Neueröffnung

Weltladen Gießen rüstet auf

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Der Weltladen Gießen öffnet in neuen Räumen am Marktplatz. Im Stadtzentrum und mit neuem Konzept will der Vorreiter des fairen Handels sich gegen die Supermarkt-Konkurrenz wappnen.

Ein Kleid kaufen im Seltersweg, ein Geschenk im Neustädter Tor und dann noch schnell Gemüse auf dem Markt. Wer geht da noch für einen fair gehandelten Kaffee bis in die Bismarckstraße? Kaum jemand – oder vielmehr nur Stammkunden, so die Erfahrung von Weltladen-Koordinatorin Katrin Schlechtriemen. Ab jetzt soll sich der Kundenkreis jedoch erweitern. Der Weltladen ist umgezogen ins Herz von Gießen. Die neuen Räume unweit des Marktplatzes folgen zudem einem neuen Konzept – auch um sich gegen die Konkurrenz durch die Supermärkte zu wappnen. Am Samstag feiert der Weltladen in der Schulstraße 4, dem ehemaligen Büro-Funk, seine Neueröffnung.

"Es gab schon jetzt eine große Resonanz", sagt Schlechtriemen, als sie in der Woche vor der Eröffnung zwischen Kartons, einer Leiter und halb eingeräumten Regalen steht. "Viele Leute haben schon angeklopft. Sogar eine freiwillige Mitarbeiterin hat sich auf das Plakat im Schaufenster gemeldet."

Das ist auch nötig, denn der Laden sucht weiterhin nach Unterstützung. Denn die ehrenamtlichen Verkäufer arbeiten im neuen Geschäft in 19 Schichten; zuvor waren es nur elf. Allein das Team für Kunsthandwerk und Dekoration ist von drei auf acht Personen angewachsen. Insgesamt 30 Menschen engagieren sich in dem Laden, darunter zwei als Angestellte. Eine davon ist Schlechtriemen.

Neuer Schwerpunkt: Kunsthandwerk

Mit dem Umzug hat sich der Weltladen von 60 auf 80 Quadratmeter vergrößert. An der Theke bekommt man ab Samstag frisch aufgebrühten fair gehandelten Kaffee und Kaltgetränke wie die Limonade Lemonaid. Neu im Sortiment sind Kleinmöbel wie Beistelltische oder Pflanzenhocker, die im großen Schaufenster Platz finden. Neben Kaffee gibt es auch weiterhin Klassiker wie Schokolade, Körbe und Lederwaren

Wir sind die Pioniere des fairen Handels und wollen kein Randdasein fristen

Katrin Schlechtriemen, Ladenkoordinatorin

Grundlegend geändert hat sich das Konzept: Der Laden setzt gezielter Produkte in Szene und sortiert sie nach Themen wie Kochen, Bad oder Wellness. Dabei liegt der Schwerpunkt vor allem auf Kunsthandwerk wie Schmuck, Dekoration und Geschenke. "Wir wollen die Waren wertiger präsentieren und die Geschichten der Menschen besser transportieren, die sie produzieren", sagt sie. Bei Kunsthandwerk sei die Gewinnspanne für die Hersteller meist höher. Lebensmittel würden oft außerhalb der Anbauländer verarbeitet und schmälerten so den Gewinn der Erzeuger.

Den Trend für die Neuausrichtung gibt es nicht nur in Gießen, sondern in den Weltläden deutschlandweit. Grund ist auch der Druck durch Supermärkte, die mittlerweile ebenfalls Fair-Trade-Lebensmittel anbieten. Mit Kunsthandwerk- und Non-Food-Produkten besetzen die Weltläden ein weniger umkämpftes Marktsegment.

30.000 Euro für den Umzug gesammelt

Trotz Konkurrenz zeigt sich die Gießener Ladenkoordinatorin kämpferisch. "Wir sind die Pioniere des fairen Handels und wollen kein Randdasein fristen", sagt sie. Vom Aufschwung ist sie fest überzeugt. "Im alten Laden hatten wir 95 Prozent Stammkunden und fünf Prozent Gelegenheitskäufer. Dieses Verhältnis wird sich nun ändern."

Der Standortwechsel hat den Weltladen rund 40 000 Euro gekostet. Drei Viertel davon konnte das Team mit Spenden oder Darlehen decken. "Die Unterstützung aus der Region ist enorm", sagt Schlechtriemen. Privatleute, Kirchen und Schulen hätten Geld zur Verfügung gestellt. Größte Investition waren die Möbel. Die Tische, Regale und Stangen sind aus zertifiziert nachhaltig produziertem Holz und wurden in einer Behindertenwerkstatt hergestellt.

Große Pläne am Puls der Stadt

Nach der Eröffnungsfeier am Samstag wird sich im Laden dennoch einiges tun. Zum Beispiel soll ein Präsentationstisch angeschafft werden, für den auch weiterhin Geld gesammelt wird. "Es gibt sehr viele Ideen", sagt Schlechtriemen. Das Team wolle etwa mit neuen Non-Food-Produkten experimentieren.

Ein Traum sei es, Kleidung und Tücher in größerem Umfang ins Sortiment aufzunehmen. Auch die Bildungsarbeit und die Kooperation mit ansässigen Gewerbetreibenden soll ausgebaut werden. Mit der Tourist-Info, die bald nebenan einzieht, ist zum Beispiel ein konsumkritischer Stadtrundgang geplant. Insgesamt blickt die Koordinatorin optimistisch in die Zukunft am Puls der Stadt: "Es ist eine Riesenchance für den Weltladen und es wird gut."

Info

Fest zur Eröffnung

In der Schulstraße 4 feiert der Weltladen am Samstag, den 17. März von 10 bis 16 Uhr seine Neueröffnung. Interessierte können Lebensmittel testen wie bunte Kartoffelchips aus Peru, Schoko-Aufstrich aus der Dominikanischen Republik oder Kaffee aus Papua-Neuguinea. Dazu gibt’s Kinderschminken, afrikanisches Haareflechten und ein Gewinnspiel. Lieferanten informieren in Vorträgen zu Kaffee, Tee und Schokolade (13 Uhr), Speckstein (14 Uhr) sowie über Produkte und Partner in Nepal (15 Uhr). Auch Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz spricht auf der Feier. Künftig hat der Weltladen von Mo. bis Fr. von 10 bis 18 Uhr geöffnet und Sa. von 10 bis 15 Uhr.

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