Weltspitze als virtueller Räuber und Gendarm

Gießen (pd). Auf der blauen Trainingsjacke prangt in Brusthöhe der Bundesadler mit dem Schriftzug "Germany". Darunter trägt Jan Stolle ein Trikot mit dem Emblem "World Cyber Games". Die Wohnung des 23-Jährigen gleicht zwar nicht unbedingt einer Sportarena, dennoch hat der Gießener Mathematikstudent dort alles, was er zum Trainieren braucht - nämlich den Computer.

Gießen (pd). Auf der blauen Trainingsjacke prangt in Brusthöhe der Bundesadler mit dem Schriftzug "Germany". Darunter trägt Jan Stolle ein Trikot mit dem Emblem "World Cyber Games". Die Wohnung des 23-Jährigen gleicht zwar nicht unbedingt einer Sportarena, dennoch hat der Gießener Mathematikstudent dort alles, was er zum Trainieren braucht - nämlich den Computer. In wenigen Tagen beginnt für Jan Stolle das, was für einen Sportler normalerweise der Höhepunkt der Karriere ist. Der Student hat sich als Mitglied der deutschen Nationalmannschaft für die "World Cyber Games" qualifiziert, die am Mittwoch in Köln beginnen. Im elektronischen Sport (eSport) ist diese Veranstaltung vergleichbar mit den Olympischen Spielen. Teilnehmer aus 80 Ländern werden auf dem Kölner Messegelände um den Titel kämpfen.

Jan Stolle tritt mit seinem Team in der Kategorie "Counter-Strike" an, der "Königsklasse im elektronischen Sport". Bis er die Fahrkarte zu den "World Cyber Games" in der Tasche hatte, mussten zahlreiche Konkurrenten aus dem Weg gespielt werden. Weltweit haben sich 1,5 Millionen Spieler um die Qualifikation fürs Finale bemüht, 800 haben es schließlich geschafft.

Aber wie funktioniert "Counter-Strike" überhaupt? Im elektronischen Sport ist es eines der wenigen Teamspiele, berichtet Stolle. Es ist vergleichbar mit einem virtuellen Räuber-und-Gendarm-Spiel. Die "Bösen" versuchen, mit Geiselnahmen oder Bombenattentaten das Gleichgewicht der Gesellschaft durcheinander zu bringen, die "Guten" müssen das verhindern. Wer als erstes Team 16 Runden in diesem Kampf "Gut gegen Böse" gewonnen hat, zieht in die nächste Runde ein.

Selbstverständlich wurde auch Jan Stolle schon mit dem Vorwurf konfrontiert, dass Computerspieler den ganzen Tag vor dem Bildschirm sitzen, nicht sich selbst, sondern nur die Maus bewegen und so langsam verblöden. "Es gibt bestimmt den einen oder anderen, auf den dieses Klischee zutrifft", räumt der 23-Jährige ein. Auch er selbst und seine Teamkollegen verbringen - in diesem Leistungsspektrum fast zwangsläufig - viel Zeit mit ihrem Hobby. "Aber wir haben alle noch unser Studium, ganz normale Jobs und andere Interessen."

Allzuviel Muße bleibt für diese Interessen allerdings nicht, wenn man auf einem Niveau spielt, das für die Qualifikation zu den "World Cyber Games" reicht. Stolle hat den Sprung ins Finale mit der Lindener "Alternate"-Mannschaft geschafft. Vor wichtigen Meisterschaften stehen da schon einmal drei bis fünf Stunden Training am Tag an. Dazu zählen auch mentale und psychologische Vorbereitung. "Motivation und Konzentration spielen eine wichtige Rolle", betont der Student, der schon früh gemerkt hat, dass er ein gewisses Talent für elektronische Spiele besitzt. Mit Game Boy und Konsole konnte er bereits im Grundschulalter bestens umgehen, später hat er elektronischen Wettkampfsport betrieben und sich Spielklasse für Spielklasse hochgearbeitet. Seit vier Jahren ist Stolle für "Alternate" in der Bundesliga aktiv - mit Erfolg. Dreimal war er mit seinem Team Deutscher Meister, zusammen mit den "Mousesports" aus Berlin gehören die Lindener zu den Top-Mannschaften Deutschlands.

Und ein reines Hobby ist die Liebe zum "Counter-Strike" längst nicht mehr. Es gibt einen Transfermarkt mit Ablösesummen und Gehalt, die Prämie für einen Meistertitel liegt bei rund 15 000 Euro. Auch bei den "Cyber Games" gehört die fünfköpfige Mannschaft um Jan Stolle zu den Top-Teams - neben den Mannschaften aus Skandinavien und dem großen Favoriten Südkorea. In dem asiatischen Land hat der elektronische Sport einen Status, den hierzulande nur der Fußball besitzt. Es gibt ein riesiges Zuschauerinteresse und Live-Übertragungen im Fernsehen.

So weit ist es in Deutschland zwar noch nicht, doch auch ohne große Medienresonanz könnte die Reise nach Köln für den Gießener zu einem lukrativen Abstecher werden. Sollte das deutsche Team um Jan Stolle am kommenden Sonntag ins Endspiel einziehen und sich durchsetzen, winkt eine Prämie von 50 000 Dollar.

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