sport zu verdanken. Wenn auch über Umwege.

Vor 21 Jahren traf Köppe in einer Bar zufällig auf den Manager der südafrikanischen Tennisspielerin Amanda Coetzer, die zwischenzeitlich Nummer drei der Weltrangliste war. Die beiden tauschten sich unter anderem über Vermarktung aus. Am Ende des Gespräch fragte der Tennis-Manager nach Köppes E-Mail-Adresse. "Meine what?" Und so düste Köppen schnurstracks zum Gießener Hochschulrechenzentrum, um sich sein erstes elektronisches Postfach anlegen zu lassen. "Caroline stand vor mir in der Schlange", sagt der Gießener vielsagend. Es hat klick gemacht.

Positiver Blick aufs Leben

Privat glücklich, sportlich wirkungsvoll, beruflich erfolgreich: Das Leben von Köppe scheint stetig bergauf gegangen zu sein? Keine Rückschläge, kein Bruch in der Biografie? "Doch", sagt Köppe nach einem Moment des Innehaltens. "Der Tod meiner Mutter." Sie sei vor 16 Jahren ohne Vorwarnung ins Krankenhaus eingeliefert worden. "Sechs Wochen später ist sie gestorben. Krebs. Sie war erst 56."

Es kann nie gut sein, wenn ein Mensch stirbt. Aber der Tod kann etwas Gutes in Gang setzten. Köppe sagt über sich, das Leben heute mehr wertzuschätzen. Er sei ein optimistischer Mensch, der nicht hadere, sondern nach Lösungen suche. "Ich habe ein offenes und gut gelauntes Gemüt. Ich vernetze gerne und helfe Leuten dabei, zum Beispiel mit den Serviceclubs." Kurzum: Köppe hat eine positive Einstellung zum Leben. Verantwortlich dafür sind Ereignisse und Erlebnisse seiner Vergangenheit. Egal ob glückliche, traurige - oder historische.

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